Quatsch machen: Mangelhaft

Heute bekommen Berliner Schüler Zeugnisse. Was kommt eigentlich dabei heraus, wenn Kinder ihren Eltern Noten geben?

Foto: HARALD THIERLEIN

Berlin - Deutsch: sehr gut? Mathe: nur aus­rei­chend? Die Som­mer­fe­rien stehen vor der Tür, doch eine Hürde gibt es für die Schul­kin­der noch zu nehmen: die Zeug­nis­aus­ga­be. Viel­leicht fällt nicht jede Note glänzend aus. Aber bevor Sie, liebe Eltern, anfangen zu nörgeln: Wie sieht es ei­gent­lich mit Ihren Leis­tun­gen aus? Wie zufrieden sind die Kinder mit ihren Müttern und Vätern? Wir haben nach­ge­fragt und einmal Kinder gebeten, ihren Eltern Zeugnisse aus­zu­stel­len -in den Fächern, die für den Nachwuchs wichtig sind: wie Spielen und Sport treiben, Kochen, bei Schul­ar­bei­ten helfen, Fahr­diens­te, Styling oder Vorbild sein. Hier die über­ra­schen­den, rührenden und immer ehrlichen Er­geb­nis­se.

Shayla (7) benotet ihren Vater Arne Reiter (36):

Shayla (7) hat selbst noch nie Noten bekommen, nur eine schrift­li­che Be­ur­tei­lung. Doch weiß sie schon ziemlich gut, was die Zahlen bedeuten, und benotet ihren Vater mit sicherem Gespür. Im "Vor­le­sen" gibt es eine 3, im "Kochen" eine 4 und im "Quatsch machen" sogar nur eine 5. Arne Reiter schaut entsetzt. "Papa, diese Sachen machst du gut, aber viel zu selten", begründet Shayla ihr strenges Urteil. "Sie hat recht, das ist eine ehrliche Ein­schät­zung", muss Arne Reiter zugeben. Er ist fest ent­schlos­sen, sich zu bessern: "Vor allem die 5 in 'Quatsch machen' muss weg. Und ich fürchte, ich muss ko­chen..." Shayla weiß auch schon, was: ihr Lieb­lings­es­sen, Ei­er­ku­chen mit Zucker und Zimt. "Oh je", meint Arne Reiter und schaut Hilfe suchend zu seiner Frau, die sich ein Grinsen nicht ver­knei­fen kann. "Hof­fent­lich haben wir dafür ein Rezept." Shayla freut sich schon über den guten Vorsatz und sagt: "Papa, ich finde dich toll!"

Lea (9) schreibt Zeugnisse für ihre Mutter Corinna Lindbach (43) und ihren Vater Jochen Lindbach (46):

Corinna Lindbach sieht gelassen zu, wie ihre Tochter Lea das Zeugnis ausfüllt. "Im Alter von neun Jahren sind die Kinder noch milde ge­stimm­t", hofft sie und vermutet: "Bei Leas elf­jäh­ri­gem Bruder Roman würde die Be­ur­tei­lung bestimmt kri­ti­scher aus­fal­len." Die 43-​​Jäh­­rige wird nicht ent­täuscht: Ihr Zeugnis ist her­vor­ra­gend und enthält nichts als Einsen. "Ich finde meine Mutter klasse", sagt Lea, die selbst im letzten Zeugnis fast nur mit "Sehr gut" beurteilt wurde. Einen Mi­nus­punkt findet Lea dann aber doch: "Manchmal hat sie nicht so viel Zeit für uns", schreibt die Neun­jäh­rige unter "Be­mer­kun­gen". Sie wünscht sich, dass ihre Mutter mehr mit ihr spielt, zum Beispiel Fangen. Mutig lässt sich auch Vater Jochen Lindbach (46) ein Zeugnis aus­stel­len. Ergebnis: ebenfalls lauter Einsen. Das über­rascht ihn: Bei "Kochen" hätte er mit einer 2- gerechnet und bei "Ge­schen­ken" mit einem Tadel: "Davon gibt es doch nie genug!" "Manchmal schimpft er mit uns", merkt Lea bei ihrem Vater an. Doch sie gibt zu: "Na ja, er hat ja auch recht - meistens je­den­falls."

Jonas (7) bewertet seine Mutter Kathrin Gräbert (35):

"Ich hab' keine Angst, Jonas und ich verstehen uns gut", sagt Kathrin Gräbert, während ihr Sohn ge­wis­sen­haft das Zeugnis ausfüllt. "Am besten werde ich wohl beim Kochen ab­schnei­den, denn das mache ich gern. Im Quatsch machen bin ich dafür viel­leicht nicht so gut." Mit ihrer Ein­schät­zung liegt die Mutter richtig. Im Fach "Kochen" bekommt sie eine 1+, "weil die Fisch­stäb­chen und der Griesbrei so lecker sind", sagt Jonas. "Quatsch macht meine Mutter aber gar nicht und auch keinen Sport. Ich würde mir wünschen, dass sie mal mit mir rennt, Fußball oder Ball über die Schnur spielt." Mit den Fahr­diens­ten, dem Spiel­fak­tor und den Ge­schen­ken seiner Mutter ist Jonas dagegen sehr zu­frie­den. "Das schönste Geschenk kommt al­ler­dings noch", sagt der Sie­ben­jäh­ri­ge. In ein paar Tagen hat er Ge­burts­tag, "und da bekomme ich einen Nintendo DS. Hof­fent­lich."

Niklas (10) stellt seiner Mutter Petra Hanysz (33) ein Zeugnis aus:

Niklas tut sich schwer damit, das Zeugnis für seine Mutter aus­zu­fül­len - vor allem, weil sie ihm dabei neugierig über die Schulter schaut. Be­ein­flus­sen lässt sich der Zehn­jäh­rige aber nicht. Ein "gutes" Vorbild sei seine Mutter, findet er, und bei "Fahr­diens­ten" sogar über­ra­gend: Da gibt es eine 1+. Das Fach "Vor­le­sen" benotet er dagegen nur mit "aus­rei­chen­d". Obwohl er schon längst selbst lesen kann, würde er gern hin und wieder noch mal mit seiner Mutter schmö­kern, so wie früher vor dem Ein­schla­fen. Mutter Petra Hanysz ist mit ihrem Zeugnis zu­frie­den. Nur die 2+ im Fach "Styling" wurmt sie: "Da hätte ich gern eine Eins!" Sie solle ihre Haare öfters mal anders tragen, regt Niklas an, sonst sähe sie schon prima aus. Das größte Kom­pli­ment macht Niklas seiner Mutter al­ler­dings unter Be­mer­kun­gen: "Sie hat wenig Zeit", schreibt Niklas, "aber sie nimmt sich Zeit für mich."

Cora (7) schreibt ein El­tern­zeug­nis für ihre Mutter Ellen Dauert (48):

Ellen Dauert hat schon viele Zeug­nis­aus­ga­ben über­stan­den: Sie hat zwei große Kinder, 29 und 26 Jahre alt, und Nach­züg­ler Cora (7). Ein El­tern­zeug­nis hat sie al­ler­dings noch nie bekommen. "Boah, ist das schwer, das kann ich nicht", stöhnt Cora beim Aus­fül­len. Ihre Mutter ermutigt sie wei­terzu­ma­chen: Jetzt will sie es wissen. Über die Note 2 bei "Sport" staunt Ellen Dauert: "Da hätte ich mir eine Fünf gegeben." Doch sie weiß ihre Leis­tun­gen gut aus­zu­glei­chen, zum Beispiel mit Spielen: "Cora und ich spielen gern Karten, Ge­sell­schaftss­piele oder malen zu­sam­men." Bei Fahr­diens­ten bekommt Ellen Dauert eine 3. "Mama kann nicht Auto fahren, dabei ist das so bequem", begründet Cora die Note. "Mit Mama fahre ich Bus oder Fahrrad." Coras Be­mer­kun­gen sind sehr konkret: "Ich mag wieder ins Kino", wünscht sie sich. Sie hat es sehr genossen, neulich mit Mama "Rapunzel - neu verföhnt" zu gucken.