"Ich bin blind - aber mein Leben ist bunt"

Geschichten voller Gefühl: Wie Menschen mit Behinderung ein Buch geschrieben und selbst illustriert haben

Foto: Sven Lambert

Langsam zieht Nico Nietsch den Stift über das Papier. Es entsteht ein gelber Strich zwischen lauter roten Strichen. Der 34-Jährige lächelt. Wichtig ist ihm, dass es knallbunt wird. Nico Nietsch ist blind. Doch die Farben haben eine ungeheure Kraft - auch wenn er sie nie gesehen hat und sie nur in seiner Vorstellung existieren. Vor Kurzem hat er seine Liebe zu ihnen in der Kurzgeschichte "Farben einmal anders" veröffentlicht. "Mein Leben besteht aus Farben", schreibt er dort. "Ich lebe jede einzelne von ihnen... Lila ist die Farbe des Lebens."

Nico Nietsch hat wie 22 andere Erwachsene mit Behinderung Geschichten erzählt, die sie bewegen. "Klar, der Strand war schön" heißt die Kurzgeschichtensammlung. Weil einige der Autoren schlecht oder gar nicht verbal kommunizieren können, hat die Pädagogin Nelli Elkind eine Methode entwickelt, sie ihre Geschichten trotzdem erzählen zu lassen. In den vergangenen zwei Jahren, in denen die Geschichten entstanden sind, hat sie Wörter, Sätze und Blicke gesammelt. So gelang es Elkind, Gedankengänge aufzuschreiben, auch wenn die Autoren selbst nicht dazu in der Lage waren. 2007 war sie auf die Idee gekommen. "Ich habe lange nach einem Weg gesucht, wie wir den Menschen ermöglichen können, ihre Gedanken, Gefühle und Träume auszudrücken", sagt sie. "Ich bin glücklich, dass ein so tolles Buch dabei herausgekommen ist."

Das Ziel immer vor Augen

Die 40-Jährige arbeitet als Assistenzkraft in der "Macherei", einer Tagesförderstätte des Evangelischen Johannesstifts in Spandau, die 36 Erwachsenen mit Behinderung Bildung und Beschäftigung bietet. Zu ihnen gehören auch die Autoren. Sie wohnen entweder in einer Einrichtung auf dem Gelände des Stifts oder kommen von außerhalb. Beschäftigt werden Menschen, die entweder von Geburt an oder durch Krankheit körperlich oder kognitiv beeinträchtigt sind. Nelli Elkind ist Teil eines Teams aus Heilerziehungspflegern, Sozial- und Diplompädagogen, Künstlern und Handwerkern, das sich in dem sanierten und modernisierten Haus um die zum Teil Pflegebedürftigen kümmert. Sie bieten unter anderem Trommel- oder Kochkurse, Massagen und Entspannungstherapien an. Wirtschaftlich Verwertbares wird von den Betreuten vor allem in den Kunsthandwerkstätten bei Mal-, Holz- oder Tonarbeiten hergestellt.

Unterschiedlich lange dauerte es, bis jede Geschichte aus "Klar, der Strand war schön" fertiggestellt war. Bei einem Autor brauchte Nelli Elkind acht Monate, um zu wissen, worum es ihm ging, bei anderen wenige Wochen. Sie hatte Geduld und viel Einfühlungsvermögen - und verlor nie ihr Ziel aus den Augen. "Aus wenigen Worten und in ständigem Dialog habe ich die Sätze gesammelt", erzählt Nelli Elkind. Sie sieht sich als übermittelndes Organ, als Dolmetscherin. Dass es nicht ihre Sichtweise und ihre Einschätzungen sind, die die Geschichten beherrschen, war unabdingbar - nicht für die Pädagogin selbst. "Die Authentizität musste gewährleistet sein", sagt Jörg Markowski, Leiter der "Macherei". "Deshalb hat es auch so lange gedauert. Frau Elkind hat immer wieder nachgefragt, Gespräche geführt, ihre Fragen anders gestellt."

Insgesamt brauchte Nelli Elkind zwei Jahre, um ihr Ziel zu erreichen. Diejenigen, die nicht selbst schreiben können, haben ihr ihre Gedanken diktiert. Andere können nur mithilfe verabredeter Zeichen kommunizieren, zum Beispiel mit den Augen oder dem Kopf. Nelli Elkind "erfragte" sich Stück für Stück die Geschichten. Zunächst das Genre, zum Beispiel Liebesgeschichte, Biographie oder Krimi. Dann fahndete sie nach handelnden Personen, der Umgebung, den Gefühlen und der Jahres- oder Tageszeit. Und schließlich vertiefte sie die Thematik immer mehr.

Bei Marina Liebsch hat sie damit Glücksgefühle ausgelöst. Die 58-Jährige sitzt im Rollstuhl und kann sich nur schwer bewegen. Sie meint "Ja", wenn sie aus ihrer Sicht nach links, und "Nein", wenn sie nach rechts blickt. Nelli Elkind hat das Gefühl, als habe sie ein Fenster zu Marina Liebschs Welt geöffnet. Ihre Geschichte heißt "Sonnenschein" und handelt von einem Tag am Strand - die Möwen kreischen und das Meer riecht salzig. "Meine Geschichte ist eigentlich ein Traum, den ich immer schon hatte", erklärt Marina Liebsch, indem Nelli Elkind sich mit Fragen langsam vortastet und übersetzt. "Ich war schon mal am Strand vor langer Zeit. Es war schön und ich kann mich gut daran erinnern."

Zur puren Unterhaltung ist der Krimi von Peter Froschhauser gedacht. Er sitzt in einem elektrischen Rollstuhl, ist fast bewegungsunfähig. Aber sein Geist ist wach und schnell. Wie der eines ermittelnden Kripobeamten. In "Kommissar Fröschl" hat es ein Mörder auf junge Frauen in roten Schuhen abgesehen. Der 67-Jährige, der oft Krimi-Hörspielen lauscht, wollte eine spannende Geschichte mit einem lustigen Kommissar erschaffen. "Von denen gibt es nämlich nicht so viele", sagt er. Außerdem hat der Kommissar, außer der Namensähnlichkeit, auch eine ganze Menge von ihm selbst. "Zum Beispiel den Humor", sagt Froschhauser und strahlt.

Katja Rook hat zwei Texte beigesteuert. Der eine Text ist eine Ich-Geschichte, in der sie autobiographisch erzählt, wie sie im Kinderheim landet und dann adoptiert wird. Sie beschreibt ihre Gefühle nach dem Unfall, der Ursache dafür ist, dass sie nun querschnittsgelähmt ist. Verzweifelt ist sie, weil sie sich nicht an die Umstände des Unfalls erinnern kann. Sie lebe nun ihr zweites Leben, schreibt sie im Anhang. Der zweite Text handelt von einer jungen Frau, die ebenfalls im Kinderheim aufwächst und dann adoptiert wird. Sie schafft es, sich mit einem eigenen Friseurladen selbstständig zu machen, und verliebt sich unsterblich in einen Mann, den sie im Urlaub kennenlernt.

Viele positive Reaktionen

Auf diese Weise ihre Gedanken und Träume auszudrücken, hat nicht nur die Autoren begeistert, die stolz und glücklich über ihre Leistung sind. Auch die Reaktionen der Angehörigen seien durchweg positiv, sagt Nelli Elkind. Die Mutter von Johannes Hagenow etwa habe beim Lesen seiner Geschichte "Mondmädchen" verstanden, dass ihr Sohn nun erwachsen sei.

Auch die Illustrationen im Buch stammen von den Autoren selbst. Nico Nietschs Hände können eigentlich keinen Stift halten. Außerdem sitzt der 34-Jährige im Rollstuhl. Aber in der "Macherei" steht eine von den Betreuern entwickelte Malmaschine. Menschen, die wie Nico in ihren Bewegungen eingeschränkt sind, können so Bilder malen. Die Stifte sehen aus wie kleine Ampullen und sind mit flüssiger Farbe gefüllt. Sie hängen an Schnüren an einem Rahmen, der aufrecht auf einem Tisch steht, und reichen bis hinunter auf das Papier. Von jedem Stift führt eine Schnur zu dem Körperteil des Menschen, mit dem er malen will. Wer die Schnur nicht greifen kann, dem wird sie am Handgelenk befestigt. Oder er benutzt den Mund.

"Ich suche mir die Farben danach aus, wie ich mich gerade fühle", erklärt Nico Nietsch. Am Ende seiner Geschichte heißt es: "Ich bin Nico Nietsch, ich bin blind. Mein Leben ist bunt."

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