Kita-Projekt

Auf gute Nachbarschaft

Komsu heißt Nachbar - und ist der Name einer Kreuzberger Kita, in der Multi-Kulti ganz selbstverständlich gelebt wird.

Foto: Marion Hunger

Nuseyba hat sich grüne Tücher in die Zöpfe flechten lassen. Stolz tanzt sie damit durch die hellen Räume des Kindergartens Komsu in Kreuzberg, zu "Der Cowboy Jim aus Texas". Sie klatscht in die Hände, dreht sich im Kreis. Sinem versucht ein Tuch am Ohr zu befestigen, aber das hält nicht. Macht nichts. Mit ihrer Freundin Elif beginnt sie einen Bauchtanz. Yuna und die Geschwister Janos und Romy wippen ebenfalls im Takt.

Nuseybas Eltern kommen aus der Türkei und Ghana, Janos und Romy stammen aus einer deutsch-ungarischen Familie, Sinem und Elif haben türkische Wurzeln, nur Yuna ist "ganz deutsch". Das ist kein Zufall: Wie die "Elefantengruppe" sind alle Gruppen in der Kindertagesstätte Komsu bewusst multikulturell zusammen gesetzt. Genauer gesagt sind 40 Prozent der 125 Kindergarten-Kinder deutsch, 40 Prozent türkisch und 20 bis 25 Prozent binational. Die Gruppen werden jeweils von einer deutschen und einer türkischen Erzieherin geleitet, erklärt Gerd Ammann. Er arbeitet seit 25 Jahren in dem Kindergarten und leitet ihn fast genauso lange.

Komsu, gesprochen Komschu, ist Türkisch und heißt Nachbar. Statt auf ein Nebeneinander der Kulturen setzt man in der Kita auf bewusstes Kennenlernen, Herausstreichen der Gemeinsamkeiten, aber auch auf Respekt und Verständnis für Unterschiede.

Das Konzept der Kita gilt als "Best Practice Beispiel" für multikulturelle Erziehung. Gerade erschien im Cornelsen-Verlag das Buch "Religiöse Vielfalt in der Kita", das Komsu als einzigem Berliner Kindergarten ein Kapitel widmet. Gelobt wird zum Beispiel das zweisprachige Spielzeug oder die türkische Teeecke im Musikraum - Bestandteile der interkulturellen Erziehung.

"Jeder darf seine eigene Sprache sprechen", sagt Erzieherin Nevin Dolaman. Der Tischspruch in ihrer Vorschulgruppe wird vor dem Essen in jeder Sprache aufgesagt, die in der Gruppe vertreten ist. Das ist Ukrainisch, Türkisch, Arabisch, Spanisch, Englisch und Deutsch.

Die Muttersprache fördern

"Es gibt hier in der Gegend viele Familien, in denen relativ wenig Deutsch gesprochen wird", sagt Gerd Ammann. Ziel von Komsu ist es, die Muttersprache dieser Kinder zu fördern. So sprechen die türkischen Erzieherinnen mit den türkischen Kindern Türkisch und die deutschen Deutsch. Ein Gefühl von Ausgrenzung entstehe dadurch nicht, meint Nevin Dolaman. "Sobald ein deutsches Kind dazu kommt, wechseln sie ins Deutsche", sagt die Erzieherin. Je älter die Kinder werden, desto mehr dominiere in den Gruppen die deutsche Sprache. Eine klassische zweisprachige Erziehung bietet Komsu aber bewusst nicht an. "Das ließe sich in der Schule nicht fortführen, denn es gibt nur eine deutsch-türkische Europaschule in Berlin", sagt Kita-Leiter Gerd Ammann. Viel eher sind die Kinder in der Schule damit konfrontiert, dass sie auf dem Schulhof andere Sprachen hören. "Darauf sind sie gut vorbereitet und finden es nicht befremdlich", sagt seine Kollegin Nevin Dolaman.

Außerdem feiern Kinder und Erzieher sowohl Weihnachten, Fasching oder Ostern zusammen als auch das Zuckerfest am Ende des Ramadans, das türkische Opferfest oder Newroz, das kurdische Neujahrsfest. Auf dem Speiseplan steht "alles außer Schweinefleisch" - von Börek bis Bratkartoffeln.

Erzieherin Nevin Dolaman hat sich bewusst für die Kita Komsu entschieden, in der sie bereits vor zehn Jahren ihr Anerkennungsjahr machte. Damals befand sich der Kinderladen noch in der Forsterstraße. Dort wurde Komsu 1981 in den Ladenwohnungen zweier besetzter Häuser gegründet. Schon damals hatte man das Ziel, deutsche und türkische Kinder und Familien einander näher zu bringen. Die Nachfrage war so groß, dass man noch zwei weitere Wohnungen dazumietete und auch Betreuung für Schulkinder anbot. Mit der Zeit wurde der Kinderladen professioneller. 2003 zog erst der Schülerladen, zwei Jahre später auch die Kinderladengruppen in das Gebäude am Paul-Lincke-Ufer 12/13, das vorher von einer staatlichen Kita und einem Jugendtreff genutzt worden war. Die Gruppenräume sind teilweise nur durch Stoffsegel voneinander getrennt. Alle Räume haben einen direkten Zugang zum Garten. Der öffentliche Naturspielplatz "Pauli" nebenan wird ebenfalls von Komsu gepflegt.

Berührungsängste verlieren

Auch wenn sich der Kiez auf der Kreuzberger und Neuköllner Seite des Landwehrkanals verändert, die Mieten steigen und man auf den Straßen viel Englisch und Spanisch hört, achtet man bei Komsu auf eine soziale Mischung. Diese Durchmischung ist selbst im bunten Kreuzberg nicht alltäglich. Während die alternativen Kinderläden fast nur deutsche Kinder besuchen, gibt es in den großen, ehemals staatlichen Einrichtungen Gruppen mit fast 80 Prozent Migranten-Kindern, sagt Gerd Ammann. Das Konzept der Kita wirke sich auch im Alltag aus. "Kinder und Eltern verlieren ihre Berührungsängste. Sie lernen, dass es Menschen gibt, die zwar an bestimmten Stellen anders sind. Vielleicht haben sie eine andere Religion oder auch eine andere Kultur, aber an bestimmten Stellen sind sie auch gleich. So kann Fremdenhass erst gar nicht entstehen, denn der basiert auf Angst", sagt Gerd Ammann. Dann fügt er hinzu: "Das heißt nicht, dass man völlig unkritisch gegenüber den anderen ist. Im Gegenteil: Man kann trotzdem den einen sympathisch, den anderen unsympathisch finden, aber eben nicht, weil er Türke ist."

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