„Jungs brauchen männliche Vorbilder“

Joachim Masannek startete 2002 seine Erfolgsserie „Die Wilden Kerle“. Ideengeber dafür waren seine Söhne

Foto: ZDF/WunderWerk GmbH

Mit der Reihe „Die Wilden Kerle“ hat der Münchener Autor %Joachim Masannek vor zehn Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchserien geschaffen. Antje Hildebrandt sprach mit ihm über Jungenträume, verliebte Mädchen und die Frage: Wie wird man ein Held?

Berliner Morgenpost: Herr Masannek, jetzt gibt es die „Wilden Kerle“ sogar neuerdings als Zeichentrickserie im Fernsehen. Was unterscheidet diese Helden denn von anderen?

Joachim Masannek: Dass es sie wirklich gibt. Die „Wilden Kerle“ sind meine Söhne Leon und Marlon, heute 19 und 20 Jahre alt, beide fußballbegeistert, seit sie laufen können. Weil Bayern München Mitglieder erst ab sechs Jahren aufnimmt, haben sie eine eigene Mannschaft gegründet.

Berliner Morgenpost: Sie haben die Mannschaft selber trainiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichten aufzuschreiben und zu verfilmen?

Joachim Masannek: Als meine Söhne aus dem Astrid-Lindgren-Alter heraus waren, habe ich versucht, sie für meine Lieblingsbücher zu begeistern. Aber dafür haben sie sich nicht interessiert.

Berliner Morgenpost: Wer waren die Helden Ihrer Kindheit?

Joachim Masannek: Winnetou und Old Shatterhand. Und dann war da noch Huckleberry Finn. So eine Figur wäre heute gar nicht mehr denkbar.

Eine Zeitung hat mal geschrieben, stellen Sie sich vor, da ist ein Junge, der die Schule schwänzt, raucht, sich mit Obdachlosen abgibt und nachts satanische Messen auf dem Friedhof zelebriert.

Berliner Morgenpost: Auch so ein wilder Kerl.

Joachim Masannek: Ja, aber die Bücher über Huck Finn spielten in einer Welt, die für meine Söhne nicht mehr verständlich war, und neue literarische Vorbilder für Jungs gab es in den 90er-Jahren kaum.

Berliner Morgenpost: Welche Eigenschaften hätten diese Figuren denn erfüllen müssen?

Joachim Masannek: Sie hätten halt so sein sollen wie die „Wilden Kerle“. Meine Jungs wollten größer, schneller und besser sein als andere. Aber im Kindergarten und in der Schule stieß dieser sportliche Ehrgeiz nicht immer auf Verständnis.

Berliner Morgenpost: Sprechen die „Wilden Kerle“ denn nur Jungs an?

Joachim Masannek: Nein, auch Mädchen. Die fanden die Fußballer cool. „Die Wilden Kerle“ sind ja mittlerweile fast so etwas wie eine Boygroup geworden. Ab dem dritten Kinofilm standen immer Tausende Mädchen vor den Kinos.

Berliner Morgenpost: Daran sind doch aber in erster Linie die beiden Hauptdarsteller schuld, die Ochsenknecht-Brüder, oder?

Joachim Masannek: Glaube ich nicht. Das lag an den Rollen, die sie gespielt haben. Das Leben, das die beiden heute führen, hat nicht mehr viel mit den „Wilden Kerlen“ zu tun.

Berliner Morgenpost: Aber ihr wildes Image werden sie nicht los. Die beide gerieten schon wegen Randale in die Schlagzeilen.

Joachim Masannek: Wild ist etwas anderes. Dass man zu dem steht, was man macht. Dass man seine Ängste erkennt und überwindet. So wird man stark. Randale ist doof.

Berliner Morgenpost: Dieser Tage erscheint der 14. Band der „Wilden Kerle“. Ist das eine Abenteuerserie oder ein Erziehungsroman?

Joachim Masannek: Mir geht es darum, Kindern zu zeigen, wie man erwachsen werden kann. Und das heißt: lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Dafür braucht man kein Facebook, keine Castingshows.

Berliner Morgenpost: Mangelt es den Kindern heute an %Vorbildern?

Joachim Masannek: Kommt darauf an, was Sie unter Vorbildern verstehen. Für mich sind Menschen Vorbilder, die wissen, dass sie das richtige tun. Also der Fischer in Afrika, der sein Leben lang mit dem Boot herausfährt, um seine Familie zu ernähren, so einer ist für mich ein Held des Alltags.

Berliner Morgenpost: Und solche Menschen findet man hierzulande nicht?

Joachim Masannek: Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht mehr erwachsen werden will. Verantwortung zu übernehmen, wird als das Gegenteil von Spaß verstanden. Werte sind durch Öffentlichkeit ersetzt worden. Also: Wenn ich in der Öffentlichkeit stehe, habe ich das Gefühl, ich bin was wert. Das ist das, was wir unseren Kindern vorleben.

Berliner Morgenpost: Dagegen empfehlen Sie den Kindern den Fußball als Kontrastprogramm?

Joachim Masannek: Genau, da gibt es klare Regeln. Kein Schiedsrichter käme auf die Idee zu sagen, okay, diesmal pfeife ich mal nicht. Es ist wichtig, dass Kinder lernen, Grenzen auszutesten. Sie dürfen auch Fehler machen. Man muss ihnen nur die Chance geben, sie wieder gutzumachen. Beim Fußball gibt es dafür den Freistoß.

Berliner Morgenpost: Es fällt schwer, sich Sie als Fußballtrainer vorzustellen. Eine Boulevardzeitung hat Sie neulich als „wildes Weichei“ betitelt.

Joachim Masannek: Darüber war ich wirklich sauer. Ich hätte mich gefreut, wenn die Zeitung geschrieben hätte: Aus einem Weichei wurde ein wilder Kerl (lacht).

Berliner Morgenpost: Wieso?

Joachim Masannek: Ich habe denen erzählt, dass ich als Kind von Frauen großgezogen worden bin. Das hat mich geprägt. Ich habe immer versucht, den Frauen zu gefallen, statt mich zu fragen, was ich selber will.

Berliner Morgenpost: Es gibt Frauen, die genau diesen Typ Softie mögen.

Joachim Masannek: Ich habe andere Erfahrungen gemacht. %Irgendwann sehen dich die Frauen nicht mehr als Mann. Daran ist meine Familie zerbrochen. Ich war tatsächlich ein Weichei.

Berliner Morgenpost: Und erst als Autor der „Wilden Kerle“ haben Sie sich emanzipiert?

Joachim Masannek: Die Bücher waren das Ergebnis dieses Prozesses. Ich habe an mir gearbeitet. Ich wollte kein Opfer sein.

Berliner Morgenpost: Können solche Helden Jungs wirklich beim Erwachsenwerden helfen?

Joachim Masannek: Natürlich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kinder von ihren Eltern zum Bus gefahren werden. Man traut sich kaum noch, sie auf der Straße spielen zu lassen. Erfahrungen sammeln Kindern überwiegend aus zweiter Hand, egal, ob sie Fernsehen gucken oder am Computer daddeln. Bücher können zeigen, dass man auch noch andere Abenteuer erleben kann.

Berliner Morgenpost: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder möchte Jungen in Schule und Ausbildung stärker fördern. Haben die das nötig?

Joachim Masannek: Jungs brauchen als erstes männliche Lehrer. Ich habe neulich an einer Schule gelesen, da war der Bibliothekar der einzige Mann.

Berliner Morgenpost: Eine aktuelle Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat gerade mit dem Vorurteil aufgeräumt, Jungs seien die Verlierer des Bildungssystems.

Joachim Masannek: Die Probleme der Jungs haben nichts mit dem Bildungssystem zu tun, sondern mit dem Mangel an Lehrern. Jungs brauchen männliche Bezugspersonen.

Berliner Morgenpost: Ist die Sorge um die Jungen nicht auch %Ausdruck der allgemeinen Identitätskrise des Mannes?

Joachim Masannek: Keine Ahnung, Frauen sollten das aber ernst nehmen – und Jungs großziehen, die ihnen auch als Männer gefallen. Und Männer müssen lernen, dass Mann-Sein und Macho-Sein nicht dasselbe ist.