Erziehung

Wald und Wiesen für Großstadtkinder

Ein Gemüsebeet, ein paar Schafe, ein Plumpsklo – mehr brauchen Kinder nicht, um glücklich zu sein. Naturkitas – der neue Trend

Foto: Marion Hunger

Berlin – Hühner können irrsinnig schnell sein. Man kommt ihnen fast nicht hinterher, geschweige denn kriegt sie zu fassen. Das haben Charlotte (5) und Ben (4) heute gelernt. „Ich mag Hühner“, sagt Ben. „Die hier werden bestimmt noch zutraulicher. Wir kennen uns ja noch nicht so lange.“ Er versucht, ein Hühnerküken auf die Hand zu nehmen – und gibt es dann doch lieber seiner Erzieherin. „Die Füße pieken so doll“, erklärt er. Dass man den Tieren nicht nachlaufen sollte, weil sie sonst Stress bekommen, das haben die Kinder heute ebenfalls erfahren. „Macht nichts, zugucken ist auch schön“, sagt Charlotte.

Bauernhofkindergarten auf dem "Vierfelderhof"

Und zugucken kann man hier jede Menge. Charlotte und Ben gehen in Berlins ersten Bauernhofkindergarten auf dem „Vierfelderhof“ in Gatow, der Anfang April eröffnet hat. Außer Kinderbetreuung gibt es hier Landwirtschaft mit Nutztieren. Gerade wurde der Vierfelderhof auf Bio umgestellt.

Gleich neben dem großen Gehöft hat der Kindergarten ein früheres Wohnhaus bezogen. Zurzeit gibt es eine Kindergruppe mit zehn Kindern, bis zu 15 können es noch werden. Ziel des Bauernhofkindergartens ist es, dass die Stadtkinder täglich hautnah erleben, wie Landwirtschaft funktioniert, also, wie der Bauer seine Felder bewirtschaftet und wie die Tiere versorgt werden. Naturpädagogik, wie sie sich immer mehr Berliner Eltern für ihren Nachwuchs wünschen.

Bei den Kindern soll schon früh Umweltbewusstsein geweckt werden, eine Sensibilität für die Natur entstehen – auch wenn sie in der Großstadt wohnen und im Familienalltag sonst nicht viel Zeit bleibt für Ausflüge aufs Land.

„Immer mehr Kinder wachsen naturfern auf, vor allem in den Städten“, sagt auch Kulturpädagogin Wiebke Warmbold vom Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten e.V. „Viele Eltern empfinden das als Mangel.“ Häufig seien Naturkitas wie auf dem Vierfelderhof daher aufgrund von Elterninitiativen entstanden.

Umweltpädagogik nach skandinavischem Vorbild

Anfang der 90er-Jahre öffneten in Deutschland die ersten Waldkindergärten nach skandinavischem Vorbild und machten damit die Idee der Natur- und Umweltpädagogik bekannt. Seither haben viele weitere Einrichtungen mit Schwerpunkt auf Natur und/oder Tieren aufgemacht. Mittlerweile gibt es deutschlandweit rund 1500 Kindergärten, die das Natur- und Umweltbewusstsein von Kindern fördern wollen. In Berlin sind es 21 staatliche Wald- und Naturkitas.

Die Ausrichtung der Naturkitas befriedigt aber nicht nur die Wünsche der Eltern. „Für Kinder in diesem Alter ist ein Alltag in der Natur besonders gut für die psychologische Entwicklung“, sagt Expertin Wiebke Warmbold. „Lernen und Bewegung in der Natur sind gut für die Gesundheit und eine stabile Persönlichkeits- und kognitive Entwicklung.“ Das alltägliche Erleben der natürlichen Kreisläufe mit den dazu passenden Liedern, Spielen und Geschichten sei gut für die Bildung.

Im Bauernhofkindergarten in Gatow bekommen die Kinder deshalb nicht nur artgerechte Tierhaltung erklärt, sondern sie erleben auch bewusst Jahreszeiten und die damit verbundene Arbeit der Landwirte mit Traktor und Mähdrescher auf den 93 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Schon vom Hofgelände aus kann man die Felder und den großen Gemüsegarten sehen. Luise (3) und Enie (5) rennen manchmal einfach los – so schnell sie können. Denn von der Südseite des Hofes geht es direkt auf eine riesige grüne Wiese. Ihr Lauf wird erst von dem niedrigen Zaun gebremst, der den Bereich für die Hühner und Gänse begrenzt. Kühe gibt es nicht, dafür teilen sich die Thüringer Waldziegen einen Stall, eine Weide und eine extra für sie gebaute Kletterlandschaft mit den Skudden, einer alten Schafsrasse. Auch Kaninchen und Meerschweinchen gibt es, sie leben in einem großen Gehege, nebenan brüten zurzeit die Pommerschen Landenten.

Sinne schärfen, Selbstwertgefühl stärken

Die Eltern sind zufrieden mit dem Angebot. „Die Kinder erleben, dass Küken aus den Eiern schlüpfen und heranwachsen“, sagt Ranja Bonalana, die sich mit einer Elterninitiative für die Einrichtung eingesetzt hat. „Wir können ihnen damit toll vermitteln, wie Leben entsteht.“ Die Kinder helfen auszumisten, Eier einzusammeln und die Tiere zu füttern. So, davon ist Ranja Bonalana überzeugt, überwinden sie Ängste und bekommen ein größeres Selbstwertgefühl. Weil sie in viele Arbeiten einbezogen werden, lernten sie, Verantwortung zu übernehmen.

Zum Beispiel im Gemüsegarten. Dort wachsen Möhren, auf dem Fensterbrett in einem der Gruppenräume stehen Radieschen-Zöglinge, die die Kinder pflegen und gießen müssen. Sie müssen selbst daran denken. Die Erzieher ermahnen sie nicht. Wenn die Pflänzchen eingehen, gibt es später eben keine Radieschen. „Die Kinder lernen, dass Pflanzen und Tiere Pflege und Sorgfalt brauchen, damit sie leben können“, erklärt Erzieherin Angelika Bergmann. Sich während der Betreuungszeit mit Tieren und ökologischen Lerninhalten zu beschäftigen, sei gut für die Entwicklung und Zusammenarbeit aller Sinne.

Auch die Ergotherapeutin und Expertin für tiergestützte Therapie, Petra Kristin Petermann (50), ist überzeugt, dass in unserem hochtechnisierten Alltag und einer, zumindest in Großstädten wie Berlin, oft naturfernen Welt der Kontakt zu Tieren und Pflanzen extrem wichtig ist. „Kinder lernen so erst, sie wertzuschätzen“, sagt sie. „Ein Insekt beispielsweise wird leicht zerquetscht – der tägliche Umgang mit ihnen, das Beobachten von allem Kleinen und seinen Details lehrt, vor allem Lebendigen Respekt zu haben.“

Auch das Verhalten gegenüber den anderen Kindern könne sich zum Positiven verändern. Der vorsichtige Umgang mit Tieren helfe, das eigene Verhalten zu reflektieren und die eigene Kraft zu dosieren. „Hasen sind leise – außer man tut ihnen weh“, erklärt Petra Kristin Petermann. „Wie fühlt es sich möglicherweise für ein Meerschweinchen an, wenn eine große Hand nach ihm greift?“ Auch zum Tierschutz wird einiges erklärt. Zum Beispiel, dass Kot und Urin von Meerschweinchen für Kaninchen, die im selben Käfig gehalten werden, eine Qual sind und dass Kaninchen gerne klettern und sich verstecken wollen. „Achtung vor den Bedürfnissen anderer Lebewesen fängt im Kleinen an und wird am besten im frühkindlichen Alter gelernt“, sagt Petra Kristin Petermann.

Herzberger Wurzelzwerge: Fühl- und Barfußpfad

Während es auf dem Vierfelderhof viel um Tiere geht, wird im Kinderladen Herzberger Wurzelzwerge in Lichtenberg gegraben, geharkt und gepflanzt, was das Zeug hält. Eltern, Kinder und Erzieher – alle helfen mit. Denn hier entsteht ein Biogarten. Der eigentliche Kinderladen ist zehn Minuten entfernt, aber die meiste Zeit sollen die Kinder künftig hier draußen verbringen. Acht Kinder werden im Mai eingewöhnt, sieben im Juni.

In dem Garten gibt es schon jetzt Beete mit Kräutern und Gemüse sowie einen Fühl- und Barfußpfad. Nebenan weiden Rauhwollige Pommersche Landschafe. Erzieher Christian Steinfurth hat 15 Kubikmeter Mutterboden mit der Schubkarre auf die Beete des kleinen Grundstücks geschüttet. „Wir wollen hier Gemüse pflanzen, es wachsen sehen, ernten, riechen und schmecken. Der Zuspruch zu unserer Idee ist groß“, sagt er. Die Eltern, die seine Idee gut finden, sind recht gemischt. „Das hier ist ein Kiez im Wandel. Viele junge Familien, die sich die Mieten in Prenzlauer Berg und Friedrichshain nicht mehr leisten können, ziehen hierher.“

Paul (3) weiß zwar noch nicht, was Zuspruch bedeutet, aber er sieht glücklich aus. Er stapft durch den tiefen Boden des noch nicht bepflanzten Beetes und testet, wie tief er einsinkt. Demnächst soll es hier auch ein kleines Becken zum Planschen geben, einen Sandkasten und eine Hütte – und ein Plumpsklo. Viel braucht es offenbar nicht für einen Kinderladen.

Katrin Matthes (35), Journalistin, und Helmut Zechmann (35), Informatiker, sagen, sie hätten „genau so etwas“ für ihren Sohn Fabian (acht Monate) gesucht. Sie haben Fabian schon angemeldet. „Der Kontakt zur Natur ist uns bei unserem Sohn total wichtig“, sagt Katrin Matthes. „Wir leben nun mal in einem urbanen Raum und wollen Fabian die Werte, dass man Natur und Umwelt schützen muss, nicht nur theoretisch beibringen.“

Bei den Herzberger Wurzelzwergen gibt es jeden Tag viel Praxis: Die Schafherde kommt oft bis an den Zaun, manchmal dürfen die Kinder, in Absprache mit dem Schäfer, auch zur Herde auf die Weide. So wie heute. Die Schafe lassen sich von ihren Besuchern wenig beeindrucken. Acht schwarze Lämmer flitzen an der Kindergruppe und Christian Steinfurth vorbei um eine Birke herum. Streicheln lassen sie sich ungern, aber die Kinder beobachten, wie Stare auf den wolligen Rücken der Schafe und Lämmer landen.

Ein Großteil des Kitaalltags spielt sich draußen ab. Draußen Mittagessen, draußen Mittagsschlaf – für Medienpädagogin Sabine Schouten (38) ist die Betreuung bei den Wurzelzwergen genau das Richtige für ihren sechs Monate alten Sohn Konrad. „Er ist superaktiv. Ich schätze ihn auch für die Zukunft so ein. Und der ökologische Hintergrund liegt mir sehr.“

Waldkita Fila: Draußen sein, gesund sein

Man kann Ökologie lehren – oder direkt in der Natur leben. In der Waldkita Fila flitzen die Kinder jeden Tag durch den Grunewald – zu Fuß und auf kleinen Fahrrädern. Von acht bis 13 Uhr können sie klettern, toben und herumrennen. Seit Frühjahr 2009 betreut Erzieherin Nina Filges mit mindestens einer Kollegin zusammen die 20 Kinder. Eigentlich spielt sich alles im Freien ab. An einem überdachten langen Tisch verspeisen die Kinder mittags ihren Proviant. Ein Bauwagen bietet Schutz, wenn das Wetter mal zu ungemütlich wird, außerdem beherbergt er die Spielsachen und die Toilette. Grundsätzlich aber gilt: Die Kinder sollten immer den Jahreszeiten und dem Wetter entsprechend angezogen sein. „Im ersten Jahr sind sie häufig erkältet“, sagt Nina Filges. „Aber im zweiten dann auffallend wenig. Das Immunsystem stellt sich darauf ein.“

Jeden Tag wird auf einer kleinen Lichtung in der Nähe gespielt. Mila (4) und Ferdinand (4) buddeln mit Händen und Stöcken nach einem Schatz. Immer tiefer wird ihr Loch, dabei begegnen sie einem Käfer, zwei Tausendfüßlern und einigen Asseln. Alma (2) zieht die Holzfasern eines morschen Astes auseinander. Ekeln tut sich niemand. Auch geweint werde in der Gruppe selten.

Manchmal radeln sie gemeinsam durch den Wald. Kilian (6) darf heute Suris (4) Fahrrad nehmen, muss sie dafür aber auf dem Gepäckträger mitnehmen. Ungefähr alle fünf Minuten kippen die beiden bei vollem Tempo um – doch es fließt keine Träne. Hier herrscht keine Hektik, niemand schreit oder wird nervös. Das könnte auch an der speziellen Begleitung liegen: einem kleinen Rudel Hunde. Die Erzieher haben immer mindestens zwei dabei, die für den Umgang mit Kindern geprüft wurden.

Darunter ist auch Fila, der Therapiebegleithund von Nina Filges. Sie weiß: Die Hunde helfen nicht nur, die Kinder in der Eingewöhnungsphase abzulenken. Sie helfen auch sonst, Ängste zu überwinden. „Wenn ein Kind sich etwas nicht traut, macht der Hund es vor und meistens klappt es dann“, sagt Nina Filges. Und die Kinder nehmen Rücksicht auf die Tiere, zum Beispiel in puncto Lautstärke. „In der Folge nehmen sie auch untereinander mehr Rücksicht. Das Sozialverhalten in der Gruppe wird gestärkt“, ist Nina Filges überzeugt.

Vor kurzem holte ein Fuchs in der Nacht alle acht Meerschweinchen aus den kleinen Ställen neben dem Bauwagen. „Wir haben den Kindern erklärt, dass der Fuchs gerade Kinder großzieht und die auch was essen müssen“, sagt Nina Filges. „Die Kinder haben erst ein bisschen geschluckt, aber dann hat es ihnen eingeleuchtet und sie konnten mit dem Verlust umgehen.“ Fazit: Die Natur kann manchmal auch hart sein.