„Jedes dritte Kind hat eine Allergie“

Der Berliner Kinderarzt Professor Philippe Stock über Kinder und deren Probleme mit Pollenflug

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Die Augen tränen, die Nase juckt, der Schnodder läuft. Frühling ist auch Allergiezeit. Wie gefährlich sind Pollenallergien bei Kindern? Kann man vorbeugen? Wie lassen sich die Symptome lindern? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Prof. Philippe Stock. Er ist kommissarischer Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie an der Charité, Campus Virchow Klinikum.

Berliner Morgenpost: Pollenexperten sagen, das Allergiejahr 2012 wird besonders schlimm, weil jedes Jahr mit einer geraden Zahl einen besonders starken Baumpollenflug aufweist. Können Sie das aus der Praxis bestätigen?

Prof. Philippe Stock: Auch wenn der Jahreswechsel aus meiner Sicht nicht ganz so klar ist: Die Beobachtung ist richtig. Es stimmt, dass die Bäume einen gewissen Rhythmus aufweisen. Mit relativer Regelmäßigkeit wechselt die Stärke des Pollenflugs, vor allem bei der Birke und der Hasel. Und tatsächlich hat dieses Jahr der Pollenflug sehr früh eingesetzt. Die ersten Patienten haben uns Ende Januar mit Symptomen aufgesucht.

Berliner Morgenpost: Bei wem ist das Leiden größer: bei Kindern oder bei Erwachsenen?

Prof. Philippe Stock: Die klassischen Symptome wie tränende und juckende Augen, Juckreiz im Nasen- und Rachenbereich, Schnupfen sind bei Kindern nicht stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Allerdings ist bei Kindern die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich aus einem normalen Heuschnupfen Asthma entwickeln kann. Das liegt daran, dass das Immunsystem bei Kindern noch nicht ausgereizt ist.

Berliner Morgenpost: Was hat das mit einer Allergie zu tun?

Prof. Philippe Stock: Eine Atopie oder Allergie ist nichts anderes als eine Erkrankung, die sich an unterschiedlichen Organen zeigt. Daher gibt es typische Allergikerkarrieren. Am häufigsten zeigt sich die Allergie in den ganz frühen Lebensjahren als Neurodermitis, etwas später als Nahrungsmittelunverträglichkeit und schließlich dann eben an den Atemwegen – erst den oberen und unter Umständen auch den unteren, also in Form von Asthma.

Berliner Morgenpost: Wie kann man eine solche Entwicklung %unterbrechen?

Prof. Philippe Stock: Indem man frühzeitig interveniert. Eine Allergie ist ja eine übertriebene Immunreaktion des Körpers auf einen eigentlich harmlosen Stoff. Der Körper kann also nicht unterscheiden zwischen harmlos und schlimm. Er kann es aber lernen. Bei einer Pollenallergie zeigt die Hyposensibilisierungstherapie gute Erfolge. Sie ist nach wie vor auch die einzige Therapie, die an die Ursache herangeht.

Berliner Morgenpost: Wie funktioniert sie?

Prof. Philippe Stock: Dem Körper wird über drei Jahre hinweg der Auslöser der Allergie in immer höherer Dosis zugeführt, also beispielsweise die Birkenpolle. Das geschieht üblicherweise, indem der Stoff unter die Haut gespritzt wird. Es gibt aber auch Tropfen oder Tabletten, die unter die Zunge gelegt werden. Auf diese Weise lernt der Organismus, dass der Stoff nichts Schlimmes ist und er nicht allergisch reagieren muss. Das Immunsystem wird also quasi umgepolt und der Marsch der Allergie durch die Organe unterbrochen.

Berliner Morgenpost: Und was kann man tun, damit eine Allergie erst gar nicht ausbricht?

Prof. Philippe Stock: Leider ist eine Allergie auch erblich bedingt. Das heißt, wenn Eltern und Geschwister schon Allergiker sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, selbst Allergiker zu werden. Da kann man also gar nichts tun. Geschätzt 40 bis 50 Prozent der Erwachsenen sind Allergiker, davon reagieren 30 Prozent allergisch auf Pollen. Bei den Kindern reagieren etwa 20 Prozent allergisch auf Pollen. Irgendeine Allergie weist etwa jedes dritte Kind auf – Tendenz steigend.

Berliner Morgenpost: Woran liegt das?

Prof. Philippe Stock: Es klingt verrückt, aber wir sind wahrscheinlich einfach zu sauber. Durch die sehr gute Hygiene in den Industrieländern wird das kindliche Immunsystem zu wenig trainiert und ist ständig unterfordert. Das leistet allergischen Reaktionen Vorschub. Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen und ständig mit Dreck und Tierkot in Berührung kommen, haben kaum Allergien. Genauso die Kinder in Entwicklungsländern.

Berliner Morgenpost: Was sollten Eltern daraus lernen? Zurück zum Dreck?

Prof. Philippe Stock: Die Mütter und Väter, die immer ein Desinfektionsspray in der Tasche haben, meinen es ja gut. Auch, wenn sie bei jedem fieberhaften Infekt ihren Kindern gleich ein Antibiotikum verabreichen. Aber es sollte kein Reflex sein. Es gilt immer die Verhältnismäßigkeit abzuwägen. Sonst geht die Sache nach hinten los.

Berliner Morgenpost: Warum gibt es eigentlich selbst in einer Stadt wie Berlin so viele Pollenallergiker?

Prof. Philippe Stock: Berlin ist eine sehr grüne Stadt. Daher gibt es auch viele Baum- und Gräserpollen. Auch die Ambrosia-Pflanze breitet sich massiv aus, die ein hohes allergenes Potenzial hat.

Berliner Morgenpost: Wann beginnt typischerweise eine Pollenallergie?

Prof. Philippe Stock: Sie breitet sich üblicherweise ab dem Vor- und Grundschulalter aus, also mit vier, fünf Jahren. Davor sehen wir die allergischen Reaktionen eher an der Haut oder in Form von Nahrungsmittelallergien.

Berliner Morgenpost: Sollte man eine Pollenallergie in jedem Fall behandeln?

Prof. Philippe Stock: Ich halte es schon für sinnvoll, zumal die Therapie eine Langzeitwirkung hat und der Allergiker daher langfristig beschwerdefrei leben kann. Nur selten muss man die Therapie wiederholen. Etwa die Hälfte der Pollenallergiker wird behandelt. Die Kosten werden von den Kassen auch voll übernommen.

Berliner Morgenpost: Wie kann man die Symptome einer Pollenallergie eindämmen?

Prof. Philippe Stock: Das Wichtigste ist, den Kontakt zu Pollen zu vermeiden: nachts Fenster schließen, tagsüber stoßweise lüften. Denn kurz vor dem Aufstehen, in den frühen Morgenstunden, ist der Pollenflug am stärksten. Sinnvoll ist es auch, abends die Haare zu waschen, um die Pollen loszuwerden, die sich dort tagsüber angesammelt haben. Und wer sich im Schlafzimmer umzieht, verteilt dort die Pollen – dies also besser unterlassen. Zudem sollte man zur Zeit des Pollenflugs die sportliche Betätigung im Freien vermeiden.

Berliner Morgenpost: Sind Medikamente sinnvoll?

Prof. Philippe Stock: Mit so genannten Antihistaminika lassen sich die Symptome recht gut lindern. Sie blockieren das Hormon Histamin, den körpereigenen Botenstoff, der für die Entzündungsreaktionen verantwortlich ist. Es gibt sie als Tropfen, Saft und Tabletten und auch als Nasenspray oder Augentropfen. Bei Kindern mit Nasen- und Augensymptomen hat sich auch kortisonhaltiges Nasenspray bewährt. Es wirkt ausgesprochen gut und nur lokal. Das Kortison verteilt sich also nicht im Körper, so dass es keine Nebenwirkungen gibt. Bei spezifischen Fragen sollte man auf jeden Fall zum Allergologen gehen. Denn Allergien sind sehr komplex und individuell.

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