Kinderträume

"Ich sah mich auf einem Südsee-Schiff"

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Barbara Kollmann

Foto: Marion Hunger

Jungen und Mädchen haben häufig kühne Berufswünsche. Oft werden sie zumindest in Teilen wahr. Vier Fallbeispiele

Ein Riss zieht sich durch den Himmel, scharf umrissen, weiß auf blau. „Kondensstreifen sind cool“, sagt Niclas. Manchmal sitzt der 21-Jährige mit seinem Vater im Garten und sie schauen zu, wie die Flugzeuge Muster ins Blaue zeichnen, mehr als 8000 Meter über der Erde. Der Kondensstreifen hier über dem Tempelhofer Feld – „der ist von einer zweistrahligen Maschine. So einer, mit der man in den Urlaub fliegt, wahrscheinlich Boeing 737 oder Airbus 320.“ Niclas wollte schon als kleiner Junge Pilot werden. Er versucht, an den Kondensstreifen den Flugzeug-Typ zu erkennen und vielleicht sogar die Airline zu erraten. Die meisten Abflugzeiten von Berlin kann er auswendig.

Ob es die erste Familienflugreise nach Gran Canaria war, die ihn zur Liebe zum Fliegen gebracht hat, oder der Lego-Flughafen, den er mit sechs Jahren geschenkt bekam, weiß Niclas nicht mehr. „Kinder haben Träume, die den gegenwärtigen attraktiven Zielen entsprechen“, sagt Astrid Kaiser. Die Professorin leitet das Institut für Pädagogik an der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg und hat die Berufsträume von Kindern weltweit untersucht. Niclas liegt mit seinem Traum im Trend: Pilot steht in Deutschland als Wunschberuf für Jungen zwischen sechs und 12 Jahren auf Platz 3 (7,8 Prozent), hinter Profifußballer (17,3 Prozent) und Polizist (10,1 Prozent). Mädchen wollen heutzutage Ärztin, Tierärztin oder Model werden, belegt eine noch nicht veröffentlichte Doktorarbeit, die Astrid Kaiser betreut. 1991 hatten Mädchen in einer Umfrage noch gesagt, sie wollten Krankenschwester, Tierpflegerin oder Friseurin werden.

Die Realität ist nebensächlich

Generell betrachtet, haben die kindlichen Berufswünsche keinen realistischen Hintergrund, hat Astrid Kaiser herausgefunden. So hätten etwa chilenische Mädchen aus Wohngebieten mit großen sozialen Problemen angegeben, später Chefin einer Fünf-Sterne-Tierklinik werden zu wollen – auch wenn es eher realistisch war, dass sie Wäscherin bei einer reichen Familie werden. Zudem seien die Träume in Chile, Japan und Deutschland nahezu identisch gewesen.

Astrid Kaiser selbst wollte als Kind Ärztin werden – „damit meine Eltern es nicht so weit zur Praxis haben.“ Mit der Einschulung kam der Berufswunsch „Lehrerin“, in der siebten Klasse das Ziel „Missionarin werden und einen Afrikaner heiraten“. Faktisch studierte sie auf Lehramt und heiratete einen Chilenen. „Auf der Aspirationsebene kommt es seltener vor, dass Kinder ihr Ziel erreichen. Auf der Inhaltsebene können sie vielleicht das spätere Interesse treffen“, sagt Astrid Kaiser und nennt ein Beispiel: „Das Mädchen, das Tierpflegerin werden will, arbeitet später vielleicht in einer Tierschutzorganisation.“

So ähnlich war es bei Nicole Schäfer, heute 33. Als Mädchen liebte sie Giraffen, und als sie vier war, wollte sie wissen, wo die leben. „In Afrika“, sagte die Mutter. Seitdem wollte Nicole nach Afrika. Und kam als Barchefin zu „Afrika, Afrika!“, der Circus-Show. Sie verliebte sich in einen Mann aus Südafrika und bekam zwei Kinder: Eve (3) und Noa (2). Mittlerweile leben die Eltern getrennt und Nicole arbeitet im Café im Museum für Kommunikation. „Doch ohne den Traum von Afrika hätte ich ja meinen beiden zuckersüßen afrikanischen Babys nicht“, sagt Nicole Schäfer. Noa brüllt zwar gerade all seinen Zorn auf eine ungerechte Welt hinaus, die sich weiterdrehen will, während er schlafen soll. Nicole Schäfer aber lacht.

Bei Jürgen Matherner, Jahrgang 1942, hat sich der Traum auch zumindest teilweise erfüllt. Er wollte zur See – wegen des „Seeteufel“, dieses Buches von Felix Graf Luckner (1881-1966), der mit 16 Jahren von zu Hause ausriss und auf einem russischen Schiff anheuerte. „Ich sah mich allerdings eher auf einem Südsee-Schiff sitzen und Ziehharmonika spielen, Rote Sonne von Capri“, sagt Jürgen Matherner und schmunzelt. Auch, weil er mit zehn Jahren noch nicht wusste, dass die Zeit der großen Segelschiffe vorbei war.

Mit 18 Jahren hatte Jürgen Matherner dann ein Paddelboot an der Brookwetterung liegen, oder Brookwettern, wie sie in Hamburg sagen. „Die Brookwettern, das war für mich damals der zweitwichtigste Fluss nach dem Mississippi, und das war meine ganze Seefahrt.“ Doch weil Jürgen Matherner auch etwas Ordentliches gelernt hatte, nämlich Zentralheizungsbauer mit 15, konnte er für eineinhalb Jahre als Ingenieurassistent auf der MS Kanada anheuern. Die kreuzte zwar nicht durchs Meer, aber durch die Seen und Flüsse Nordamerikas. Gleich bei der ersten Fahrt wurde der vermeintliche Seebär allerdings fürchterlich seekrank. Heitere Erinnerungen hat Jürgen Matherner trotzdem. „Wir haben vor allem Bier angeliefert, Löwenbräu auf Paletten. Da war immer ein gewisser Schwund…“, grinst er.


"Es war gut, wie es war"

Heute ist Jürgen Matherner Rentner; seine Firma für Feuerungstechnik führt er aus Spaß weiter. Die Lust an der Seefahrt, die gab sich von allein. Eine Kreuzfahrt habe er mal gemacht, erzählt er. Kiel-Oslo. Langweilig: „Da kann ich auch ins Einkaufszentrum gehen.“ Das war alles schon gut, so wie es war, sagt er.

Auch bei Niclas hält sich die Trauer in Grenzen – obwohl er sich von seinem Traumberuf Pilot verabschieden musste. Zwei Tage dauerte das Auswahlverfahren bei der Lufthansa, eine Woche, bis der Brief ankam. Niclas hat es nicht geschafft. Er erreichte zwar überdurchschnittliche Werte in räumlichem Vorstellungsvermögen und Merkfähigkeit, scheiterte aber an Physik. 98 Prozent der Bewerber fallen durch – trotzdem: „Da hast du die ganze Zeit gewartet und geträumt: Was, wenn doch…“ Auch bei Air Berlin klappte es nicht. Niclas studiert jetzt im dritten Semester Wirtschaftskommunikation und sagt: „Ick bin nicht traurig. Ick hab’ ja jetzt auch wat Schönes.“

Und vielleicht, sagt Niclas, mache er später einmal den Pilotenschein. Dann kann er zumindest privat fliegen. Denn warum sollte man seine Wünsche ganz aufgeben? Das sieht auch Catharina Geßner so. Die 42-Jährige hatte als Kind immer sehnsuchtsvoll die Kreuzfahrtprospekte durchgeblättert, die die Oma aus Schwäbisch-Hall nach Dresden geschickt hatte. Schöne Schiffe, schöne Buffets. Sie wollte Schiffskoch werden. Köchin hat Catharina Geßner gelernt. Inzwischen ist sie Finanzbuchhalterin – und Mutter von Leona (5). Und sie träumt weiter: von einer Pension am Meer, später einmal. Wo sie kochen kann – und die See hat.