Literaturpreis

Schreibend an die Spitze

Für ihre Texte zum Thema „Maschinen“ erhalten vier junge Autorinnen den Literaturpreis „Theo“

Foto: Privat

Menschen, die funktionieren wie eine Maschine. Eine Mutter, die überhaupt nicht mehr funktioniert. Eine junge Frau, die von Maschinen am Leben gehalten wird: Die drei Gewinnertexte und das in der Kategorie Lyrik prämierte Gedicht nähern sich dem beim Schreibwettbewerb Theo vorgegebenen Thema "Maschinen" auf unterschiedliche Weise. Etwa 350 Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland hatten ihre Texte eingeschickt, 14 Texte kamen in die engere Auswahl. Am Sonntag vergab die Jury die Preise in den drei Alterskategorien und in der Kategorie Lyrik an die vier Gewinnerinnen, darunter zwei Berlinerinnen. Die Berliner Morgenpost stellt die Werke in Auszügen vor.

Meine Geschichte

"Meine Geschichte" von Anile Tmava (12), Siegerin in der Kategorie: Neun bis zwölf Jahre

Es könnte halb zwei sein. Ich warte auf sie. Ich weiß, ich werde es nicht schaffen, wach zu bleiben bis sie kommt. Irgendwann schlafe ich ein.

Ich wache am Morgen auf, das Licht im Flur ist an. Sie ist anscheinend doch noch gekommen. Allein.

Meistens wacht sie am Nachmittag auf und geht dann wieder. Meine ältere Schwester ist vor zwei Jahren ausgezogen. Sie hat mal zu meiner kleinen Schwester und mir gesagt: Mama funktioniert nur nachts. Tagsüber ist sie wie eine Maschine, die kein Benzin mehr hat.

Die Tafel ist grün, die Kreide weiß. Ich starre die Tafel an.

Unten auf dem Hof kommt eine Frau durch das Schultor. Sie läuft nicht geradeaus, sie läuft Schlangenlinien über den rechteckig gepflasterten Hof in Richtung Eingang. Ich kenne sie.

Die Tafel ist grün, die Uhr tickt, die Kreide ist weiß, die Frau zerrt die Tür auf und stolpert in die Schule.

(…) Sie ist bestimmt schon im Treppenhaus. Ich höre die Tür aus dem Flur knarren und die Uhr. Sie fängt an zu grölen.

Ich höre Türen aufgehen, ich höre Kinder. Meine Klasse strömt zur Tür, ich mit. Ich drängle mich an den anderen vorbei auf den Flur, sie kommt auf uns zu, ihr Gang ist unsicher, sie hat Ringe unter ihren glasigen Augen und schreit. Ich kann nicht sagen, was sie schreit.

Meine kleine Schwester kommt von hinten angerannt und klammert sich an meinen Arm und ruft, sodass alle mithören können: Guck mal, das ist ja Mama!

Ich spüre alle Blicke auf uns gerichtet und sage zu ihr: Nein, das ist nicht unsere Mutter! – und hoffe, dass das auch alle gehört haben.

Maschinenarbeit

"Maschinenarbeit" von Mara Spiekenheuer (14), Gewinnerin in der Kategorie: 13 bis 15 Jahre

Als der Wecker um 5:30 Uhr klingelt, bin ich schon wach. Bis vor einem Monat musste ich um 5 Uhr aufstehen und habe mich deshalb noch nicht an diese Zeit gewöhnt. Ich setze mich auf und reibe mir mit den Händen über die Augen. Weniger schwungvoll als geplant schwinge ich die Beine aus dem Bett. Ich schaudere, als meine nackten Füße den kalten Beton berühren und schlurfe, wie jeden Morgen, in den Waschraum. Unterwegs stoße ich mir den Fuß an der Türkante und halte inne. Diese Situation ist neu für mich, soweit ich mich erinnern kann, ist es überhaupt das allererste Mal, dass ich mich irgendwo stoße. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, also entscheide ich mich, diesen Zwischenfall aus meinem Gedächtnis zu tilgen. (…) Mit einem kurzen Blick prüfe ich meine Termine. Das Übliche: Frühstück, in der Bahn eingenommen, Arbeit, Mittagspause im Speisesaal, Arbeit, Freizeit, Sperrstunde. Ich stecke den Ausdruck in die dafür vorgesehene Tasche an meiner Schulter, hefte mir meine Nummer mit dem zugehörigen Status an und verlasse mein Quartier. Die Tür schließt sich hinter mir automatisch, sie wird sich erst auf mein Stimmkommando erneut öffnen. Ich wohne in Quartier Nummer 12983. Links und rechts von mir verlassen ebenfalls grau gewandete Menschen ihre Quartiere, deren Türen, abgesehen von der Nummer, nicht von meiner zu unterscheiden sind. Rechts von mir steht eine Frau mit der Nummer 328. Ich habe sie, glaube ich, schon einmal gesehen, bin mir aber nicht sicher. Sie merkt, dass ich sie anschaue und dreht den Kopf, um mein Schild zu mustern. Neid blitzt in ihren Augen auf, als sie meine Nummer sieht: 222. Solche Nummern sind immer beliebt und ja, ich bin stolz drauf. Ich fühle mich dadurch ein kleines bisschen besonders. (…) Wir gehen die Straße gut 100 Meter hinunter und verschwinden nach links durch ein breites Tor. Es führt ins Innere der großen Fabrik, in der wir arbeiten. Als ich durch das Tor gehe, umfängt mich die gewohnte Hitze, die durch große Öfen verursacht wird. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, sie zu dämmen. Ich finde mich inmitten meiner Gruppe wieder, die wie üblich in Reih und Glied hintereinander hergeht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das zufällig oder geplant geschieht. Zu meiner Gruppe gehören jene, deren Nummer mit einer zwei beginnt. Soviel weiß ich, aber wer diese Personen sind, mit denen ich Tag für Tag, Schulter an Schulter in der Hitze arbeite, das weiß ich nicht. Gleichzeitig beugen wir uns über das Fließband und sortieren mit geübtem Blick Schrott und Metalle. Alle in der großen Fabrikhalle arbeiten wie eine große, gut geölte Maschine, zu der sie uns gemacht haben.

Die Ankunft der Vögel

"Die Ankunft der Vögel" von Moira Frank (18), Gewinnerin in der Kategorie: 16 bis 19 Jahre

Als sie Jules an die Maschinen anschließen, geht Änne zur Armee. Man sagt ihr dort, dass sie noch Panzer freihaben, und ob sie die denn fahren könne. Als Änne nein sagt, gibt man ihr eine Tasche voll Granaten. "Die Katze", sagt die Frau mit dem Namensschild, die hinter einem der Tische Formulare ausfüllt, "müssen Sie allerdings hierlassen". Änne packt die Katze aus ihrer Manteltasche und reicht sie der Frau über den Tisch.

"Die können Sie natürlich nicht mitnehmen, die Katze", sagte die Frau, aber sie macht keine Anstalten, sie zu nehmen. "Alle müssen ihre Katzen hinterlassen, das geht nun mal nicht anders."

Änne krümmt die Katze behutsam mit den Händen zusammen und steckt den kleinen, schurrenden Ball zurück in ihre Manteltasche. Sie nimmt die Granatentasche, hängt sie sich vorsichtig über die Schulter und geht zurück.

Jules schläft. Jules schläft meistens, seit sie in der Fabrik zwischen die Maschinen gekommen ist. Änne tritt an ihr Bett, nimmt die Katze aus der Tasche und legt sie in die kleine Kuhle in der Decke, wo Jules Füße parallel zueinander auf der Matratze ausgerichtet sind.

(…) "Sie nehmen jetzt auch Frauen in der Armee", sagt Änne zu Jules und streicht ihr unter der Decke liebevoll über den bandagierten Arm. "Seit es ernst ist." Wenn sie bis zum Ellbogen hochgreift, kann sie fühlen, wohin die Maschinenschläuche unter Jules Haut führen. Sie spannt sich über den Schlauchwirbeln. Die Maschinen gehen bis zur Decke, und die Decke ist hier sehr hoch. Sie sehen aus wie die Metallschränke bei der Armee, nur in grau. Nur ein paar haben Bildschirme. Manchmal knackt etwas in den Schläuchen und Kabeln. Änne findet es ironisch, dass die einen Maschinen Jules zerquetscht haben und die anderen sie jetzt am Leben halten. Änne beugt sich über Jules, drückt noch einmal den dünnen Arm unter der Bettdecke, vorsichtig, damit sie die Schläuche nicht berührt, dann steht sie auf, nimmt die Granatentasche und geht hinaus. Die Katze spitzt noch nicht einmal die Ohren. Jules kann nicht wirklich auf die Katze aufpassen, aber eine Katze auf den Füßen ist schön.

(…) Die Katze schläft wieder. Änne setzt sich in ihren Stuhl und sieht den Maschinen zu, wie sie an Jules zehren. Die Kästen ächzen, manchmal knackt der Bildschirm. Änne schließt die Augen und stellt sich Zahlen vor. Sie sitzt die ganze Nacht.

Am Morgen kommt das Signal. Es ist ein lautes Heulen. Es wird über alle Lautsprecher geleitet. (…)

Als Änne keine Granaten mehr hat und ihre Finger vom Stiftziehen schmerzen, geht sie zurück. Im Treppenhaus liegt die andere aus dem unteren Bett. Sie bewegt sich nicht mehr. Änne steigt über ihren Kopf. Das Zimmer ist leer. Jules ist nicht mehr da. Die Bildschirme der Maschinen sind schwarz. Die Schläuche hängen schlaff und nutzlos auf den Boden. Unter Ännes Schuhen knirschen Glasscherben. Die Matratze ist weggeschafft, auf dem Bettgestell sind viele schwarze Gewehre ausgebreitet, daneben stehen Schachteln mit goldenen Kugeln und Kisten mit Granaten wie Ännes. Auf dem Boden vor dem Fußende liegt, ausgestreckt, dünn und leblos, die Katze. Änne bückt sich und hebt sie auf. Sie setzt sich vor die stillen Maschinen auf den von spitzen Splittern bedeckten Boden, krümmt die Katze mit den Händen vorsichtig zu einem Ball, ordnet die kleinen Pfoten und fängt an zu weinen.

Das, was mein Herz zum Schlagen bringt

"Das, was mein Herz zum Schlagen bringt" von Jeruscha Strelow (15), Gewinnerin in der Kategorie Lyrik

Der Takt tickt im Takt,

das Metronom schlägt den Takt

Meine Augen singen den Chor,

seine Finger geben Melodien vor

Meine Hände lenken die U-Bahn,

meine Ohren denken

Meine Lippen verrenken

sich, sicherheitshalber schaue ich mich um,

um zu sehen, wo ich bin.

Ich bin. Ich bin. Ich bin. Ich bin ich. Ich bin ich.

Ich bin nicht. Ich bin nicht

Manchmal bin ich nicht ein Mensch.

Der Takt tickt im Takt,

das Metronom schlägt den Takt

Das Rattern des Zuges ist mein Herzschlag

Dum du dum, du dum, du dum, du dum, du dum

Ich bin dumm. Ich bin dumm. Ich bin dumm.

Ich bin dumm.

Bin ich dumm? Bin ich dumm? Bin ich überhaupt ein Mensch?

Ich liebe, also bin ich ein Mensch.

Ich liebe es hier zu sitzen, die U-Bahn

zu lenken

Meine Gedanken an das Rauschen der Züge

zu verschenken

Ich liebe, den Puls des Zuges zu spür'n,

zu fühl'n

Um ihn in mir aufzunehmen,

ihn einzusaugen wie ein Schwamm

Ihm seinen letzten Atemzug zu rauben,

damit ich atmen kann

Nur einer kann atmen, er oder ich,

der Tunnel verschluckt unser letztes Licht

Wir sind eins (…)

Der Takt tickt im Takt,

das Metronom schlägt den Takt

Das Rattern ist mein Herzschlag, mein Herzinfarkt

Ich bin deine untergebene Magd

und du hast mich nicht mal gefragt

Notbremse! Stopp! Halt!

Halt mich hier fest!

Ich hab meinen Herzschlag verloren,

des Zuges Puls ist weg

Der Zug wurde ohne Herzschlag geboren

Er ist nur eine Maschine, ein kleiner gelber Fleck

Ich aber nicht, hier, auf Erden

Bei mir, bei euch, es liegt nicht an uns

Es liegt an euch uns zu versteh'n

Weil wir es selber nicht tun

Wir sind ständig auf Zack und können nie ruh'n

Wir sind unermüdlich, diese Jugend hier

Helden, die niemals aufgeben werden

Und wir sterben, jetzt schon, jeden Tag ein Stück

Geschehenes geht einfach nicht mehr zurück

Denn der Takt tickt im Takt

Das Metronom schlägt den Takt

Es ist nur eine Frage der Zeit

Wann der Zug ist für die nächste Fahrt bereit

Bis er wieder aus dem Tunnel der Stadt seine Leiden schreit

Gib mir noch ein wenig Zeit


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