Familienplanung

Ja, nein – oder doch?

Vater, Mutter, Kind – und dann die Frage: Wollen wir ein zweites? Vor allem, wenn beim ersten die Geburt und Stillzeit problematisch waren, fällt die Entscheidung vielen Eltern schwer

Foto: Marion Hunger

Die erste Geburt, die Désirée Galka-Arndt erlebt hat, war anstrengend. 36 Stunden ließ Töchterchen Fiona auf sich warten. Als sie dann da war, war die Freude groß. Doch bald wurden auch die Tage danach anstrengend und die Nächte auch, da die Kleine nicht aufhören wollte zu weinen. Irgendwann beschlossen Désirée Galka-Arndt und ihr Mann Rainer, sich Hilfe zu holen, und besuchten die Schreiambulanz, eine Sprechstunde, in der Eltern Hilfe finden, deren Babys exzessiv schreien. Mit der Zeit wurde es tatsächlich besser, die junge Mutter konnte sogar ihr Studium fortsetzen. Eigentlich hatte sich das junge Paar aus Friedrichshain immer zwei Kinder gewünscht. Aber den Gedanken daran schoben die beiden lieber erst einmal auf.

Désirée Galka-Arndt und ihr Mann Rainer sind keine Ausnahme, die meisten jungen Eltern wünschen sich zwei Kinder. Studienergebnisse des „Staatsinstituts für Familienforschung“ in Bamberg besagen sogar, dass diese Familien auf lange Sicht tatsächlich am zufriedensten sind. Doch wenn Eltern die Realität mit Kind einmal kennengelernt haben, verändern sich mitunter Vorstellungen über die Familienplanung, die vorher unumstößlich schienen. Zweifel kommen auf: Reichen Zeit, Geld, Nerven, Liebe?

„Wenn man unbedingt ein zweites Kind möchte, dann muss man die Begleitumstände in Kauf nehmen“, sagt Rainer Arndt (34) heute. Er weiß wovon er spricht: Vor zwei Monaten ist der kleine Felix auf die Welt gekommen. Ein Wunschkind, sagen die Eltern, wenngleich die Gedanken, die sie sich vorher gemacht hatten, andere waren als bei Tochter Fiona. Das fing mit der Angst vor der Geburt an, die tatsächlich auch dieses Mal mehr als 30 Stunden dauerte. „Unsere Tochter ist mittlerweile fünfeinhalb. Eigentlich hatten wir auch einmal an einen Altersunterschied von zwei oder drei Jahren gedacht“, sagt Désirée Galka-Arndt (31). Doch nachdem sie zum ersten Mal Mutter geworden war, habe sie erst einmal ihr Lehramtstudium abschließen wollen. „Mit Fiona lief die letzte Zeit alles ganz routiniert ab. So ein kleines Baby bedeutet da jetzt noch einmal eine ganz schöne Umstellung.“

Zweites Kind als „Nagelprobe“

Eine Umstellung, für die sich Rike Drust bisher noch nicht bereit fühlte. Die Autorin des Buches „Muttergefühle“, in dem sie schonungslos ehrlich und äußerst unterhaltsam den Alltag mit Kind schildert, fühlt sich zurzeit umgeben von Freundinnen, die wieder schwanger sind oder gerade das zweite Kind bekommen haben. Sie sei gespannt, was das mit ihr machen wird, sagt sie. „Manchmal, wenn ich in unserem Schrebergarten sitze und meinen Sohn beobachte, dann vermisse ich den zweiten kleinen Menschen, der gar nicht da ist.“ Erstaunlicherweise seien es oft Paare mit mehreren Kindern, die bei anderen Druck aufbauten. Sie selbst habe sich schon Sätze anhören müssen wie „Mit einem Kind ist man ein Paar mit Kind, mit zwei Kindern eine Familie“ oder „Nur ein Kind ist keine artgerechte Haltung“. Nun, da Sohn Oskar drei Jahre alt ist, genieße sie es, wieder „alles machen zu können“. Dazu gehört ihr Beruf als Werbetexterin. Dazu gehört aber auch das Mehr an Zeit, das sie und ihr Mann in die eigene Beziehung investieren können.

„Das zweite Kind ist die Nagelprobe“, sagt der Soziologe und Familientherapeut Herwig Grote. „Gerade Vätern erscheint die Verpflichtung, die sie dadurch eingehen, noch einmal größer als beim ersten Kind.“ Die Bindung an die Familie werde noch einmal erhöht, es entstehe eine ganz andere Form von Verbindlichkeit. Zum einen verlängere sich die Zeit, in der ein Elternteil zu Hause sein muss, möglicherweise erheblich und die Schwelle zum beruflichen Wiedereinstieg könne deutlich höher werden. Außerdem könne man zwei Kinder nicht „mal eben unter den Arm“ klemmen, wenn man etwas unternehmen muss oder möchte. Und Ersatzbetreuer wie Großeltern seien mitunter auch schwerer zu motivieren. „Das zweite Kind bedeutet auch noch einmal die bewusste Entscheidung für den eigenen Partner, denn schon beim ersten Kind tritt die Paar-Ebene ja häufig in den Hintergrund.“ Oft hätten Männer Probleme, die Mutter-Kind-Symbiose aufzulösen. „Man sollte sich schon einig sein, ob man bereit für ein zweites Kind ist oder ob man unterschiedliche Lebensmodelle verfolgt“, so Herwig Grote. „Es wird schwer, wenn Mütter ein zweites Kind durchsetzen, obwohl der Mann vielleicht nicht bereit dazu war.“

Désirée Galka-Arndt und ihr Mann haben sich die Entscheidung für das zweite Kind nicht leicht gemacht. Sie wussten, worauf sie sich einlassen. „Natürlich muss man Abstriche machen, wenn es um gemeinsame Unternehmungen geht“, sagt Rainer Arndt. „Momentan ist es unmöglich, zusammen irgendwo hinzugehen, weil wir keinen Babysitter oder Verwandte in der Nähe haben, die aufpassen könnten.“

Die vierköpfige Familie wohnt auf knapp 60 Quadratmetern, Rainer Arndt ist momentan Alleinverdiener. „Wir haben uns nach dem Studienende meiner Frau trotzdem für ein zweites Kind entschieden, wenngleich ich, als ich von der Schwangerschaft erfuhr, doch erst schlucken musste“, sagt Rainer Arndt, der im Gebäudemanagement arbeitet. „Vor Felix’ Geburt waren da mehr Existenzängste als vor der ersten Schwangerschaft“, sagt auch seine Frau. Doch man habe ausführlich darüber gesprochen und beschlossen: „Wir können das schaffen.“

Angst vor finanzieller Belastung

Kinder sind teuer, das lässt sich nicht bestreiten. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schätzte zuletzt für das Jahr 2006 die Ausgaben von Eltern: Paare mit zwei Kindern wendeten demnach im Durchschnitt 994 Euro pro Monat für den Konsum ihrer Kinder auf.

Mitunter sind es äußere Umstände wie diese, die Paare vor einem zweiten Kind zurückschrecken lassen. „Nach meiner Erfahrung machen sich Männer wie Frauen gleichermaßen Gedanken“, sagt Eva Baums, die systemische Therapeutin ist und in der psychologischen Beratung des „Familienplanungszentrum Balance“ in Lichtenberg arbeitet. „Frauen machen sich Sorgen, weil sie nicht nur körperlich länger beansprucht sind, sondern in der Regel auch länger aus dem Beruf ausscheiden. Bei Männern geht es oft um die Verantwortung, die gemeinsame Existenz sichern zu müssen.“ Manchen Paaren mache das so viel Angst, dass sie sich bewusst gegen ein zweites Kind und für einen Abbruch entscheiden. Sybille Siebert von der „Schwangerschaftsberatung Balance“ hat immer wieder mit diesen Eltern zu tun. „Wenn Frauen zu uns in die Schwangerenkonfliktberatung kommen, weil sie sich gegen ein zweites Kind entscheiden, dann hat dies meist entweder mit finanziellen Problemen oder damit zu tun, dass sie fürchten, nicht wieder in ihren Beruf einsteigen zu können. Und das betrifft schwangere Frauen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters.“

Es gibt weitere persönliche und emotionale Gründe, die Frauen durch den Kopf gehen, wenn sie an eine zweite Schwangerschaft denken. Das erste Wunschkind bekommt so viel Aufmerksamkeit und Liebe – kann man das alles noch einmal für Nummer Zwei aufbringen? „Daran musste ich auch denken, als ich bereits zum zweiten Mal schwanger war und meine Tochter wegen eines Eingriffs ins Krankenhaus musste“, erzählt Désirée Galka-Arndt. „Man muss so viele Ängste und Sorgen aushalten – kann man das auch bei zwei Kindern?“

Mittlerweile hat sich der Alltag der vierköpfigen Familie eingependelt. Und dass der Altersunterschied der Kinder etwas größer ist als ursprünglich geplant, habe den Vorteil, dass Fiona schon verständiger ist und gern mithilft. Trotz aller Sorgen: Keiner der beiden bereut, sich für zwei Kinder statt nur einem entschieden zu haben. „Natürlich ist es nicht immer einfach und es sind Kompromisse nötig, aber man sollte optimistisch sein“, sagt Rainer Arndt. „Und wenn man seinen Kindern in die Augen schaut, dann macht man sich auch keinen Kopf mehr darüber, ob man es schaffen kann, oder nicht.“ Dann ist eben einfach ausreichend Liebe für alle da.