Wenn die Tochter ins Ausland geht

| Lesedauer: 8 Minuten
Gerlinde Unverzagt

Foto: privat

Am Flughafen gibt es noch Tränen, dann erkennt unsere Autorin die Vorteile des Au-Pair-Jahres

Es ist alles haarklein besprochen. Gleich nach der Landung in New York würde ich eine SMS von ihr erhalten, die die glückliche Ankunft bestätigt. Auch hat sie mir das hochheilige Versprechen abgerungen, dass ich mir nicht dauernd ausmalen würde, was alles Schlimmes passieren kann, wenn mein Baby sein Berliner Nest verlässt, um nach Texas zu ziehen.

„Ein Jahr ist so schnell vorbei“ , hat sie immer wieder tröstlich gemurmelt, „wirst schon sehen. „ Nur 365 Mal schlafen und dann bin ich wieder da“, versuchte sie sich an einem mütterlich beruhigenden Tonfall, der eigentlich seit 19 Jahren, sieben Monaten und drei Tagen meiner ist. So lange ist es nämlich her, dass ich nicht nur eine Tochter bin, sondern auch eine habe.

Seit diesem Tag hat sich der kosmische karmische Kreis endlich geschlossen. Und jetzt bricht er auf, weil sie geht. Gerade wollte ich einwenden, dass immerhin ich die Mutter bin und außerdem schon groß und mir im übrigen von Anfang an klar war, dass man Kinder nicht kriegt, um sie zu behalten, sondern um sie eines Tages am Flughafen, an Bahnsteigen oder in klapprigen Autos in ihr eigenes Leben zu entlassen.

Doch bevor ich versichern kann, dass ich das schon schaffe und mich außerdem total für sie freue, weil eine wunderbar spannende aufregende tolle Zeit auf sie wartet, schießt sie den nächsten vergifteten Pfeil ab. „Ich freue mich schon total auf meine neue Familie!“

Eine neue Lebensphase

Treffer, versenkt. Meine Tochter wird nicht auf der Suche nach sich selbst den amerikanischen Kontinent bereisen. Sie wird auch nicht der Bildungsvervollkommnung wegen ihre Sprachkenntnisse an amerikanischen Universitäten vertiefen. Sie wird Au-pair.

Auf sie wartet eine komplette Familie, bestehend aus Mama, Papa und zwei reizenden Kindern, die sich schon mächtig auf ihre Miss Lili freuen, denn die wird sich ein ganzes Jahr lang ganz mütterlich darum kümmern, was vordem mein Job war, dass Schulaufgaben gemacht, Zimmer aufgeräumt, Sachen gebastelt und Essen gekocht wird. Streit schlichten, auf Bitte und Danke achten, fürs Zähneputzen sorgen, fiebernde Kinderstirnen kühlen, schlechte Träume verscheuchen und kleinen Kummer beheben.

Und die Eltern dieser Kinder werden sich darüber freuen, dass sie endlich ein bisschen befreiter von den Familienpflichten ihrer Arbeit nachgehen können, weil ein neues Familienmitglied ins Haus steht. Alles in allem ein guter Schritt, eine neue Lebensphase, die für uns, die alten Familienmitglieder beginnt und erst recht für sie, mein großes Mädchen, das jetzt erwachsen ist und in die Welt geht.

Deswegen stehen wir jetzt am Flughafen Tegel und müssen irgendwie einen halbwegs vertretbaren Abschied hinkriegen. Warum nur wirkt sie jetzt auf mich so klein, so schutzbedürftig, wie ein Baby mit Reisepass? Weinen ist nicht, so war’s verabredet – daran erinnert mich ein strenger Blick meiner Tochter, die unendlich überlegen mit ihrem Ticket wedelt und ich beiße mir auf die Lippen.

Um uns herum zucken unzählige Mädchenschultern, werden feste Umarmungen und heiße Treueschwüre ausgetauscht, hier und da wird ein Schluchzer laut. Die wenigen Jungs, die zum Abschied mitgekommen sind, blicken angestrengt in verschiedene Richtungen, die Hände eingetascht, die Schultern hochgezogen versuchen sie sich den Anschein zu geben, rein zufällig hier zu sein.

Ich atme tief durch und schau verstohlen auf die Uhr. Quälend langsam tropfen die Minuten, bis sie sich dann endlich losreißen muss, sich in die Reihe der vielen anderen weinenden Mädchen stellt, um nach Amerika zu fliegen. Und was haben wir nicht alles noch auf den letzten Drücker zusammen gemacht – die letzte Woche eine einzige sentimentale Finissage: noch einmal Milchreis essen, noch einmal nach Werder fahren und am Wasser sitzen, noch einmal im Park Sanssouci spazieren gehen, noch einmal Würstchen im Schlafrock zum Abendessen.

Es schien fast, also ob sie mit all diesen noch einmal Schwung holt – und jetzt kurz vorm Absprung alle Kräfte zusammennimmt. Deswegen durften ihre drei Geschwister auch nicht mit zum Flughafen. „Wenn ihr heult, macht ihr’s mir noch schwerer“, hat sie jede Diskussion beendet. Und jetzt ist sie weg.

Die SMS kam dann tatsächlich, sogar schon einen Tag später als abgemacht. „Wenn du nichts von ihr hörst, ist alles in Ordnung“, bescheidet mich meine Mutter am Telefon. „Da ist wie bei dir damals, schon vergessen?“, intoniert sie knallhart in meine Besorgnis.

„Mama hier ist ein Erdbeben. Was soll ich machen?“, steht da in der SMS aus New York und mein Herz blieb gleich mit stehen. Ja, was soll ich jetzt machen? Fernseher an, Computer an, Internet durchforstet, Wetter in New York gegoogelt auf Teufel komm raus. Dann kommt endlich wieder eine SMS von ihr. „Mama hier kommt ein Sturm. Ich weiss nicht ob ich nach Austin fliegen kann.“

Du lieber Himmel, woher soll ich das denn wissen? Innerhalb von einer Stunde habe ich mit einem Freund in San Francisco telefoniert, der Hobbypilot ist und sich auskennt mit dem Wetter: Wenn sie in der nächsten Stunde losfliegt, kann’s klappen. Die texanische Gastmutter, bei der ich anrufe, versteht die Aufregung gar nicht. Von ihr erfahre ich, dass meine Tochter längst unterwegs ist.

Kontakt via Facebook

Ich weiß, dass sie gut angekommen ist. Ihr kleiner Bruder hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie bei Facebook eine Gruppe namens „stay abroad“ gegründet hat und dort Fotos und Texte gepostet hat. „Es geht ihr total gut“, beschwichtigt er mich und schlägt vor, dass ich mal frage, ob ich der Gruppe beitreten darf, denn dann würde ich auch immer das Neueste erfahren.

Eine Woche später dann kommt eine Mail. „ Tschuldigung Mama, ich hab einfach vergessen, Dir Bescheid zu sagen. Alles supi.“ Zum ersten Mal denke ich, dass es auch nicht nur schlimm ist, dass sie jetzt für ein Jahr weg ist. Blitzschnell notiere ich im Kopf, auf was ich gut verzichten kann: Schnippische Antworten, gebrochene Versprechen, beleidigtes Anschweigen, Milchreiskochen sowieso, beinharte Vorwürfe, weinerliche Beschwerden, giftige Bemerkungen, nächtelange Partys und tagelanger Schönheitsschlaf, strenge Zurückweisungen, ein unfassbar chaotisches Zimmer, Geschrei, Türenknallen.

Wochen später kommt erst ein komischer Ton, dann ein vertrautes Stimmchen aus dem Computer. „Hey mum, bist du on?“, tönt es aus den Tiefen des Bildschirms. „Hi mein Schatz! Ich kann dich hören! Geht’s dir gut?“ , schreie ich begeistert los. „Chill mal, Mama!“, lässt sie sich vernehmen. Es klingt ein bisschen von oben herab. „Du musst nicht so schreien. Ich bin zwar weit weg, aber nicht taub.“

Dann tapert sie mit ihrem neuen iPhone durch ein Haus in Texas. Ich sehe ihr Zimmer und das ist ein Wunder: Es ist picobello aufgeräumt. Amerika, du hast es besser! Ihr Deutsch trägt bereits texanischen Akzent, und öfter fallen ihr die deutschen Worte nicht ein. „Fühlt euch alle embraced!“, ruft sie zum Abschied.

Wir haben bis zum Morgengrauen geredet, über Gott und die Welt, das Leben, die Liebe und was sonst noch so alles vorkommt. Mit Reden und Zuhören und ohne schnippische Bemerkungen, wie einander wohlgesonnene Erwachsene, als Gleiche, Ebenbürtige – eben au pair.