Die neuen Alten - Chefarzt mit 70

Die alte „Lebenstreppe“ hat ausgedient. Mit dem „Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen“ ruft die EU zu einem positiven Umgang mit dem Altern auf

An seine Pensionierung denkt Günter Dill nur mit Schrecken zurück. Als er mit 65 Jahren in den „wohlverdienten Ruhestand“ geschickt wurde, glich das für ihn einer Vollbremsung ins Nichts. Gerade noch hatte er in Rumänien die Vertretung der Konrad-Adenauer-Stiftung geleitet und nun sollte er plötzlich zu Hause sitzen? „Die folgenden sechs Monate waren die Katastrophe“, sagt er. „Ich wusste nicht, wohin mit mir. So eine Erfahrung wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“.

Heute, mit 70 Jahren, steht Dill wieder mit beiden Beinen im aktiven Leben, der vitale Politikwissenschaftler hat in der politischen Bildung und als Experte für die Modernisierung von Kommunalverwaltungen viel zu tun und genießt es sogar, nicht in Jobstrukturen zu stecken, wie er sagt.

Dill hatte das Glück, dass sein alter Arbeitgeber nicht auf seine Erfahrung verzichten wollte und ihm Aufgaben anbot, weitere Angebote folgten. Seine Verzweiflung wich begeistertem Engagement. Was für Dill ein Glücksfall war, soll für die ältere Generation die Regel werden. Sie soll möglichst lange aktiv bleiben, lebenslang lernen, sinnvolle Aufgaben bekommen, teilhaben, ihre Erfahrungen einbringen und/oder Ehrenämter übernehmen. Damit entlasten die Senioren nicht nur die Staatskasse und tragen zum gesellschaftlichen Frieden bei, sie bleiben außerdem länger gesund. Eine Win-win-Situation für alle Generationen.

Der 6. Altenbericht der Bundesregierung, der sich mit Altersbildern in der Gesellschaft befasst und Ende 2010 erschien, hat die Leitlinien für einen Paradigmenwechel formuliert: Der demografische Wandel muss als Gestaltungsaufgabe verstanden werden. Dafür müssen die vorhandenen Altersbilder kritisch hinterfragt und eine neue Kultur des Alters entwickelt werden, die sich weniger einseitig auf Fürsorge und Hilfebedürftigkeit fokussiert, heißt es da. Oder kürzer: „Der demografische Wandel ist ohne die alten Menschen nicht gestaltbar.“

Eine Herausforderung ohne Vorbild

Obwohl Deutschland mit einem Altersdurchschnitt von 44,2 Jahren (2010) die europaweit älteste Bevölkerung hat (16,9 Millionen Bürger sind 65 Jahre und älter) ist die alternde Gesellschaft kein deutsches Problem. Sie zwingt auch die EU zum Handeln. Im Januar 2010 waren 81,1 Millionen der 501,1 Millionen EU-Bürger 65 Jahre und älter, in den kommenden Jahrzehnten wird mit einem jährlichen Anstieg um zwei Millionen Senioren über 60 gerechnet.

Das theoretische Schreckenszenario ist bekannt: Wenn sich nichts ändert, stehen 2060 jedem 65-Jährigen statt bisher etwa vier weniger als zwei Werktätige gegenüber. Um die Mitgliedstaaten anzuregen, sich mit dieser so noch nicht dagewesenen Herausforderung stärker zu befassen, hat die EU 2012 zum „Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen“ ausgerufen. Sie fördert Projekte und Initiativen, die sich mit dem Thema konstruktiv befassen. Als Basismaterial hat der Statistikdienst der Europäischen Kommission, Eurostat, dazu ein statistisches Porträt der Europäischen Union 2012 herausgegeben.

„ Die bei uns immer noch weit verbreitete negative Sicht auf das Alter ist nicht nur falsch, sondern auch schädlich“, sagt Günter Dill, der sich mit den Altersbildern auseinandergesetzt hat. In den Köpfen der Menschen sei die Botschaft der Politik noch nicht angekommen. Immer noch dominierten bei uns drei Umgangsformen mit dem Alter:

„Neben den ‚Agisms’, die das Alter verunglimpfen, steht das ‚Pro-Aging’, das die ‚„neuen Alten’, 60plus bis Mitte 70, propagiert und die Hochbetagten, die Einschränkungen und negativen Folgen des Alters ausblendet. Die dritte ist das ‚Anti-Aging’“: es steht für die ‚jungen Alten’, die ewig jung bleiben wollen und sich dem Altern nicht stellen.“

Das "Dritte Alter" als aktive Lebensphase

Kaum ein 65-Jähriger wird sich heute ernsthaft als alt bezeichnen. Im Durchschnitt hat er in Deutschland noch 17,6 (Männer) bis 20,8 (Frauen) Lebensjahre vor sich. Schon jetzt definiert die Wissenschaft die Zeitspanne zwischen 60 und 80 Jahren als „Drittes Alter“. Einen Großteil dieser Zeit können die meisten Menschen weiter selber für sich sorgen, sich fortbilden, am gesellschaftlichen un und am Arbeitsleben teilhaben, die jüngere Generation unterstützen. „Mit welchem Recht also schieben wir dann 65-,67-Jährige auf die Parkbank?“, fragt Dill.

Der Berliner Gerontologe Prof. Christian Zippel formuliert es vorsichtiger: „Das Rentenalter ist ein weites Feld“, sagt er. Die Altersgrenze auf 67 hochzusetzen sei ein richtiger Schritt gewesen, aber schon heute differierten die Alterslimits stark – je nach Beruf und Arbeitsmarkt: Balletttänzer gehen mit 45 in Rente, Professoren werden mit 68 entpflichtet, haben aber Lehraufträge solange Studenten ihnen zuhören wollen, Kassenärzte können inzwischen praktizieren solange sie wollen. Denn ländliche Regionen kämen ohne die alten Landärzte gar nicht aus.

Auch in der Politik vertrauen wir „Senioren“ wichtige Staatsämter an. Für Selbstständige und Freiberufler stellt sich die Rentenfrage ohnehin so nicht. „Es gibt ihn nicht, DEN Senioren.“ Es müsse neben einer Altersgrenze mehr Flexibilität und individuelle Entscheidungsfreiheit geben.

Deutsche altern nicht gesund

Einen Haken hat die Rechnung mit dem aktiven Dritten Alter jedoch. Um die Gesundheit der deutschen Senioren ist es im EU-Vergleich nicht gut bestellt. Von den 17 bis 20 „Restlebensjahren“ verbringen deutsche Männer und Frauen im Schnitt nur 6,4 bzw. 6,5 Jahre ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen. Die Schweden schaffen das mit 13,6/14,6 Jahren mehr als doppelt so lange. Aber auch Spanier, Griechen und Polen bleiben länger gesund (EU-Durchschnitt 8,2 bzw. 8,4 Jahre).

Länder, die in dieser Statistik besser abschneiden, haben eine aktivere, teilhabendere ältere Bevölkerung und weniger Zugang zu medizinischer Versorgung, analysiert Eurostat diese Zahlen.

Für den Gerontologen Zippel hat der unterdurchschnittliche Befund viel mit der Deutschen „Versorgungsmentalität“ zu tun. „Wir haben ein medizinisches Überangebot. Der Durchschnittsdeutsche geht 18mal pro Jahr zum Arzt, der Schwede nur sechsmal. Auf 1000 Kliniktage in Deutschland kommen dort nur knapp 300“, so Zippel. „Die Deutschen finden mehr Krankheiten und werden so auch eher krank. Es wird zu wenig Eigenverantwortung verlangt.“

Dass darüber hinaus die Teilhabe wichtig ist, sieht auch der Altenmediziner. Ausgrenzung könne zu Isolation, Einsamkeit und Verfall führen. „Wenn man die alten Menschen fordert, motiviert und ihnen etwas zutraut, und sie sich selbst geistig und körperlich fit halten, dann bleiben sie gesünder“, sagt der langjährige Klinikleiter und CDU-Sozialpolitiker. „Allerdings müssen da auch die Gene mitmachen“ . Die beeinflussten nach bisherigem Forschungsstand unser Altern zu etwa 51 Prozent. „Die stärksten gesundheitlichen Auswirkungen zeigte das abrupte Aufhören mit dem Beruf bei 65-jährigen Männern, die für die Folgejahre keinen Plan haben.“

Zuverdienstmöglichkeiten und Weiterbildung

Für den 69-jährigen Zippel hat sich die Frage des Ruhestands nie gestellt, den Vorsitz des Bundesfachausschusses für Geriatrische Rehabilitation hat er erst vor kurzem aufgegeben, seit seiner Pensionierung ist er weiter als Honorarprofessor aktiv, hält einmal pro Woche Sprechstunden und übernahm als Chefarzt die Leitung des Lutherstifts in Frankfurt/Oder. „Wäre all das nicht möglich gewesen, dann hätte ich eben ein Ehrenamt übernommen“, sagt er. „Unvorbereitete trifft der Altersschock gewaltig.“

Doch auch in anderen Bereichen besteht Handlungsbedarf: Damit die Alten am Ball bleiben, müsse das Ehrenamt mit Aufwandsentschädigungen, Zuverdienstmöglichkeiten und fachlicher Weiterbildung aufgewertet werden. Das Bildungsland Deutschland liegt beim Thema Lebenslanges Lernen unter EU-Durchschnitt. Laut Eurostat nahmen 2009 in Deutschland gerade mal drei Prozent der 55–64-Jährigen an Fort- und Weiterbildungen teil. Der EU-Durchschnitt liegt bei 4,6 Prozent. (Dänemark 24, Schweden und Großbritannien 15 bzw. 14 Prozent).

Bei allen noch vorhandenen Defiziten hätte sich in Deutschland im Vergleich mit anderen EU-Ländern am meisten getan, sagt Zippel. Wir haben eine Pflegeversicherung, ein zuständiges Ministerium, aktive Seniorenverbände der Parteien und Gewerkschaften, Senioren entscheiden bei sie betreffenden Gesetzen mit. Seit 1992 muss die Bundesregierung in jeder Legislaturperiode einen Altenbericht vorlegen, der sich längst nicht mehr auf den Aspekt des hilfsbedürftigen Alten beschränkt und die tatsächliche Entwicklung aufzeigt.

„Dass man das Dritte Alter als aktive Phase betrachtet, halte ich als grobe Einteilung für berechtigt“, sagt Zippel. Erst danach, im Vierten Alter, ändere sich das Bild dramatisch. „Mit dem 80. Lebensjahr steigt die Zahl der Demenzkranken und Pflegebedürftigen steil an – von vorher sieben auf 18 bis 25 Prozent. Diese Zeit werde im Bewusstsein und in der Diskussion um die „neuen“ Alten noch zu sehr ausgeblendet. Aber auch die müssten wir mitdenken und neue Formen des Umgangs damit finden.

„Das EU-Jahr des aktiven Alterns hat eine Bestandsaufnahme bei den Kommunen angeregt, auf der man nun aufbauen kann“, meint der Verwaltungsexperte Dill. Es gehe nicht darum, die Alten unter Leistungsdruck zu setzen, sondern um Chancengleichheit und gegen die fahrlässige Ausgrenzung der Alten. „Wir sollten nicht mehr vom Alter reden sondern vom angemessenen Altern“, sagt Dill. Das Wort „ Ruhestand“ hat er jedenfalls aus seinem Wortschatz gestrichen.