Stasi

Der Feind im Kinderzimmer

Was passiert mit Kindern, die von ihren eigenen Eltern bespitzelt wurden? Hunderttausenden ist das in der DDR passiert, ihre Mütter oder Väter waren hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Drei von ihnen erzählen.

Foto: Massimo Rodari

Ein Tornado. Sie schaut ihm ins Auge, wenn sie an ihrem Esstisch sitzt. Ein Bündel aus Linien, die sich im Kreis drehen und dabei den Blick auf Wellen freigeben. Der Künstler Karl-Otto Götz hat dieses abstrakte Bild gemalt. Es hängt gerahmt in der Wohnküche einer Altbauwohnung in Berlin-Pankow. Vera Lengsfeld hat sich nie gefragt, warum sie das Bild so liebt. Es ist dynamisch und beruhigend zugleich. Mit viel Fantasie kann man in der Mitte einen Surfer erkennen. Er steht wie festgenagelt auf seinem Brett. Er trotzt dem Sturm. Vielleicht erkennt sie sich in diesem Surfer wieder.

Vera Lengsfeld hat 2002 aus ihrer Stasi-Akte erfahren, dass ihr eigener Ehemann sie jahrelang bespitzelt hat. Das ist bekannt. Im Visier hatte sie die Staatssicherheit aber schon viel länger. Das hat ein Buch ans Tageslicht gebracht, das Opfern des DDR-Regimes eine Stimme gibt, die die Öffentlichkeit bislang kaum zur Kenntnis genommen hat: „Stasikinder“. Die Hamburger Journalistin Ruth Hoffmann hat es geschrieben.

Vera Lengsfeld ist ihr prominentestes Beispiel. Sie ist eines von hunderttausenden Kindern, die in vierzig Jahren DDR mit Vätern aufgewachsen sind, die als hauptamtliche Mitarbeiter im Dienst der Staatssicherheit standen – streng geheim, das war die Bedingung. Weder mit ihren Frauen noch mit den Kindern durften sie über ihre Arbeit reden. Stasi-Mitarbeiter verdienten zwar mindestens dreimal so viel wie Arbeiter, zwischen 2000 und 4500 Mark im Monat. Sie und ihre Familien zahlten aber einen hohen Preis dafür.

Die Linientreue, die die Stasi von ihren eigenen Mitarbeitern einforderte, sie galt auch für Angehörige – insbesondere für die Kinder. Weder durften sie sich kritisch zur Politik äußern noch Freunde mit West-Kontakten haben. Wer gegen diese Regeln verstieß, brachte die Väter in Bedrängnis. Normale pubertäre Konflikte konnten ihre Karriere und damit auch die Existenz der Familie bedrohen.

Vera Lengsfeld hat es erlebt. Die Stasi begleitete sie auf Schritt und Tritt, seit sie laufen konnte. Sie wusste, dass sie sich als Teenager in einen Sohn jugoslawischer Botschaftsmitarbeiter verliebt hatte. Sie verfolgte auch, wie Vera Lengsfeld in den Strudel der Friedens- und Umweltbewegung geriet. 1987 setzte sie die Stasi auf die Liste der „60 gefährlichsten Feinde des Sozialismus“ und sperrte sie ins Gefängnis. Sie hat es aber nicht geschafft, Vera Lengsfeld davon abzuhalten, sich Foren für ihre politischen Forderungen zu schaffen. Zuletzt kandidierte Vera Lengsfeld bei den Bundestagswahlen 2009 für die CDU im Wahlkreis Berlin-Friedrichshain, wenn auch erfolglos. Ein Plakat zeigte sie und die Bundeskanzlerin, tief dekolletiert. Darunter stand der Slogan: „Wir haben mehr zu bieten.“ Wer ist diese Frau, die dem Röntgenblick der Stasi auch dort ausgesetzt war, wo man ihn am wenigsten erwarten würde – im Kinderzimmer? Was hat der doppelte Verrat mit ihr gemacht?

Zwei Welten

Ein heller, geräumiger Altbau in Pankow, frische Blumen in den Vasen, Kunst an den Wänden. Fotos von ihrer Familie hängen nicht in der Wohnküche von Vera Lengsfeld. Ihr Vater Franz starb 1994, wenige Monate nach dem Tod ihrer Mutter. Auch ihre jüngere Schwester Evelyn ist inzwischen verstorben. Krebs. Doch wenn Vera Lengsfeld, Mutter dreier erwachsener Söhne, von ihrer Kindheit erzählt, erscheint ihre Familie plötzlich sehr präsent. Sie redet davon, wie schön es gewesen sei, wenn die Familie sonntags ins Grüne fuhr. „Wir haben immer alles zusammen gemacht“, sagt sie und Wehmut schwingt dabei in ihrer Stimme mit. Sie holt ein Foto aus dem Nebenzimmer. Es zeigt zwei blonde Mädchen in Sonntagskleidern. Die Eltern haben sie in ihre Mitte genommen. Ihre Schwester sitzt bei einem Anzugträger auf dem Schoß. Das ist ihr Vater. Er lächelt wie Mona Lisa.

Sie sagt, zu Hause habe ein strenges Regiment geherrscht. Abends hätten sie zum Wohnzimmer mit den afrikanischen Masken in der Vitrine, von denen sie nicht wussten, woher sie kamen, keinen Zutritt mehr gehabt. Sie sagt: „Eltern und Kinder lebten in zwei verschiedenen Welten.“ Dass ihr Vater für die Firma „Horch und Guck“ arbeitete, will sie zufällig erfahren haben. Sie war siebzehn, als ihr beim Ausbürsten der Uniform ihres Vaters ein Etui in die Hände fiel. Es enthielt seinen Dienstausweis. Lengsfeld sagt, es sei ein Schock gewesen. Ihr Vater verschwand jeden Morgen im Verteidigungsministerium, er hatte ihr nie erzählt, was er dort tat. Jetzt las sie es schwarz auf weiß. Er arbeitete für das Ministerium für Staatssicherheit. Die Stasi war ein Phantom, der Schatten eines Agenten, der lautlos in einer Limousine durch die Dunkelheit glitt. Man sprach nie darüber, weder zu Hause noch in der Schule. Die meisten Stasikinder glaubten, ihre Väter arbeiteten beim Ministerium des Inneren – kurz: MDI. So erzählten es ihnen die Eltern. Insider wussten dann schon Bescheid.

Folter. Das war das erste, was Vera Lengsfeld zur Stasi einfiel. Der Freund eines Mitschülers hatte wegen versuchter Republikflucht in einem Gefängnis der Stasi gesessen. Er hatte erzählt, dass er dort geschlagen und gequält worden sei. Vera Lengsfeld zieht eine Augenbraue hoch, wenn man sie fragt, ob sie ihren Vater auf den Ausweis angesprochen habe. Sie sagt: „Wir sind darauf getrimmt worden, keine Fragen zu stellen.“

Erst als sie den Kontakt zu ihrer ersten großen Liebe abbrechen musste, das System immer mehr in Frage stellte und sie darüber in Streit mit ihrem Vater geriet, habe er den Schleier gelüftet. Er erzählte ihr, dass er Kaderleiter in der Auslandsspionage gewesen sei. Der Mann, der die Agenten auswählte, die die DDR ins Ausland schickte. Sie hat es erleichtert registriert. Offenbar war er keiner, der Andersdenkende drangsalierte. Was er genau machte, will sie nie herausbekommen habe. Vielleicht hat sie auch nicht nachgehakt. Er war doch ihr Vater. „Ein ehrlicher Kerl“, sagt sie. „Er hat tatsächlich geglaubt, dass er sich für den besseren Staat eingesetzt hat.“ Hochgearbeitet habe er sich, vom Pferdeknecht zum Diplom-Jurist, die DDR habe ihm die Tür geöffnet. Er dankte es ihr mit Loyalität. Loyal war er aber auch der Tochter gegenüber. Das war das Problem. Er sollte den Kontakt zu ihr abbrechen, forderte sein Arbeitgeber in den 80-er Jahren. Er hielt sich nicht daran. Dienst war Dienst, und Tochter war Tochter. 1986 schickte ihn die Stasi zur Strafe in den vorzeitigen Ruhestand. Noch vor dem Mauerfall hat sich Vera Lengsfeld mit ihm versöhnt.

Liebevoller Ehemann und Papa

Was vielleicht erklärt, warum sie auch der zweite Verrat nicht aus der Bahn warf und sie ihrem Ex-Mann Knud Wollenberger Jahre später verzieh. Nach zehn langen Jahren, in denen sie sich mit der Frage gequält hatte: „Warum hat er das bloß gemacht?“ Der Mann, der „IM Donald“ war, starb im Januar an den Folgen eines Nervenleidens. Sie sagt, er habe sie in einem Brief um Vergebung gebeten. Da war er schon schwer erkrankt. Hollywood zeigte Interesse, wollte das Drama verfilmen, doch Lengsfeld winkte ab. Es scheint, als habe die Zeit bei ihr auch diese Wunde geheilt. Sie sagt heute, er sei nicht der Feind in ihrem Bett gewesen, als den ihn die Medien hinstellten – sondern ein liebevoller Ehemann und Papa. „Ich habe auch meine Eltern nie mit dem System identifiziert.“

Anderen Stasi-Kindern gelang das nicht. Bei ihnen verband sich pubertäre Rebellion gegen die Eltern mit dem Protest gegen den Staat. Eine explosive Mischung. Ein beinahe unlösbarer Konflikt. Stefan Herbrich hat er in eine Sackgasse geführt, aus der er bis heute nicht herausgefunden hat. Herbrich ist Mitte fünfzig, ein sanfter Riese, der die grauen Haare schulterlang und ein T-Shirt mit dem Logo einer russischen Ska-Band trägt: „Mad Heads XL“. Herbrich ist nicht sein richtiger Name. Der Verlag des Buches „Stasikinder“ hat ihm diesen Namen verpasst, um sich gegen eine mögliche Gegendarstellung seines Vaters zu wappnen.

Herbrich sagt, das Verhältnis zum Vater sei schon immer eher ein Nicht-Verhältnis gewesen, nach der Wende habe er den Kontakt zu dem Oberstleutnant der Terrorabwehr a.D. ganz abgebrochen, auch den zu seiner Mutter und den Geschwistern. Er sagt, er habe gar nicht erst zu hoffen gewagt, dass sich sein Vater bei ihm entschuldigen würde. Ein Mann, der ihn in jungen Jahren mit seiner Dienstwaffe und schnellen Autos beeindruckte. Aber warum er ihn fallen ließ, als er sich 1980 auf einer Wandzeitung zum Weltfriedenstag über das „Tätärätätä“ und die Militarisierung des DDR-Alltags mokierte und deshalb für achtzehn Monate in den Knast wanderte, eine Erklärung dafür hätte er sich schon gewünscht. Er redet nicht gerne über die Begegnung danach. Er sagt, er habe viel von dem verdrängt, was ihn noch heute verfolge. Die Panik, die ihn überfiel, wenn ihn der Vater als Kind zur Strafe in einen dunklen Keller sperrte. Die Vorwürfe, die er ihm machte, als er 1982 aus dem Knast kam. Und eben das eisige Schweigen, mit dem er ihn empfing, als er sich nach der Wende mit ihm aussprechen wollte. Stefan Herbrich erzählt das flapsig. Wie angespannt er ist, verraten seine Daumen. Er hat die Hände gefaltet, sie rotieren.

„Alles in Ordnung, Stefan?“ Gritt, seit einem Jahr die neue Frau an seiner Seite, legt ihm die Hand auf den Arm. Sie hat ihn begleitet zu dem Interview in einem Café in Friedrichshain, wo er seit seinem Burn-Out als Altenpfleger lebt, von Hartz IV und einer Opferrente von 250 Euro, die ihm die BRD als politischem Häftling zahlt. Gritt ist Erzieherin. Sie sagt, dass er nachts unruhig schlafe und sich an sie klammere, wenn er aus einem Albtraum hochschrecke. Stefan Herbrich leugnet das nicht. Er hat fünf Kinder mit vier Frauen. Er sagt, seine Beziehungen seien alle in die Brüche gegangen. Auch seine Therapien habe er alle abgebrochen. Etwas sei wohl in seiner Kindheit kaputtgegangen. „An mich kommt keiner ran.“ Seit einiger Zeit jobbt er als DJ auf Balkan-Beat-Parties, das tut ihm gut. Er sagt, er könne sowieso kaum schlafen. Und bei lauter Musik lasse er alles heraus.

Plötzlich ein Fremder

Thomas Raufeisen, 48, hat einen anderen Weg gefunden, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Er führt Besucher durch das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Mit 19 saß er hier in Zelle 318 in U-Haft. Einer Gruppe aus Lüneburg erklärt er das so: „Ich wurde eingesperrt, weil ich nach Hause wollte.“

Nach Hause, das hieß: nach Hannover. Thomas Raufeisen ist ein Kind der BRD, aufgewachsen mit Abba und der „Bravo“. Sein Vater war Geologe, die Stasi hatte ihn vor dem Mauerbau in den Westen geschickt. Nach außen hin führte er ein unauffälliges Leben als Angestellter des Energiekonzerns Preussag. Nur seine Frau wusste, dass er die Stasi mit Wirtschaftsdaten versorgte. Im Januar 1979 drohte er aufzufliegen. Hals über Kopf floh die Familie in die DDR. Seinen Söhnen Thomas und Michael erzählte er, ihr Opa auf Usedom sei erkrankt. Einen Tag später rückte er mit der Wahrheit heraus. Thomas Raufeisen sagt: „Mein Leben brach zusammen. Da saß plötzlich ein Fremder.“

Bis dahin war der Vater die wichtigste Autorität in seinem Leben gewesen. Ein Patriarch, der einsam Entscheidungen traf, den Söhnen aber immer viel Freiheit ließ und es genoss, ihnen die Welt zu zeigen, London, Paris, Madrid. Zurück in der DDR, war er dann nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Familie werde es nicht schlechter gehen als im Westen, hatte ihm die Stasi zwar versprochen. Doch was nützten ihm eine komfortable Wohnung und ein Audi 100, wenn ihn die Söhne verachteten?

Ost-Berlin war zwar nur zweieinhalb Autostunden entfernt, doch sie kamen sich vor wie auf einem anderen Stern. Graue Häuser, Menschen, die ihnen mit Misstrauen begegneten. Michael war volljährig und durfte ausreisen. Thomas fühlte sich wie lebendig begraben. Auch sein Vater fand sich nicht zurecht. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass das nicht der Staat war, für den er seine Familie verraten hat. Wieder schmiedete er Fluchtpläne, diesmal zurück in den Westen, diesmal mit der Familie. Das bringt ihn seinem Sohn Thomas wieder näher, doch ein tiefer Riss bleibt. Im September 1981 fliegen die Fluchtpläne auf. Thomas wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, der Vater bekommt lebenslänglich. Er stirbt im Oktober 1987 nach einer Gallen-Operation. Lungen-Embolie, lautet die Diagnose. Thomas Raufeisen kann das bis heute nicht glauben. Er sagt, der Vater habe aus seiner Kritik am Regime kein Hehl gemacht, auch nicht im Gefängnis. „Er hat wohl zuviel gewusst.“

Raufeisen lotst seine Gruppe jetzt in ein Vernehmer-Zimmer, dort, wo es immer noch nach DDR riecht, weil der Duft eines Lösungsmittels in den Lederpolstern der Tür hängt, kopfschmerzerregend streng. Seine Stimme klingt unbeteiligt, wenn er erzählt, wie er im Herbst 1984 freikam und „völlig traumatisiert“ zum Ingenieursstudium nach Hannover zurückkehrte.

„Wie haben Sie die Haft nur ausgehalten“, fragt eine Frau ungläubig. „Leben“, sagt er, „ich habe alles nachgeholt, was ich verpasst habe.“ Inzwischen lebt er wieder in Berlin und hat selber zwei Kinder, neun und fünf Jahre alt. Er sagt, er erziehe sie genauso tolerant, wie sein Vater ihn erzogen habe. Es klingt, als habe er ihm wenigstens ein Stück weit verziehen.

Ruth Hoffmann, Stasi-Kinder, Aufgewachsen im Überwachungsstaat, Propyläen, 19,99 Euro.

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