Wenn Babys nicht essen wollen

Immer mehr Kleinkinder haben Essstörungen und werden ärztlich behandelt. Doch: Ab und an den Brei zu verweigern, ist völlig normal

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Lisa ist achtzehn Monate alt, ein süßes Baby, aber das Thema Essen ist für ihre Mutter eine Qual. Dabei beginnen die Mahlzeiten gar nicht so schlecht. Lisa lässt sich anstandslos in den Hochstuhl setzen, die ersten Löffel mit Brei geben, und dann plötzlich: Aus. Kein Bissen geht mehr. Sie dreht sich weg, verzieht das Gesicht, versucht aufzustehen. Wenn sie irgendeinen Gegenstand auf dem Tisch erreichen kann, wirft sie damit um sich. Lisas Mutter hat ihr Leid schon dem Kinderarzt geklagt. Und auch der ist mittlerweile beunruhigt: Denn Lisa nimmt nicht mehr ausreichend zu.

Situationen wie diese kennt fast jede Mutter. Es gibt wohl kaum ein Kind, das alles mit Begeisterung vertilgt, was ihm aufgetischt wird. Doch wenn irgendwann nicht nur die Nerven blank liegen, sondern sogar die Gesundheit des Nachwuchses bedroht ist, dann ist der Gang zum Arzt der nächste Schritt. Es sind eben diese Fälle, mit denen es die Wiener Oberärztin der Säuglingspsychosomatik, Josephine Schwarz-Gerö, täglich zu tun hat und die sie in ihrem Buch „Baby, warum isst du nicht?“ schildert. „Das Buch habe ich geschrieben, damit es gar nicht so weit kommt, dass Eltern medizinische Hilfe in Anspruch nehmen müssen“, sagt sie. Die Tipps und Empfehlungen, die sie zum Thema Fütterungsstörungen zusammengetragen hat, sind das Ergebnis von 20 Jahren intensiver Arbeit auf diesem Gebiet. „Es sind die Eltern, die zunächst ein Fütterungsproblem feststellen“, erzählt die Expertin. „Von einer Störung sprechen wir, wenn dieses Problem mehr als einen Monat andauert und die Mahlzeiten immer mehr Zeit einnehmen.“ Organische Probleme sind dabei im Vorfeld auszuschließen, es geht um gesunde Kinder, die einfach nicht essen mögen.

Wie wichtig die Nahrungsaufnahme bei Babys und Kleinkindern ist, weiß jede Mutter. Oft genug ist sie beherrschendes Thema in Krabbelgruppen und auf Spielplätzen. „Manche Kinder essen nur Brei, andere trinken nur Milch aus der Flasche“, sagt Josephine Schwarz-Gerö. Jede Auffälligkeit könne sich zu einer Fütterstörung entwickeln. Je nach Alter des Kindes muss unterschieden werden: Nach dem Abstillen bzw. dem Übergang von Flaschennahrung zu Beikost muss ein Baby erst einmal die verschiedenen Lebensmittel kennenlernen. Anderthalbjährigen geht es oft weniger ums Essen, als einfach darum, selbst zu bestimmen. „In diesem Alter suchen Kinder ein Thema, bei dem sie ,Nein’ sagen können. Es geht um Autonomie.“ Daher müssten die Signale der Kinder gedeutet werden.

Schuldgefühle bei den Eltern

Auch im Vivantes-Klinikum Neukölln beschäftigt man sich mit dem Thema. In die Kinder- und Jugendpsychiatrie kommen Eltern, deren Kinder an einer Regulationsstörung leiden. Dazu gehören auch Verhaltens- und Schlafstörungen. „Essstörungen entstehen oft mit der Beikost oder wenn vom Stillen aufs Fläschchen umgestellt wird“, sagt Fachärztin Juliane Teich. Sie und ihre Kollegen haben sich auf die ein- bis vierjährigen Kinder spezialisiert, die in der Regel ambulant behandelt werden. In der Tagesklinik werden diejenigen Kinder betreut, die noch weitere Probleme haben.

„Mit der Kamera arbeiten wir erst im Verlauf der Therapie“, sagt die 34-Jährige. Sie weiß, dass das Filmen der Kinder und Eltern auf manche zunächst erschreckend wirkt. „Dabei ist es wichtig, dass man von einem anderen Menschen Tipps bekommt wie ,Sprechen Sie weniger’ oder „Machen Sie langsamere Bewegungen’.“

Wie belastend eine „Fütterstörung“ für die Eltern sein kann, zeigt sich auch darin, dass es scheinbar unmöglich ist, eine Mutter zu finden, die von ihren Sorgen in der Zeitung berichten mag. „Dass eine Mutter ihr Kind ernährt, ist basal“, sagt Juliane Teich. „Wenn dies nicht funktioniert, sind die Schuldgefühle immens und leider oft auch völlig übersteigert.“ Je perfektionistischer man sei, desto größer werde auch der Druck auf das Kind. „Es hilft einer Mutter natürlich auch überhaupt nicht, dass die anderen es ohnehin grundsätzlich besser wissen.“

Es gebe keine allgemeingültigen „Goldenen Regeln“, und doch sind es vermeintlich einfache Maßnahmen, die helfen können: gemeinsam am Tisch sitzen, die Mahlzeiten zu festen Zeiten einnehmen, das Kind nicht überreden wollen. „Die Eltern sagen, wann und wo gegessen wird, das Kind bestimmt die Menge“, sagt Juliane Teich. Die Kleinen mittels Ablenkung zum Essen zu bewegen sei falsch: „Auf die Dauer bekommt die Esssituation so eine viel zu große Bedeutung. Sie sollte einfach normal sein.“

Kaum professionelle Hilfe

Dass Essstörungen zunehmen, beobachtet die Professorin Christiane Ludwig-Körner vom Familienzentrum Potsdam, wo man sich ebenfalls um Kinder mit Regulationsstörungen kümmert. Dies hänge unter anderem mit der steigenden Zahl der Frühgeburten zusammen. „Viele der Frühchen wurden sondenernährt, und diese Umstellung ist manchmal sehr kompliziert. Einen der schwersten Fälle, die ich erlebt habe, war eine ,Zwangsfütterung’ derart, dass Großmutter und Mutter das schreiende Kind auf dem Boden festhielten und ihm in Nahrung einflößten.“ Christiane Ludwig-Körner, die das Familienzentrum ehrenamtlich leitet, sieht Handlungsbedarf: „Bis heute gibt es zu wenige Kliniken, die ein therapeutisch geschultes Personal haben, und in denen gedeihgestörten Kindern und ihren Eltern geholfen wird.“ Allein in ihrer Einrichtung melden sich derzeit jährlich etwa 100 Eltern – ein Andrang, den die dortigen Fachkräfte gar nicht allein bewältigen können.

Die Berliner Oecotrophologin Tanja Maria Radzuweit glaubt indes, dass die Grundlagen für ein gesundes Essverhalten schon vor der Geburt von der Mutter gelegt werden können. „Schon im Mutterleib kann man sein Kind mit Geschmackserlebnissen prägen.“ Die Mutter zweier Kinder plädiert dafür, die Kleinen mit zunehmender Selbstständigkeit ‚einfach mal machen’ zu lassen. „Häufig liegt der Lappen gleich nebenan, die Kleinen werden mit dem Plastiklöffel gefüttert, damit die Hände auch schön sauber bleiben. Warum nicht auch mal anfassen lassen?“ Ein Kind müsse doch erst noch kennenlernen, was es an Farben, Geschmäckern und auch Gerüchen gebe. „Dabei werden immer weniger Kinder mit den Gerüchen groß, die durch Kochen entstehen. Es gibt immer mehr Fertigkost, es wird weniger selbst gewürzt“, bedauert sie. „Wie soll Appetit entstehen, wenn die Sinne nicht berührt werden?“