Eiserne Hochzeit

Die Hempels und das ewige Glück

Heinz (94) und Margot (92) sind seit 70 Jahren verheiratet. Ohne Kuss gehen sie nie zu Bett

Foto: Marion Hunger

Bei der Hochzeitsfeier roch es alles nach Sonnenblumenöl. "Komisch, eigentlich", sagt sie: "Die Pfannkuchen haben gar nicht danach geschmeckt, obwohl es so stark danach gerochen hat." Vor den Pfannkuchen mit Pflaumenmus, in Sonnenblumenöl ausgebacken, hatte man Rindfleisch und Gemüse serviert, eben das, was man im Krieg auf Lebensmittelmarken für zwölf Leute bekommen konnte. Das Brautkleid war aus Fallschirmseide, den Stoff hatte die Schwiegermutter besorgt, die Mutter der Braut das Kleid genäht. Am Rücken waren 65 Knöpfe mit Schlaufen, was auch immer die Mutter sich dabei gedacht hatte. "Die musste mein Mann dann alle aufmachen", sagt sie. "Glaub nicht, dass ich die da alle aufgemacht habe...", sagt er.

Das war vor 70 Jahren. Am 2. April 1942 heirateten Heinz, heute 94, und Margot Hempel, 92. Es war Krieg, es würde noch alles viel schlimmer werden, das konnte man schon ahnen, aber sie waren glücklich. Manchmal glauben sie heute nicht mehr, wie lange das schon her ist. "Letztens erst habe ich wieder gesagt, ohne nachzudenken, ich sei 73", sagt sie.Bei der Hochzeit kannten sie sich seit mindestens 13 Jahren aus der Nachbarschaft, er wohnte in der Grimmstraße, sie am Hohenstaufenplatz. "Wir sind ja immer wieder übereinander gestolpert", sagt Margot Hempel. Meist allerdings im Winter, wenn sie sich auf der Eisbahn trafen - im Sommer hatte er einfach zu viel zu tun: Fußball spielen, Handball spielen, Kricket spielen für den BFC Preußen. Auf den ist Heinz Hempel noch immer stolz. "Was ihr an mir gefallen hat? Ich denke, mein Eishockey-Pullover. Weiß mit großem schwarzen Adler." Sie lächelt nur: "Ich hatte dein Bild ja über meinem Bett hängen damals." Ein Porträt, ohne Vereinsadler. Ihr Bruder drehte es boshaft immer mit dem Gesicht zur Wand. Er war halt nicht aufdringlich, der Heinz, und hat sie nie angemacht. Da gab es auch ganz andere. "Eigentlich", sagt er, "war ich nur schüchtern." "Anständig", verbessert sie.

Antrag beim Eishockey

So dauerte es drei Winter auf der Eisbahn und einen Umweg bis zum ersten Kuss. Er führte sie durch die Böckhstraße nach Hause - denn am Hohenstaufenplatz lauerte ihr Vater am Fenster und passte auf, an der Grimmstraße vielleicht seiner.Weil sie sich ohnehin nur im Winter trafen, verlobten sie sich also auch im Winter, im Sportpalast, in dem Wintersportstar wie der Eislauf-Floh Sonja Henie (1912 bis 1969) auftraten und natürlich der BFC spielte. Sie hatte Karten fürs Eishockey besorgt, und während unten die Schläger aufeinander krachten, fragte Helmut Margot, ob sie auch Hempel heißen möchte. Nicht sehr romantisch? "Es war so klarer Mondschein in der Nacht", sagt sie: "Und danach wollten wir noch tanzen gehen." Doch war seine Uhr im entscheidenden Moment stehen geblieben: "Und als wir ankamen, strömten alle schon raus aus der Hasenheide." Sie sind sowieso nicht tanzen gegangen und ins Kino, "immer nur spazieren und haben uns ausgequatscht."

Es folgte eine Kriegsehe, wie sie damals viele erlebten: Die Hochzeit zu Ostern, der Bräutigam mit den strahlend blauen Augen in Uniform, die Braut in Fliegerseide, sanfte braune Augen und das honigblonde Haar sorgsam frisiert. Er hatte nur einige wenige Tage Urlaub, aber natürlich haben sie eine Hochzeitsreise gemacht, erzählen die beiden - und lachen. Die führte bis in den Zoo vors Elefantengehege (sie hatte extra einen blauen Hut mit Samtband und Feder angeschafft). 1944 die Geburt der Tochter Gerhild, er sah sie nur kurz auf Weihnachtsurlaub. 1945 geriet er in Kriegsgefangenschaft - "ein Jahr lang habe ich ja gar nicht gewusst, wo mein Mann ist", sagt Margot Hempel. Dass er auch gestorben sein könnte, das wollte sie damals nicht überlegen, daran denkt sie auch heute nicht. Als er 1947 wiederkam, kannte seine kleine Tochter den Onkel Günther und die anderen Brüder ihrer Eltern, alles Onkel. Sie nannte den fremden Mann also, logisch, "Onkel Papa".Nach dem Krieg arbeitete Heinz Hempel zunächst bei Lorenz. Als das Rundfunkunternehmen nach Zuffenhausen zog, war er arbeitslos, gerade als sie die zweite Tochter, Renate, erwarteten. Doch fand er bald wieder Arbeit, als Technischer Angestellter bei der späteren Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen. Sie hatte noch im Krieg als Sekretärin gearbeitet, jetzt blieb sie Hausfrau. "So eine Hausfrau, wie es die heute gar nicht mehr gibt", sagt er voller Bewunderung.

Gestritten haben sie nie, wenigstens können sie sich nicht daran erinnern. "Det is doch auch idiotisch", sagt er. "Ach, das lohnt doch nicht. Eh man sich aufregt, ist die Sache doch meist geklärt", sagt sie - aber es gibt einen Grund, warum ihre Mundwinkel zucken. Ihren Töchtern hat sie immer erklärt, erzählt Renate, inzwischen selbst vierzig Jahre verheiratet: "Der Mann ist der Kopf einer Familie. Aber die Frau ist der Hals" - und der bestimmt, wohin der Kopf sich wendet. "Das hat unser Vater nicht immer gern gehört."

Zwei Enkel, drei Urenkel

Sie haben zwei Enkel und drei Urenkel, die jüngste, Matilda, ist neun Monate alt und soll zu Ostern getauft werden, wenn die Familie zur Feier der Gnadenhochzeit da ist. Jeden Tag begrüßen sie sich morgens mit einem Kuss. Sie teilen sich die Tageszeitung, er nimmt zuerst den Sportteil, sie löst die Rätsel und liest die Kolumne laut vor. Abends sitzen sie zusammen und diskutieren die Politik-Sendungen, bevor sie sich, wieder mit einem Kuss, in den Schlaf verabschieden. Gerade erst musste sie nach einem Sturz mit gebrochenem Bein ins Krankenhaus. Sie lag dort sieben Wochen - er war jeden Tag bei ihr.

Es kann so einfach sein: "Das Leben läuft an einem vorbei, und entweder man macht etwas daraus oder nicht", sagt Heinz Hempel: "Ich würde es noch einmal genau so leben wollen." Und Sie, Margot Hempel, würden Sie Heinz wieder als Ehemann nehmen? "Ja. Doch. Oh ja."