Scheidung

"Ich musste allein auf die Beine kommen"

Geschieden, vier Kinder, ohne Geld und Job: Petra van Laak erzählt, wie sie es dennoch schaffte – bis hin zur eigenen Firma

Foto: Amin Akhtar

Petra van Laak führte als Unternehmer-Gattin ein weitgehend sorgenfreies Leben. Doch mit dem Bankrott der Firma ihres Mannes und der anschließenden Scheidung geriet die Mutter von vier Kindern in den freien Fall. Um ihre Kinder zu ernähren, jobbte die studierte Kunsthistorikerin in einer Telefon-Drücker-Kolonne, war Gesellschafterin einer reichen alten Dame und arbeitete als Darstellerin in einer drittklassigen Doku-Soap. Auch Vermieter zeigten sich abweisend, wenn Petra van Laak mit ihrer Kinderschar anrückte. So landete die Familie zunächst in einer Bruchbude, die so feucht war, dass die Matratzen auf dem Boden zu schimmeln begannen.

Jetzt, zehn Jahre später, lebt Petra van Laak in Potsdam und betreibt eine erfolgreiche Textagentur. Mit ihren Kindern, die zwischen 13 und 19 Jahre alt sind, bewohnt sie eine geräumige Wohnung. Die Kinder besuchen ihren Vater regelmäßig. "Wir müssen noch immer rechnen und verzichten zum Beispiel ganz bewusst auf ein Auto. Aber ich kann heute mit meinem Einkommen die Existenz von fünf Menschen sichern – vor allem das zählt für mich", erklärt Petra van Laak. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben – und Kirsten Schiekiera hat mir ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Die Phase, als die Firma Ihres Mannes vor der Insolvenz stand, beschreiben Sie in dem Buch als die härteste Zeit in Ihrem Leben. Gläubiger ließen Ihren VW-Bus pfänden, jemand legte Ihnen ein blutiges Beil vor die Haustür. Wie überraschend kam die Firmenpleite für Sie?

Petra van Laak: Wir lebten damals in diesem klassischen Versorger-Modell zusammen. Mein Mann arbeitete hart und kümmerte sich um die Finanzen, ich war für Haus und Kinder zuständig. Im Nachhinein empfinde ich meine Rolle natürlich als fürchterlich naiv. Als die Probleme in der Firma begannen, war mein ältester Sohn neun, meine jüngste Tochter war drei. Das war damals auch körperlich eine unglaublich anstrengende Zeit für mich. Natürlich bekam ich mit, dass es nicht gut läuft in der Firma. Das ganze Ausmaß der Bedrohung kannte ich allerdings nicht.

Berliner Morgenpost: Warum hat Ihr Mann Sie damals – zumindest teilweise – über die gemeinsame Situation im Unklaren gelassen?

Petra van Laak: Mein ehemaliger Mann hat sicherlich aus seiner Sicht in unserem gemeinsamen Interesse gehandelt. Er hatte eine andere Einschätzung als ich, wie es um unsere Zukunft steht. Seit meine Geschichte öffentlich bekannt wurde, bekomme ich beinahe täglich Mails von Menschen, die Ähnliches berichten. Es kommt offenbar häufig vor, dass die Lebenspartner über die finanzielle Situation im Unklaren sind. Weder bei meinem Mann noch bei den meisten anderen, die so handeln, steckt ein böser Wille dahinter. Ich denke, es ist eher so eine Art Scheuklappen-Verhalten: Weil niemand sie rechtzeitig anhält, galoppieren sie weiter. Und die Partner wagen es häufig aus Liebe und Respekt – aber auch aus Unwissenheit – nicht, sie zu bremsen.

Berliner Morgenpost: Ungefähr zwei Jahre lang haben Sie vergeblich versucht, eine Arbeit zu finden, mit der Sie Ihre Familie ernähren können. Nach einigen Monaten entschlossen Sie sich, Wohngeld und die "Hilfe zum Lebensunterhalt" zu beantragen. Was empfanden Sie damals als schmerzhafter: die finanziellen Einschränkungen oder die Gewissheit, dass Ihre Person und Ihre Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt offenbar nicht gefragt sind?

Petra van Laak: Das Schlimmste außer der Trauer um unser zerbrochenes Familienleben war für mich das Gefühl der Perspektivlosigkeit. Ich habe zig Bewerbungen geschrieben und nur Absagen erhalten. Selbst wenn ich es wieder einmal geschafft hatte, einen Job zu ergattern, reichten meine Einkünfte kaum zum Überleben. Mein Bruder sagte mir einmal, dass er mich als Verkäuferin anstellen könnte, aber auch damit wäre mir nicht geholfen, denn ich würde trotzdem so wenig verdienen, dass ich weiterhin Wohngeld und andere Leistungen beantragen müsste. Diese Situation empfand ich als absolut niederschmetternd

Berliner Morgenpost: Wer stand Ihnen zur Seite?

Petra van Laak: Meine Familie und gute Freunde haben zu mir gehalten. Meine Eltern haben mir zudem mehrmals angeboten, mir eine größere Summe an Geld, 5000 oder 10.000 Euro, zu schenken. Freunde wollten mir Geld vorstrecken. Ich habe das aber immer wieder abgelehnt. Natürlich hätte ich das Geld gut gebrauchen können, es hätte jedoch meine Probleme nicht gelöst und lediglich neue Abhängigkeiten geschaffen. Ich musste es schaffen, alleine wieder auf die Beine zu kommen.

Berliner Morgenpost: Lernt man in schwierigen Zeiten die Menschen besser kennen?

Petra van Laak: Ich habe in der Zeit sehr viel Hilfsbereitschaft und Unterstützung erfahren, auch von Menschen, die mich kaum kannten. Überraschend fand ich, wie freundlich viele Mitarbeiterinnen bei den Ämtern zu mir waren. Eine meiner schlimmsten Erfahrungen war es zu erleben, wie die Situation von Arbeitssuchenden von windigen Geschäftemachern ausgenutzt wird.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben, Sie hätten damals genau drei Reaktionsmöglichkeiten gehabt. Erstens: Wegrennen. Zweitens: Verrückt werden. Drittens: Es durchstehen. Was hat Ihnen geholfen, in dieser extrem schwierigen Lebensphase tatsächlich durchzuhalten?

Petra van Laak: Ich besitze eine Fähigkeit, die man im Englischen "change competence" nennt. Sie hilft mir dabei, mich verhältnismäßig schnell auf neue Situationen einzustellen und auf sie zu reagieren. Ich gucke nicht gerne zurück, sondern schaue eher, wie ich etwas verbessern kann. Eins darf man außerdem nicht vergessen: Den Weg in die Selbstständigkeit habe ich nur geschafft, weil ich vorher bereits Bildung genossen hatte. Diese Möglichkeit steht vielen Menschen bedauerlicherweise nicht offen.

Berliner Morgenpost: In dem Buch wirken Sie sehr pragmatisch und kompetent. Gab es nicht manchmal auch Zeiten, in denen Sie sich ein wenig bemitleidet haben?

Petra van Laak: Davor haben mich meine Kinder bewahrt. Wenn man wie ich für vier Kinder verantwortlich ist, reißt man sich zusammen. Selbstmitleid nutzt in solchen Phasen niemandem. Erst vor Kurzem, in den Monaten, in denen ich das Buch geschrieben habe, habe ich gemerkt, wie stark mich das alles damals belastet hat. Beim Schreiben habe ich oft gedacht: "Meine Güte, das war wirklich eine ganz miese Zeit."

Das Buch "1 Frau, 4 Kinder, 0 Euro: Wie ich es trotzdem geschafft habe" ist erschienen bei Droemer (14,99 Euro).

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