Interview

„Betroffene müssen lernen, negative Gefühle wie Neid oder sogar Hass zuzulassen“

Geschwister behinderter Kinder haben gelernt, ihre Interessen zurückzustellen. Der Sozialpädagoge Eberhard Grünzinger erklärt, wieso zu viel Anpassung zur Belastung werden kann

Lange blieben die Probleme von Geschwistern behinderter Kinder im Hintergrund. Doch inzwischen wächst das Bewusstsein dafür, dass auch sie Unterstützung brauchen. Eberhard Grünzinger, Leiter der Sozialakademie im Sozialverband des VdK Bayern, beschäftigt sich sei 15 Jahren mit dem Thema. Er hat in Bayern im Jahr 2000 den Arbeitskreis Geschwisterkinder, eine der ersten Initiativen dieser Art, mitgegründet und den Ratgeber „Geschwister behinderter Kinder“ geschrieben. Annette Kuhn sprach mit dem Sozialpädagogen darüber, was die Kinder belastet und wie Eltern ihnen helfen können.

Berliner Morgenpost: Was belastet Geschwister behinderter oder chronisch kranker Kinder?

Eberhard Grünzinger: Häufig nehmen die Eltern die Belastungen gar nicht wahr, weil diese Geschwisterkinder meist sehr angepasst, zurückhaltend sind und viel mit sich selbst ausmachen. Viele Kinder haben das Gefühl, dass die Eltern weniger Zeit und Aufmerksamkeit für sie haben. Und es gibt Ängste, die sie belasten können: die Angst, gehänselt zu werden. Die Angst, behindert zu werden oder später einmal behinderte Kinder zu bekommen. Die Angst, an der Behinderung Schuld zu sein. Für viele Geschwister kann die Behinderung von Schwester oder Bruder lebensbestimmend werden: Sie suchen sich ihre Freunde und später den Lebenspartner danach aus, ob diese mit der Behinderung umgehen können und richten ihr ganzes Leben nach der behinderten Schwester oder dem behinderten Bruder aus. Zum Problem kann es auch werden, wenn Kinder zu wenig über die Behinderung wissen, weil die Eltern sie schützen wollen.

Berliner Morgenpost: Ist dies denn ein Fehler?

Eberhard Grünzinger: Eltern können und sollten die Kinder immer aufklären, natürlich dem jeweiligen Alter entsprechend. Die Kinder werden ja auch schon früh gefragt. Zum Beispiel im Kindergarten sehen sie sich mit Fragen konfrontiert: „Warum kann dein Bruder nicht laufen?“ Später werden sie vielleicht in der Schule gehänselt: „Bist du auch ein Mongo?“ Darauf müssen Kinder reagieren können, und Eltern sollten mit ihnen zusammen Antworten überlegen. Außerdem nehmen Kinder ohnehin sehr früh wahr, dass behinderte Geschwister anders sind. Schon ein Kindergartenkind merkt, wenn es den älteren Bruder oder die Schwester in der Entwicklung überholt, beim Sprechen, in der Motorik. Wenn der jüngere plötzlich mehr kann als der ältere, man nennt das Rollen-Asymmetrie, kann das Schuldgefühle hervorrufen. Kinder fragen sich dann, ob sie das überhaupt dürfen. Manche Kinder versuchen auch, ihre guten Leistungen zu verstecken, um das behinderte Geschwisterkind vor der Realität zu schützen. Aufklärung ist darum sehr wichtig. Und später ist es auch gut, Geschwisterkinder in Entscheidungen um das behinderte Kind einzubeziehen, sie nach ihrer Meinung zu fragen.

Berliner Morgenpost: Worauf sollten Eltern noch achten?

Eberhard Grünzinger: Das Wichtigste ist, miteinander zu reden. Kinder sollten immer die Möglichkeit haben Fragen zu stellen, und Eltern sollten sie darin unterstützen, über ihre Empfindungen und Probleme zu sprechen. Sie sollten ihnen signalisieren: Wir sehen auch deine Schwierigkeiten. Und Eltern sollten mit den Geschwisterkindern regelmäßig etwas allein machen. Kinder haben meist gar keine überfordernden Bedürfnisse, da reichen manchmal kleine Gesten oder Erklärungen: „Wir lieben dich, auch wenn wir weniger Zeit für dich haben.“

Berliner Morgenpost: Welche Alarmzeichen senden Kinder, die mit der Situation nicht zurechtkommen?

Eberhard Grünzinger: Gefährlich wird es, wenn Kinder sich stark zurückziehen. Doch nicht immer nehmen Eltern das gleich wahr, wenn diese Entwicklung schrittweise erfolgt. Auch eine Überangepasstheit kann zu Problemen führen. Manchmal passiert es, dass die ältere Schwester eine Art Mutterfunktion für das behinderte Kind einnimmt und sich viel zu viel Verantwortung aufbürdet. Da müssen die Eltern sie bremsen. Manche Kinder fangen auch an, missionarisch auf ihr Umfeld einzuwirken. Wenn zum Beispiel in der Schule eine schräge Bemerkung über Behinderte fällt, springen sie immer dazwischen, auch wenn es sie gar nicht betrifft. Das kann die Kinder überfordern.

Berliner Morgenpost: Ist das nicht ein positiver Zug?

Eberhard Grünzinger: Ja, aber es gibt immer auch ein Zuviel. Geschwisterkinder sind ja nicht für jede Lästerei über Behinderte verantwortlich. Außerdem müssen sie auch lernen, negative Gefühle zuzulassen. Sie empfinden ja auch mal Neid, Aggression, sogar Hass. Aber das fällt den meisten sehr schwer.

Berliner Morgenpost: Wie können sie das lernen?

Eberhard Grünzinger: Gut ist es, sie mit anderen Kindern in ähnlicher Lage zusammenzubringen. Dabei merken sie, dass sie nicht allein sind, sie fühlen sich verstanden und lernen, wie andere mit der Situation umgehen. Inzwischen gibt es in allen Bundesländern Angebote für Geschwister, zum Beispiel regelmäßige Gesprächsrunden, Programme zur Stressbewältigung oder erlebnispädagogische Projekte. Bei der Vielzahl der betroffenen Kinder aber immer noch zu wenig.

Berliner Morgenpost: Hat ein behindertes Geschwisterkind auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung?

Eberhard Grünzinger: Die Geschwister lernen zwangsläufig, Rücksicht zu nehmen, sie sind verantwortungsvoll, sehr diszipliniert, ernsthaft und sie zeigen viel Empathie. Aber diese hohe soziale Kompetenz ist häufig leidvoll erworben. Manchmal wünsche ich mir, sie könnten auch mal ausgelassener sein, würden auch mal über die Stränge schlagen. Aber das passiert kaum. Ein Junge hat einmal zu mir gesagt: „Ich will keine Extra-Schwierigkeiten machen.“