Berufsorientierung

Der Boys’ Day Boykott

| Lesedauer: 7 Minuten
Gerlinde Unverzagt

Wie schwer es ist, Jungs Frauenberufe nahe zu bringen – und Mädchen die klassischen Männerjobs

„Nein, Mama, das kannst du echt nicht von mir verlangen!“, ruft mein Sohn und lässt panisch die Lider flattern. Ich habe ihm in beiläufig gurrender Freundlichkeit vorgeschlagen, anlässlich des Boys’ Day doch mal in den Arbeitsalltag einer Friseurin, einer Kassiererin oder einer Hebamme hineinzuschnuppern. Die Schule hat den Tag extra ausgerufen, damit sich die Jungs angesichts des schon länger existierenden Girls’ Day nicht benachteiligt fühlen. „Niemand in meiner Klasse macht bei so was mit! Keiner! Wir sind doch nicht bescheuert!“ Wild schüttelt der Kerl den Kopf und stampft unter dem Tisch mit dem Fuß auf. „Das mache ich nicht!“, verkündet er kategorisch seinen ganz persönlichen Boy-kott und betrachtet mich finster. Sein Cousin Moritz kippt sich aus vor Lachen. „Wozu soll’n das wohl gut sein?“, japst er. „Reicht doch, wenn die Mädchen so was machen!“ Das Mannsbild verschränkt die muskulösen Arme vor der breiten Brust.

Jeder soll alles werden können

Männerrollen, Frauenrollen, Schinkenrollen – ein leidiges Thema, dem ich schon früh versucht habe, die Schärfe zu nehmen. Meinem ersten Sohn schenkte ich einst einen Puppenwagen, für den er sich artig bedankte, die Puppe rauswarf, sein Baufix-Werkzeug darin verstaute und seiner Wege zog. Meine Töchter benutzten auch ganz ohne Anleitung bisweilen ihre Barbiepuppen als Kurzschwerter im Nahkampf mit den Brüdern. Aber was tut man jetzt als politisch korrekte und gutwillige Mutter von Kindern in den Flegeljahren, wenn man dem schönen Gedanken, wonach das Potenzial gehoben werden muss, grundsätzlich nicht abgeneigt sein will und steinzeitliche Unterscheidungen wie Frauen- und Männerarbeit am Familientisch noch immer mit milder Strenge zu korrigieren weiß? Auch würde ich nie wagen, die „Tipps zur gendersensiblen Sprache und Kommunikation“ zu ignorieren, die das Familienministerium auf der Boys’-Day-Webseite anbietet.

Mit warmen Worten werbe ich für die schöne Idee, dass es doch gut wäre, wenn jeder alles werden und alles machen könnte und nicht nur die Mädchen Lehrerin und die Jungen Ingenieur, sondern auch umgekehrt. Blankes Unverständnis schlägt mir entgegen. „Wieso kann nicht einfach jeder machen, was er will?“, popelt meine Tochter im Urschlamm geschlechtlicher Diskriminierung. „In unserer Klasse will kein Junge Friseurin werden und kein Mädchen Bauarbeiter.“ Sie schüttelt sich angeekelt. Jedenfalls plant sie, ihren Girls’ Day im Friseurgeschäft zu absolvieren, auch wenn die Lehrerin den Mädchen in der Klasse ans Herz gelegt hat, einen Tag lang wacker auf Bau- und Tankstellen, in Kasernen, Werkstätten, Chefetagen und Fabriken ihre unterdrückten Talente spielerisch zu erkunden.

„Gibt’s eigentlich Müllfrauen?“, fragt die kleine Schwester. „Die heißen Putzfrauen, du Doofi!“, knurrt die Große. „Nein, ich meine bei der BSR!“, ruft die Kleine. „Ich würde nämlich gerne mal zur BSR gehen, wenn Girls’ Day ist. Dann könnte ich auf dem Müllwagen außen mitfahren und immer winken, wenn mich jemand sieht und mein Kuscheltiger würde vorne vor dem Fahrer sitzen und...“ Die Große tippt sich an die Stirn. „Das lassen die dich nicht. Das machen Männer!“

Das ist mein Stichwort! „Genau“, rufe ich, „Keiner soll irgendetwas nicht machen können, bloß weil er ein Mann oder sie eine Frau ist!“ Die Jungs rollen mit den Augen. „Kann! Nicht muss!“, blafft mein Sohn. „Und die da kriegt doch die schweren Mülltonnen gar nicht gezogen!“ So schnippisch wie sie kann, keift „die da“ zurück: „Will ja auch nur außen mitfahren und winken!“

Neuer Versuch. „Für Mädchen gibt es heute so wunderbare Chancen! Man muss sich nur trauen!“, flöte ich. „Ihr könnt alles erreichen, wenn ihr nur wollt! Wir brauchen mehr Mädchen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen!“ Die Tochter zuckt mit den Schultern. „Mir doch egal.“ Warum man jetzt einen Extra-Tag braucht, der Jungen und Mädchen die Vorzüge des jeweils gegengeschlechtlichen Berufsrollenentwurfs veranschaulicht, ist allen Fünfen nicht plausibel zu machen. „Wir haben keinen Bock auf so was! Und die anderen in der Klasse auch nicht!“, beteuern die Jungs. „Da gehen wir lieber in die Schule!“ Hä? „Am Boys’ Day passiert da eh nichts außer Filme gucken und spielen. Mehr als fünf oder sechs sitzen da sowieso nicht in der Klasse.“ Und die anderen zwanzig sind auf Schnupperkurs in Friseursalons, Kindergärten oder Kreißsälen? „Nee, die schwänzen“, belehrt mich mein Neffe. Etwas hochnäsig setzt er hinzu: „Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen, wenn man nicht muss. Und Boys’ Day ist freiwillig.“

Marie (16) aus Schöneberg ist nicht so sehr auf Krawall gebürstet. Sie hat schon einen Girls’ Day hinter sich. „Ich habe in einer Fabrik ein Mäppchen genäht“, sagt sie, „das war ganz prima“. Ein Hoffnungsschimmer, da mache ich weiter. „Wäre das nicht toll, wenn ihr mal Chefinnen werden würdet?“ Ich locke, was das Zeug hält. „Sind wir doch schon!“, winkte die Große ab. „Mach’s doch einfach selbst!“, knarzt mein Junge und funkelt angriffslustig. Offenbar hat er die Geduld mit mir verloren. So etwa stelle ich mir die Kommunikation zwischen beflissenen Missionaren und halsstarrigen Eingeborenen im vorletzten Jahrhundert vor.

„Sei du doch mal – Papa!“

„Sei du doch einfach mal für einen Tag – Papa!“, verlangt er und weidet sich an meinem Entsetzen. Wie jetzt? „Ist doch einfach. Alles erlauben, nett sein und mit mir ins Stadion gehen, wenn Hertha spielt!“ Ich fass’ es nicht. „Und abends trinkst du dann Bier. Wir gucken Sportschau und ärgern uns zusammen, wenn Hertha wieder verliert.“ In Windeseile bringe ich meine Abwehr in Stellung. „Ausgeschlossen. Das ist kein Beruf! Außerdem, wer kontrolliert dann die Hausaufgaben, wer macht die Wäsche und einer muss euch ja schließlich erziehen!“ Er ringt sich ein nachsichtiges Lächeln ab. „Wieso sollte ich wohl?“, trotze ich noch ein wenig hilflos herum. „Damit du mal siehst, wie das ist, wenn man ein Mann ist!“, mahnt er nachsichtig. Und flötet honigsüß, dass es doch schön wäre, wenn auch ich alles könnte. „Ich würde dann auch für dich die ganze Wäsche bügeln! Und die da erziehen“, er deutet mit dem Kinn in Richtung seiner Schwestern, „das mache ich mit links.“