Statistik

Trendgeburt Kaiserschnitt

Jedes dritte Baby kommt per OP zur Welt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Anja M. hatte Angst. Dabei war sie so mutig gewesen. Den Jungen in ihrem Bauch, den wollte sie unbedingt auf normalem Weg zur Welt bringen, nachdem ihre Tochter per Kaiserschnitt geboren war. Diesmal sollte es anders sein. Bis zu dem Termin, an dem ihr die Frauenärztin, während sie das Ultraschallgerät über Anjas mit Gel beschmierten Bauch strich und auf den Bildschirm blickte, ausrief: "Na, das wird aber ein strammer Bursche!" Einen kräftigen Sohn würde Anja bekommen.Er sei jetzt schon so groß! Anja freute sich nicht. Anja stellte sich nur vor, wie sie in den Wehen lag, den Schweiß auf der Stirn, um ihr Leben schreiend - und unfähig, diesen strammen Burschen zur Welt zu bringen. Sie rang mit sich. Dann entschied sie sich, mit der Ärztin zu sprechen und ihr zu sagen, dass sie doch per Kaiserschnitt entbinden wollte. Und weil sie schon einmal ein Baby per Kaiserschnitt geboren hatte und das Kind nach Einschätzung der Ärztin tatsächlich ein ziemlicher Brocken werden würde und mit einer schweren Geburt zu rechnen war, machte sie Anja den Kaiserschnitt möglich.

Anja M. ist eine von immer zahlreicheren Frauen, die sich für eine Entbindung per Kaiserschnitt entscheiden. Wie das Statistische Bundesamt aktuell ermittelte, kommen in 31,9 Prozent der Entbindungen in deutschen Krankenhäusern die Kinder auf diesem Weg in die Welt. Das ist jedes dritte Kind - und damit werden etwa doppelt so viele Kinder per Kaiserschnitt geboren wie 1991, als bundesweit 15,3 Prozent so auf die Welt kamen. Die meisten Kaiserschnitte - 36,6 Prozent - werden im Saarland vorgenommen. Die wenigsten - 22, 9 Prozent - in Sachsen. Berlin liegt mit 27,3 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Wunsch-Operation ist die Ausnahme

Dass die Operation bei den Reichen und Schönen wie Victoria Beckham oder Claudia Schiffer schon fast zur Normalität geworden ist, mag die Kaiserschnittrate beeinflussen. Dass eine natürliche Geburt auch ein Risiko ist und mit ernsthaften Gefahren für Mutter und Kind einher gehen kann, ist sicher entscheidender. Tatsächlich gehört den häufigsten Indikationen für eine geplante Sectio, dass die Frau schon einmal einen Kaiserschnitt hatte und damit auch eine Narbe in der Gebärmutter, die bei der normalen Geburt reißen könnte. Aber auch schlechte Herztöne während der Geburt sind ein häufiger Grund für einen Kaiserschnitt.

Ein "Kaiserschnitt auf Wunsch" gehört offiziell zu den Ausnahmen. Tatsächlich aber, so sagen Experten, würden Ärzte zu schnell eine Indikation für einen Kaiserschnitt finden. Dazu gehört auch ein hohes Geburtsgewicht. Da das durchschnittliche Gewicht von Neugeborenen in Europa in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist, stehen immer mehr werdende Eltern vor der Frage: Kaiserschnitt oder nicht?

Dass sie diese Wahl haben, sieht Professor Ulrich Gembruch, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, als großen Vorteil: "Viele Kinder überleben dadurch, die sonst tot wären." Die Operation selbst sei heute weit weniger gefährlich als vor 20 Jahren. Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen gebe es fast nur bei ungeplanten Kaiserschnitten.

Swantje Senoner, freiberufliche Hebamme aus Berlin, beobachtet die Entwicklung dennoch skeptisch. "Das Zutrauen in natürliche Geburtsvorgänge geht verloren", sagt sie. Und sie betont, dass ein Kaiserschnitt keineswegs der einfachere Weg sei. "Nach einer natürlichen Geburt braucht die Frau zwei bis drei Wochen, bis sie sich erholt, nach einem Kaiserschnitt kann es bis zu acht Wochen dauern", sagt sie. "Psychologisch ist das nicht unbedingt von Vorteil, in der Wochenbettphase, in der viele Frauen ohnehin zu Stimmungsschwankungen neigen, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein."

Als Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Geburtshilfe des Berliner St. Joseph-Krankenhauses am Beginn seiner Arbeit als Gynäkologe stand, waren es gerade mal acht bis neun Prozent aller Geburten, bei denen die Frau per Kaiserschnitt entbunden wurde. Heute liegt die Kaiserschnittrate im St. Josef Krankenhaus bei 27 Prozent. Das ist immer noch unter dem Berliner- und dem deutschlandweiten Schnitt, für Michael Abou-Dakn aber immer noch zu viel. "Die Risiken einer Kaiserschnittgeburt haben zwar deutlich abgenommen", sagt er, "aber sie sind nicht verschwunden." Wundheilungsstörungen gehören ebenso dazu wie psychische Probleme.

Am problematischsten aber ist nach Abou-Dakns Ansicht die erschwerte Beziehung zwischen Mutter und Kind. Die Kaiserschnittwunde hemmt die Bewegungsfreiheit. Und eine junge Mutter, die ans Bett gebunden ist, die sich wegen der Schmerzen nur mit Mühe aufrichten kann, die hat es einfach schwerer, ihr Kind in den Arm zu halten, es zu wiegen und zu stillen.

Es gehört zum Konzept des St.-Joseph-Krankenhauses, den Kontakt zwischen der Mutter und dem per Kaiserschnitt zu Welt gekommenen Neugeborenen besonders zu fördern. Das Kind wird der Frau gleich nach der Operation auf die Haut gelegt. Auf der Station kümmern sich Stillberaterinnen um die Mütter. Und um die Babys. Um Luzia beispielsweise, im St. Joseph geboren am 17. März - per Kaiserschnitt. Eigentlich hatte alles nach einer natürlichen Geburt ausgesehen, aber als Luzias Mutter Sarah schon in den Wehen lag, wurde dann doch ein Notkaiserschnitt notwendig. Jetzt ist Sarah froh, dass alles gut geklappt hat. Nur "so gut zu Fuß" sei sie noch nicht wieder, erzählt die junge Mutter, "aber ich arbeite daran". Schließlich wollen Luzia und sie am Donnerstag nach Hause.

Risiko auch für das Baby

Und nicht nur für die Mutter ist ein Kaiserschnitt eine Belastung. Auch für das Neugeborene kann er ein Risiko sein. "Ein Kaiserschnitt auf Wunsch findet häufig ein bis zwei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin statt", sagt Abou-Dakn. "Nicht selten kommt es dann zu Komplikationen, beispielsweise zu Atemnot, was dazu führt, dass die Neugeborenen auf die Intensivstation müssen." Das sind die Extreme. Aber aus medizinischer Sicht ist allein die Tatsache bedenklich, dass bei Kindern, die per Kaiserschnitt entbunden werden, nicht die Stresshormone freigesetzt werden, die während des normalen Geburtsvorgangs bei dem Neugeborenen entstehen und so wichtig für die Anpassung an die Umwelt sind.

Kein Wunder, dass Michael Abou-Dakn die Entwicklung bedauert. "Das größte Problem", sagt er, "ist die schlecht bezahlte Geburtshilfe." Die Betreuung während der Geburt sei so wichtig. Die menschliche Begleitung durch eine Hebamme, die der Frau Mut zuspricht, wenn die Wehen immer stärker werden und sie glaubt, sie kann nicht mehr. Dass die Krankenhäuser mit immer weniger Hebammen auskommen müssen, ist für ihn ein wesentlicher Grund dafür, dass Gebärende dann doch einen Kaiserschnitt bekommen.

So wie Anja. Sie war glücklich, als sie ihren Sohn im Arm hielt. Ein bisschen traurig war sie auch. Er war gerade mal dreieinhalb Kilo schwer und nicht besonders groß. Die Frauenärztin hatte sich verkalkuliert. Vielleicht hätte Anja die Geburt auch anders geschafft. Sie hätte es gerne versucht.