Auslandsschuljahr

„Ich konnte die sein, die ich sein möchte“

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Julia Schoon

Foto: Sven Lambert

Seit Juli 2011 lebt Marlene Niemann in Neuseeland. Jetzt kommt sie wieder nach Berlin. Ein Rückblick auf ihr Austauschjahr

Seit Juli 2011 lebt Marlene Niemann in Neuseeland. Für die Berliner Morgenpost hat sie über ihre Erlebnisse als Austausch-Schülerin berichtet. Jetzt schreibt sie über ihren Abschied:

„Ich will gar nicht mehr weg aus Neuseeland! Ich freu mich jeden Tag darauf, in die Schule zu gehen und die Leute zu treffen, die ich so gerne mag. Das ganze Lebensgefühl hier ist anders, ziemlich relaxt. Aber meine Mutter möchte, dass ich in Berlin Abi mache, weil es schwierig werden könnte, den neuseeländischen Abschluss anerkennen zu lassen. Ich muss jetzt noch zwei Jahre zur Schule, während meine neuseeländischen Freunde im Dezember ihr „Level 13“ abschließen. Gestern hat mir meine Freundin ihr Kleid für den Abschlussball gezeigt, da bin ich ganz traurig geworden. Ich wäre so gern dabei!

Über Berlin mag ich noch gar nicht nachdenken, aber trotzdem ist da schon ganz viel in meinem Kopf. Aus diesem Auslandsjahr bringe ich Erfahrungen mit, die mich erwachsener gemacht haben. Neuseeland war ein neuer Start: Ich konnte die sein, die ich sein möchte, weil mich niemand kannte. Das klingt ein bisschen komisch, aber alles war neu, und ich bin da reingewachsen. Ich hab verstanden, wie andere Menschen ticken, das hat mich definitiv verändert. Jetzt komme ich zurück, und vielleicht haben die Leute das alte Bild von mir im Kopf? Das wird ein Sprung ins kalte Wasser.

Bis zu meinem Abflug hab ich noch Schule und unternehme jeden Tag was mit meinen Freunden: Wir gehen zu einem Hockeyspiel, wir kochen zu neunt und übernachten alle bei einer Freundin. Mit meinen Gasteltern gehe ich zum Abschied Essen. Ich verstehe mich nach wie vor gut mit ihnen, aber im Laufe der Zeit ist deutlich geworden, dass sie in manchen Dingen ganz andere Ansichten haben, als ich das von zu Hause kenne. Zum Beispiel wollten meine Freunde und ich campen gehen. Jungs und Mädchen in einem Zelt – das durfte ich nicht. Aber in Neuseeland darf man seine Eltern nicht kritisieren, was ich daheim schon mal mache. Ich habe dadurch realisiert, wie viele Freiräume ich zu Hause habe. Ein Lehrer hat uns mal gesagt, er hätte sich vorgenommen, seine Kinder nie so zu erziehen wie seine Eltern ihn. Ich hab jetzt gemerkt, dass ich es genau so wie meine Eltern machen will!

Meinen ersten Abend in Berlin will ich auf jeden Fall mit meiner besten Freundin Sophie verbringen. Und ich kann es nicht abwarten, bis im nächsten Jahr meine neuseeländischen Freunde nach Berlin kommen. Die wollen nach der Schule alle Europa bereisen. Nur bei meinem Gastbruder Steven wird es etwas dauern, der will erst mit dem Studium anfangen. Für ihn wird das schwer, wenn ich weg bin: Er muss immer an meinem leeren Zimmer vorbeigehen. Und ich bin zu Hause plötzlich wieder Einzelkind.“