Alzheimer

Wenn alles vergessen ist - außer der Liebe

Waltraud Habermeier lacht. Sie lacht eigentlich ständig. Auch jetzt, als ihr Mann sie aus dem Stadtteilzentrum Reinickendorf abholt. Ihre Jacke hat die 62-Jährige schon an, die modische weiße Handtasche baumelt locker über ihrer Schulter. Lachend folgt sie ihrem Mann zum Auto. Lachend lauscht sie seiner Erzählung von dem Grünling, der damals, im Frühling vor vielen Jahren, auf dem Balkon der gemeinsamen Wohnung genistet hat.

Lachend steht sie nun auf dem Parkplatz am Senftenberger Ring, direkt vor dem Haus, in dem das Paar seit Jahren wohnt. Felix Habermeier nimmt sanft den Arm seiner Frau und schiebt sie Richtung Eingang. Waltraud Habermeier strahlt den 68-Jährigen an. Und lacht.

Es ist dieses herzhafte, raumgreifende Lachen, das Felix Habermeier so sehr an seiner Frau liebt. Seit 45 Jahren sind Waltraud und Felix Habermeier ein Paar. "Sie hatte dieses nette Lachen", fällt Felix Habermeier als erstes ein, wenn er an das Kennenlernen denkt, damals, im Schwimmbad am Poststadion. Doch gleichzeitig war genau dieses Lachen in den vergangenen Jahren für ihn bisweilen verhängnisvoll. Weil es die Art seiner Frau ist, ihren Zustand zu überspielen.

Waltraud Habermeier hat Alzheimer. Seit sieben Jahren. Genauso lange unterstützt und pflegt ihr Mann sie - mehr als in all den Ehejahren zuvor. Doch Verständnis, Anerkennung und Hilfe findet Felix Habermeier nur selten. "Walli lacht ja immer", sagt er. "Sie lacht an den richtigen Stellen. Und dann sagen die Leute: Mensch, Felix, du übertreibst ja wohl."

Völlig orientierungslos

Der Aufzug ist im 13. Stock angekommen. Knirschend fahren die Türen auseinander, Waltraud und Felix Habermeier steigen aus. Der Mann geht vor, die Frau heftet sich an seine Fersen. Der Mann schließt die Wohnungstür auf, die Frau tritt hinter ihm hindurch. Der Mann legt seine Jacke ab, die Frau ebenfalls. Es ist nicht anders als bei vielen Paaren. Doch tatsächlich wäre alles anders, wenn Felix nicht wäre. Waltraud folgt Felix, sie ahmt ihn nach. Ohne Felix hätte Waltraud absolut keine Orientierung. Schon jetzt weiß sie nicht mehr, was sie in der Alzheimer-Gruppe im Stadtteilzentrum erlebt hat. Sie weiß noch nicht einmal mehr, dass sie dort gewesen ist. Waltraud Habermeier hat Pflegestufe 3, die höchste Pflegestufe. Das bedeutet, dass sie mindestens fünf Stunden - auch nachts - Pflege braucht, "davon vier Stunden für Körperpflege, Ernährung und Mobilität". So die Definition.

Manchmal ahnt Waltraud Habermeier immerhin noch, was angebracht ist. Die gepflegte, attraktive, weißblonde Frau unterbricht die fröhliche Melodie, die sie vor sich hinsummt. Und zeigt einladend auf die Kaffeetafel, die Felix liebevoll gedeckt hat. Mit Gebäck, einem bunten Tulpenstrauß, zwei Kerzen.

Felix Habermeier ist ein in sich ruhender und gleichzeitig geselliger Mensch. Bis zur Rente arbeitete er als Bäcker und Konditor. Er ist es gewohnt, sich in den Haushalt und das Familienleben einzubringen. Drei Kinder hat er mit Waltraud: einen Sohn und zwei Töchter, heute 44, 42 und 36 Jahre alt. "Ich habe immer von ein Uhr nachts bis 11 Uhr morgens gearbeitet", erzählt er. "Wenn ich nach Hause kam, habe ich gekocht. Dann die Kinder abgeholt. Und bin mit ihnen unterwegs gewesen: auf dem Spielplatz, im Wald, am See." Einen ganzen Tross an Kindern habe er immer dabei gehabt, sagt er und lächelt. "Und weil meine Frau auch Vollzeit gearbeitet hat, haben wir gutes Geld verdient und konnten auch viel verreisen."

24 Stunden lang Bereitschaft

Viel Schlaf habe er nie gebraucht, vielleicht vier, fünf Stunden. Das kommt ihm heute noch zugute, genauso wie seine Routine im Haushalt. "Nachts schwitzt Walli viel, dann muss ich die Wäsche wechseln. Und sie hat Albträume, schreit nach ihrer Mutti. Dann muss ich sie beruhigen." Gemeinsam besuchten sie zwar jede Woche die Mutter. Doch in der Nacht kämen die Albträume wieder. "Ich sag' dann zu ihr: 'Schätzchen, wir waren doch bei deiner Mutti...'", sagt Felix Habermeier. Seine Unterlippe beginnt zu zittern, seine Stimme bricht. Er senkt den Blick.

Insgesamt 2,34 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, 1,3 Millionen von einer Demenz betroffen. Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt - die Mehrheit allein durch Angehörige. Sie wissen, wie der Alltag aussieht, den Felix Habermeier zu bewältigen hat. Er bedeutet Bereitschaft und harte Arbeit - rund um die Uhr. Felix Habermeier wäscht seine Frau von Kopf bis Fuß. Er schminkt sie. Er sucht ihr die Kleidung heraus und hilft ihr beim Anziehen. Er legt ihr den Schmuck an. Er sorgt für Unterhaltung. "Wir schauen Fotos an, gehen zusammen bummeln oder auch mal ins Kino", sagt Felix Habermeier. "Actionfilme - die mag Walli." Und in der Zeit zuhause in der Wohnung, da lasse er sie "etwas rumwirtschaften". Denn beim Saubermachen helfen, das könne Waltraud, die jahrzehntelang als Haushälterin gearbeitet hat, schon lange nicht mehr. "Sie weiß ja gar nicht, was ein Staubsauger ist. Und wenn ich sage: Bring mir doch bitte mal die Kleiderbürste, dann bringt sie mir die Klobürste."

Felix Habermeier weiß nicht, ob es besser geworden ist in den vergangenen Jahren. Oder schlechter. Zwar kann Waltraud heute nicht mehr für sich selbst sprechen. Aber Felix weiß wenigstens, woran er ist. Als es anfing, im Jahr 2002, hatte seine Frau aggressive und depressive Phasen. Sie wollte vom Balkon springen, Felix Habermeier rief die Polizei. Dann fing sie an, Sachen in der Wohnung umzuräumen oder zu verstecken. Und sie begann zu sammeln: Stifte, Zeitungen, Steine, Schokolade. Wenn Felix Habermeier ärgerlich wurde, beschimpfte seine Frau ihn. Oder sie wurde trotzig, ging ins Schlafzimmer und zog sich die Decke über den Kopf. So ist es noch heute. "Als ich noch nicht wusste, woran es liegt, bin ich manchmal fast verrückt geworden", sagt Felix Habermeier. "Vor allem dieses ständige Umräumen: Das macht einen kaputt." Zuerst hieß es, die beiden hätten ein Paarproblem. Man verordnete ihnen Einzeltherapien. Dann bekam Waltraud Habermeier die Diagnose "manisch-depressiv". Erst 2005 stellten die Ärzte Alzheimer fest. Waltraud Habermeier war 55 Jahre alt, Felix Habermeier 60.

Es ist typisch, dass die Diagnose Alzheimer häufig sehr spät gestellt wird, sagt Rosemarie Drenhaus-Wagner, erste Vorsitzende der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. in Berlin. Der Krankheitsverlauf sei sehr unterschiedlich und individuell auch nicht vorhersagbar. Von der Diagnose bis zum Tod des Erkrankten vergingen durchschnittlich sieben Jahre. Bei guter und einfühlsamer Pflege, wie Felix Habermeier sie leiste, dauere der Krankheitsverlauf durchaus 15 Jahre und länger. Und die Angehörigen, sagt Rosemarie Drenhaus-Wagner - die wüchsen in der Pflege oft über sich selbst hinaus. Und stünden immer in der Gefahr auszubrennen.

Der Rentner nennt es ein Glück, dass er nicht mehr arbeiten muss. Anders könnte er die Betreuung nicht bewältigen. Von der Familienpflegezeit, die Anfang des Jahres eingeführt wurde, hat Felix Habermeier gehört. Doch für ihn wäre sie nichts gewesen. "Das wäre in meinem Betrieb nicht gegangen. Da wäre ich gleich weg gewesen", sagt er. Und so eine zeitlich begrenzte Auszeit nütze in der Pflege auch nicht viel. "Ihr gesundheitlicher Zustand wird ja nicht besser, sondern schlimmer."

Mit den Jahren hat Felix Habermeier gelernt, auch für sich selbst zu sorgen - "man wächst hinein", sagt er. Seine Frau schläft lange, bis elf Uhr morgens. Dann liest er entspannt die Zeitung. Wagt es, aus der Wohnung zu schleichen und Fahrrad zu fahren. Oder schwimmen zu gehen und anschließend ins Solarium. Seine Hanteln liegen auch immer parat. Felix Habermeier ist ein Mann, der auf eine gute, modische Erscheinung Wert legt. "Meine Töchter wollten mich unterstützen und meine Frau mal nehmen, auch über Nacht", sagt er. "Aber sie jammerte und wollte nur zu mir. Sie ist total auf mich geeicht." Tagespflegestellen hat er sich ebenfalls angesehen. "Aber dort waren die Patienten nur auf ihren Zimmern, wie ruhig gestellt. Da wäre ich nicht froh geworden", sagt er. "Und ich hätte meine Frau auch nur schlimmer wiederbekommen - noch mehr durcheinander."

Überlebenswichtiger Austausch

Was Felix Habermeier hilft, sind die Gruppen der Alzheimer-Initiative. Zweimal pro Woche geht seine Frau für vier Stunden in eine betreute Gruppe. Dort wird gespielt, getanzt, Musik gemacht. Er selbst trifft sich alle zwei Wochen mit anderen Betroffenen in einer Angehörigengruppe. "Das gibt mir viel. Die verstehen einen. Hören einen. Geben Tipps." Die meisten Freundschaften sind eingeschlafen, auch weil Felix Habermeier sich unverstanden fühlt. Dabei ist es das, was er am meisten vermisst: Kontakte. Ansprache. Austausch. Immerhin kommen die Kinder regelmäßig vorbei. "Sie loben mich, sagen, dass sie stolz auf mich sind", erzählt er. "Aber manchmal bin ich schon überlastet. Und denke mir: Da kann ich mir jetzt auch nichts für kaufen."

Eineinhalb Jahren ist es her, dass Waltraud ihren Felix erstmals nicht erkannte. "Wo kommst du denn her?", hat sie erstaunt gefragt. "Ich war doch zuerst hier!" Felix Habermeier schluckt. "Aber sie hat auch lichte Momente. Und sie liebt mich. Abends sitzt sie neben mir, streichelt mich. Und ich freue mich, weil ich merke, dass sie sich wohlfühlt." So wie jetzt, als er ihr die Haare frisiert. Genüsslich lässt seine Frau es geschehen. "Schon damals, als ich sich sie das erste Mal traf, im Schwimmbad am Poststadion, habe ich ihr ihre Haare gekämmt", sinniert Felix Habermeier. "Süße 17 war sie. Hatte eine super Figur. Und...dieses nette Lachen!"

Waltraud Habermeier wirft ihren Kopf nach hinten. Wie so oft. Und lacht ihr herzliches Lachen. "Auch wenn sie krank ist", sagt Felix Habermeier: "Ich liebe sie. Sie ist meine andere Hälfte."

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