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Hungrige Sorgenfresser

Ein Berliner Filmproduzent erfand ein Schmusemonster mit

Foto: Massimo Rodari

Im Frühjahr 2008 wälzte sich Gerhard Hahn schlaflos im Bett. Ein amerikanischer Kunde hatte einen großen Auftrag nicht bezahlt. Sollte er sich auf einen Rechtsstreit vor einem US-Gericht einlassen? Wie würde es weiter gehen mit seiner Filmproduktionsfirma in Berlin? Mit seinen Angestellten? Mit der Familie? Wie das mit Sorgen nun einmal so ist: Mit jeder schlaflosen Minute wurden sie größer. Bis Gerhard Hahn nachts um vier die Lösung fand. Ein Monster musste her, eins, das die Sorgen einfach auffrisst.

Am nächsten Morgen rief Gerhard Hahn seine Zeichner Flavia Scuderi und Sascha Wüstefeld zusammen und diskutierte mit ihnen seine Idee: ein Kuscheltier, niedlich genug, um es mit ins Bett zu nehmen, aber doch mit so entschlossenem Äußeren, dass man ihm abnimmt, mit den Sorgen fertig zu werden. Und vor allem natürlich: mit Reißverschluss, hinter dem die Sorgen verschwinden. Einige Entwürfe und erste Nähversuche später saß der Erste seiner Art auf dem Schreibtisch: Saggo, der Sorgenfresser. Rot-beige geringelter Nickiplüsch, 35 Zentimeter groß – und ein 14 Zentimeter breiter Reißverschlussmund.

Inzwischen gibt es noch zehn weitere Sorgenfresser – den langen, dünnen Sepp, Polli mit den Kringelohren zum Beispiel, oder den grünen Schnulli. Der dickste Sorgenfresser verkauft sich besonders gut: „Wahrscheinlich, weil in ihn so viele Sorgen reinpassen “, mutmaßt Gerhard Hahn. Die von Samuel (9) zum Beispiel, der in der Zeit, als seine Eltern sich trennten, jeden Abend einen Zettel mit seinen Ängsten in das dickliche Monster gesteckt hat. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt er. „Heute füttere ich ihn nicht mehr. Aber er schläft noch immer in meinem Bett und ist mein Lieblingskuscheltier.“

Film in Planung

Gerhard Hahn mag Saggo besonders. Mit ihm hat schließlich alles angefangen. Ein Spielzeugladen in Prenzlauer Berg stellte ihn und zwei Geschwister ins Fenster – einen Tag später waren alle drei verkauft. Es konnte also losgehen. Eine kleine Firma in Ungarn übernahm die Produktion, und die „Sorgenfresser“ begannen ihren Weg in die Spielzeugläden. Zuerst eher in die kleinen Geschäfte in Prenzlauer Berg, Mitte oder Kreuzberg, inzwischen gibt es sie aber auch in Kaufhäusern, und bald sollen sie sogar in Frankreich und Spanien zu kaufen sein. Den Vertrieb haben Gerhard Hahn und sein Team deshalb an ein großes Berliner Spieleunternehmen abgegeben, seitdem werden sie nicht mehr in Ungarn genäht, dafür ist der Preis auch etwas gesunken, zwischen 16 und 25 Euro kosten die Figuren jetzt. Gerhard Hahn konzentriert sich wieder auf seine Aufgaben als Regisseur und Produzent von Zeichentrickfilmen. Sein Unternehmen produzierte die „Werner“-Filme, die TV-Serien um Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen und „Die Schule der kleinen Vampire“. Ab August läuft seine Serie „Mia and Me“ im ZDF.

Aber die Sorgenfresser will er trotzdem nicht aus den Augen verlieren. Zwei Bücher gibt es schon, weitere und ein Film sind im Gespräch. Ganz sicher ist sich Gerhard Hahn allerdings nicht, ob es weitere Geschichten um die Sorgenfresser geben soll: „Eigentlich wollten wir das vermeiden“, erklärt er, „denn je konkreter man wird, desto mehr nimmt man die Möglichkeit, alles in den Sorgenfresser reinzudenken. Anfangs habe es die Idee gegeben, jedem Sorgenfresser eine bestimmte Sorge zuzuordnen: „Aber das fanden wir dann zu verengend.“ Jetzt muss sich jeder Sorgenfresser jedes Problems annehmen. Wie das geht, erklärt das Etikett: „Du hast Kummer? Keiner hat dich lieb? Wo tut’s denn weh? Kein Problem! Schreib oder mal mir deine Sorgen auf und steck den Zettel in meinen Mund. Reißverschluss zu – und wir beide kriegen das schon hin.“

Der Sorge einen Namen geben

Gerhard Hahn ist überzeugt: „Das funktioniert tatsächlich. Man fühlt sich dann schon besser, das ist wie Tagebuchschreiben.“ Ulrich Gerth, Diplom-Psychologe und Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, pflichtet ihm bei: „Seine Sorgen aufzuschreiben hilft auf zweierlei Weise: Erst einmal, indem man anerkennt, dass man überhaupt eine Sorge hat. Und zweitens, indem man der Sorge einen Namen gibt. Das ist wie bei Rumpelstilzchen – wenn man etwas benennt, verliert es oft seinen Schrecken.“

Liegt der Sorge allerdings ein konkretes Problem zugrunde, ist es mit dem Aufschreiben allein nicht getan: „Gegen die Angst vor einer schlechten Note hilft es nicht, einen Zettel in ein Kuscheltier zu stecken“, sagt Ulrich Gerth. Da sollte das Kind überlegen, wie es das Problem lösen könnte. Manchmal bräuchte es dabei die Hilfe eines Erwachsenen – der allerdings nicht den Fehler machen solle, gleich eine fertige Lösung anzubieten. „Die passt oft gar nicht zu einem Kind“, gibt Ulrich Gerth zu bedenken, „außerdem sollen Kinder Lösungskompetenzen entwickeln.“ Besser sei es, das Kind selbst nach Ideen suchen zu lassen.

Und wenn die Eltern gar nicht wissen, was mit dem Kind los ist? „Die Zettel zu lesen, womöglich noch heimlich, ist tabu!“, mahnt Ulrich Gerth. Zwischen Eltern und Kindern gebe es hoffentlich andere Möglichkeiten der Kommunikation – und wenn nicht, sollten die Eltern vermitteln, dass die Kinder auch mit Familien-Fremden über Probleme sprechen könnten.

Kuscheln und Trösten

Zuerst einmal aber können Kinder ihren Kummer bei Rumpel, Saggo und Co. abladen. Elias (8) zum Beispiel fürchtete sich wochenlang vor der Klassenfahrt – gleich drei Nächte ohne seine Familie schienen ihm eine unüberwindbare Hürde. Der große Bruder, die Mutter, die Oma – alle versuchten, ihn mit der Aussicht auf dreieinhalb lustige Tage zu überreden. Nur Saggo nahm seine Ängste einfach so hin – und gab nach der (erfolgreich überstandenen) Klassenfahrt den Sorgenzettel kommentarlos zurück. Sarah (4) schnappt sich bei Gewitter ihren Rumpel, mit dem Blitz und Donner besser zu ertragen sind. Marie (10) ist überzeugt, dass Ernst ihr bei der Vorbereitung auf den Nawi-Test geholfen hat: „Ich hab auf einen Zettel geschrieben, dass ich Angst habe, eine Fünf zu schreiben. Danach konnte ich viel besser lernen“, sagt sie.

Clemens (5) und Cornelius (7) nutzen Saggo und Rumpel vor allem zum Kuscheln. Und zum Trösten: Als Clemens Saggo zum fünften Geburtstag mit in die Kita nahm, verschwand das Kuscheltier. Abends konnte Clemens nicht mehr einschlafen – bis Cornelius ihm seinen Rumpel anvertraute. Inzwischen ist in Clemens’ Bett ein neuer Saggo eingezogen.

Nicht nur Kinder, auch Erwachsene suchen Hilfe beim Sorgenfresser. Gerhard Hahn erzählt von einem Punk, den er vor einigen Monaten im Comicladen traf – mit einem Sorgenfresser für seine Freundin, „weil er mit der gerade Stress hatte“, erinnert sich Hahn. Ob das Kuscheltier die Beziehung gerettet hat? Das kann Gerhard Hahn nicht garantieren. Bei ihm selbst haben sie aber geholfen. Gerhard Hahn schläft wieder durch.

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