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Leben im Kraftwerk

Eine vierköpfige Familie aus Prenzlauer Berg testet das "Energieeffizienzhaus Plus" ein Jahr lang auf Alltagstauglichkeit. Nicht nur Katze Susi gefällt es dort

Foto: Massimo Rodari

Ein­ge­keilt zwischen der Bun­des­an­stalt für Im­mo­bi­li­en­auf­ga­ben und einem Hochhaus neueren Datums steht der an­thra­zit­far­bene Kubus. Mitten in Char­lot­ten­burg, an der Fa­sa­nen­stra­ße, unweit des "Gür­tel­tie­res" und des Kudamms. Aus den ge­öff­ne­ten Fenstern der ge­gen­über­lie­gen­den Uni­ver­si­tät der Künste schallt Kla­vier­ge­klim­per herüber, in der Einfahrt stehen zwei Elek­tro­au­tos zum Aufladen. So also sieht die Zukunft aus. Zumindest für das Bun­des­bau­mi­nis­te­ri­um. Sie stellten dort das 1,75 Millionen Euro teure Vor­zei­ge­pro­jekt "Ef­fi­zi­enz­haus Plus" auf. Das Haus pro­du­ziert mehr Energie, als es ver­braucht. Ob es auch all­tags­taug­lich ist, sollen Jörg Welke (42), seine Frau Simone Wiechers (42), die beiden Kinder Freyja (12) und Lenz (8) und Katze Susi nun her­aus­fin­den. Die Familie hat für ein Jahr ihre Al­t­­bau-Woh­­nung in Prenz­lauer Berg gegen das High-Tech-Haus in Char­lot­ten­burg ge­tauscht.

Dauernd Gruppenführungen

Katze Susi streckt sich auf dem Gar­ten­stuhl und schnurrt. Die alte Kat­zen­dame fühlt sich of­fen­sicht­lich wohl. "Am Anfang hat ihr der Umzug aber gar nicht ge­fal­len", sagt Freyja, "da saß sie nur unter dem Bett und wollte sich nicht mehr anfassen lassen." Zum einen war sie sicher gestresst durch das neue Umfeld, aber noch heftiger war für Susi der Rummel. Jeden Tag liefen Gruppen von Menschen durch das Haus. Jour­na­lis­ten, Stu­den­ten, Wis­sen­schaft­ler. Freyja führte Reporter der Kin­­der-Nach­rich­ten­­sen­­dung "Logo" durch das Haus, erklärte Displays und Schalter. "Dass das Interesse so groß sein würde, haben wir nicht gedacht", sagt Jörg Welke. "Das ist schon ziemlich an­stren­gend. Aber auch schön. Wir sind hier jetzt so ein bisschen zu Ener­gie­bot­schaf­tern ge­wor­den."

Jörg Welke steht an der Es­pres­so­ma­schine in der Küche und schäumt Milch auf. Die offene Wohnküche ist der Haupt­auf­ent­halts­raum des Hauses. Er ist groß und schön hell. Am Esstisch wird gespielt und abends auf dem riesigen Flach­bild­schirm in der Sofaecke fern­ge­se­hen. "Der Fernseher ist super", sagt Freyja. "Da hat man auch gleich­zei­tig immer Internet und kann Emails lesen. Das kann unser Fernseher zu Hause nicht." Im ersten Stock befinden sich ein großes Schlaf­zim­mer und zwei Kin­der­zim­mer. Dieser Bereich ist für Besucher tabu. "Ein bisschen Pri­vat­sphäre muss sein", sagt Jörg Welke. In seinem Zimmer spielt Lenz gern Gitarre oder baut seine Eisenbahn auf. Manchmal muss er die Schienen bis unter das Bett verlegen, weil der Platz nicht reicht. "Die Kin­der­zim­mer könnten etwas größer sein", sagt der Acht­jäh­ri­ge. "Es ist ein bisschen un­ge­recht, dass meine Eltern ein riesiges Schlaf­zim­mer haben und unsere Zimmer kleiner sind." Auch Freyja könnte gut ein paar Qua­drat­me­ter mehr ge­brau­chen. Sie spielt Cello und hat auch oft Freun­din­nen zu Besuch. "Da wird es manchmal ein bisschen eng", sagt sie. "Aber sie kommen trotzdem alle gern her, weil sie das in­ter­essant finden, wie wir hier wohnen."

Auf den 130 Qua­drat­me­tern Wohn­flä­che sind die neuesten tech­ni­schen Er­run­gen­schaf­ten auf dem Gebiet der Ener­gie­ef­fi­zi­enz verbaut. Dank Wär­me­pumpe und mo­d­erns­ter Fo­to­vol­taik-An­lage auf Dach- und Fassa­den­flä­chen pro­du­ziert das Haus mehr Strom, als es ver­braucht. Die Energie wird in einer Hoch­leis­tungs­bat­te­rie ge­spei­chert und unter anderem dazu genutzt, die Elek­tro­fahr­zeuge - zwei Autos und zwei Räder - zu betanken. Das Ein­fa­mi­li­en­haus ist somit ein ei­gen­stän­di­ges kleines Kraft­werk, das seinen Über­schuss an Strom in das öf­fent­li­che Netz ein­spei­sen kann.

Gesteuert wird diese Technik von Familie Welke-Wie­chers über zwei Touch­pa­nels im Haus sowie über Smart­pho­nes. So kann Jörg Welke zum Beispiel schon am Tag vor einem geplanten Ausflug vorgeben, wann er ein Fahrzeug nutzen und welche Strecke er nehmen möchte. Ein Re­ge­lungs­sys­tem ermittelt dann eine optimale La­de­stra­te­gie für die Autos. Auch die Jalousien des Hauses lassen sich über die Smart­pho­nes steuern. "Das ist ganz prak­tisch, aber nicht unbedingt not­wen­dig", sagt der His­to­ri­ker, der für die Öf­fent­lich­keits­ar­beit eines Um­welt­in­sti­tuts arbeitet. "Zum Teil ist das auch viel tech­ni­sche Spie­le­rei, die im Alltag nicht unbedingt sein muss", findet er. Sein Sohn Lenz sieht das ganz anders und lässt gerne per Smart­phone die Au­ßen­ja­lou­sie des Hauses rauf- und run­ter­fah­ren. "Das geht alles total einfach", sagt der Grund­schü­ler be­geis­tert.

Technik regeln per Smartphone

Und nicht nur das: Einige tech­ni­sche Raf­fi­nes­sen sind wirklich gut durch­dacht. Im Moment hat es Jörg Welke zum Beispiel die Funktion angetan, mit der man eine "S­ze­ne­rie" her­stel­len kann. "Wenn wir zum Beispiel die Szene "Abend" ein­rich­ten möchten, brauchen wir nur alle Lampen, die abends leuchten sollen, an­schal­ten, die ent­spre­chen­den Jalousien hoch- oder run­ter­fah­ren oder in einem be­stimm­ten Winkel ankippen. Dazu werden noch die steu­er­ba­ren Steck­do­sen mit Lava- und Stehlampe ge­schal­tet und dem System gesagt, dass es diese Szene 'lernen' soll. Zu­sätz­lich können wir diese Szene au­to­ma­ti­sie­ren, das heißt, sie stellt sich immer dann ein, wenn, sagen wir mal, die Sonne untergeht plus 15 Minuten." Die Szene "Nacht" wiederum mache alles duster, fahre die wenigen noch nicht ge­schlos­se­nen Jalousien herunter und schalte die Be­we­gungs­mel­der aus, erklärt der Fa­mi­li­en­va­ter, der bislang in seinem Leben ei­gent­lich nicht besonders tech­ni­kaf­fin war, aber mitt­ler­weile zum Experten für in­no­va­tive Haus­tech­nik geworden ist. En­thu­sias­tisch fährt er fort: "Das ganze funk­tio­niert natürlich auch morgens. Wir brauchen keinen Wecker, sondern bestimmen einfach vorab, wann es im Haus hell werden soll. Dann wachen alle auf. Das ist sehr an­ge­nehm."

Dass sich das Haus dem Leben der Familie anpasst, wird sicher zu den Dingen gehören, die den Welke-Wie­chers fehlen werden, wenn sie nach den 15 Test­mo­na­ten wieder in ihren alten Kiez nach Prenz­lauer Berg ziehen. "Und die Elek­tro­au­tos auch", sagt Freyja. "Ich habe mich schon sehr daran gewöhnt, dass ich jetzt immer mit dem Auto zur Schule und zum Mu­sik­un­ter­richt gebracht werde. Vorher bin ich ei­gent­lich immer Rad ge­fah­ren." Denn bis zu ihrem Einzug in das Ener­gie­ef­fi­zi­enz­haus hatte die Familie gar kein Auto. "In der Stadt kommt man mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und dem Fahrrad gut klar", sagt Vater Jörg Welke. "Und wenn wir einen größeren Ausflug machen wollten, haben wir uns eben ein Auto ge­lie­hen."

Doch auch er muss zugeben, dass er sich an die Be­quem­lich­keit mit dem eigenen Auto vor der Tür schon ziemlich gewöhnt hat. "Vor allem, weil man ja kein schlech­tes Gewissen haben muss, wenn man die Kinder damit durch die Gegend kut­schier­t." Schließ­lich pro­du­ziert den Strom, den das Auto ver­braucht, ihr Haus selbst. "Man muss nur auf­pas­sen, dass man dadurch nicht anfängt, mehr Energie zu ver­brau­chen", sagt er. Das Ziel müsse weiterhin sein, Energie zu sparen. "Und wenn mehr pro­du­ziert als ver­braucht wird, sollte man die Energie ins Netz ein­spei­sen und sich bezahlen lassen können. So bleibt der Anreiz, Energie zu sparen und nicht zu ver­schwen­den", findet Jörg Welke.

Das hat der Vater auch von Anfang an versucht, seinen Kindern zu ver­mit­teln. "Um­welt­be­wusst­sein hat in unserer Familie immer eine große Rolle ge­spiel­t", sagt Jörg Welke. "Da ist es spannend für uns, mal eine Weile in einem Haus zu leben, das unter Ener­gie­ge­sichts­punk­ten alle im Moment ver­füg­ba­ren Techniken aus­schöpft." In einem Jahr ziehen sie wieder in ihre Al­t­­bau-Woh­­nung mit Gärtchen im Hof. Unter Ener­­gie­spar-Ge­­sichts­­punk­ten natürlich ein Rück­schritt. "Aber wir werden genau wie vorher auf unseren Ener­gie­ver­brauch achten. Und trotz aller Be­quem­lich­keit werden wir auch kein Auto an­schaf­fen", sagt Jörg Welke. Ein re­gel­mä­ßi­ge­res Cars­ha­ring mit Elek­tro­au­tos könne er sich aber schon vor­stel­len.

Freyja und Lenz freuen sich aber auch schon wieder auf Zuhause. Auf kurze Wege zu den Freunden, der Mu­sik­schu­le, zum Sport und zur Schule. "Aber vor allen Dingen auf unseren Garten", sagt Freyja. "Der ist zwar kleiner als der hier im Ef­fi­zi­enz­haus, aber dafür wächst da ganz viel. Im Moment zum Beispiel richtig leckere Erd­bee­ren."