Interview

"Nörgelnde Frauen sind die Pest"

In ihrer Streitschule lehrt Mediatorin Simone Pöhlmann, wie man sich richtig zofft - und trotzdem zusammenbleibt.

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Streiten kann man lernen. Schon seit 1996 bietet Simone Pöhlmann Wochenendseminare an - auch in Berlin. Antje Hildebrandt sprach mit der Münchener Anwältin und Mediatorin über zerstrittene Paare, cholerische Chefs und die Frage, ob Männer wirklich anders ticken.

Morgenpost Online: Frau Pöhlmann, als Mediatorin und Anwältin versuchen Sie, zerstrittene Parteien miteinander zu versöhnen. Wie sind Sie auf die Idee zur einer Streitschule gekommen?

Simone Pöhlmann: Da muss ich Sie korrigieren. Als Mediatorin ist es mein Job, Konflikte zu klären und Lösungen zu finden. Versöhnen kann passieren, aber es steht nicht im Vordergrund.

Morgenpost Online: Sprechen Sie von Paarkonflikten?

Simone Pöhlmann: Die habe ich jahrelang geklärt. Aber das wurde mir zuviel - zu erleben, wie Familien zu schnell auseinanderfallen. Da gehen ganze Lebensentwürfe den Bach hinunter.

Morgenpost Online: Und Sie können gar nichts mehr retten?

Simone Pöhlmann: Nein, ich saß am Ende der Kette, wo es darum ging, Besitz auseinanderdividieren. Das war auf Dauer unbefriedigend. Heute arbeite ich nur noch als Mediatorin in der Wirtschaft. Ich will nicht sagen, dass diese Konflikte weniger emotional sind. Die Parteien haben aber ein größeres Interesse, zusammenzubleiben - weil sie es ja teilweise auch müssen.

Morgenpost Online: Und deshalb haben Sie die Streitschule gegründet, um dem Ernstfall vorzubeugen?

Simone Pöhlmann: Ja, genau darum. Ich erinnere mich noch daran, wie ich so einem Paar hinterhergeschaut habe, als es wortlos mein Büro verließ. Ich habe mich gefragt: Mussten die wirklich auseinandergehen? Fehlte denen nicht einfach nur das Handwerkszeug?

Morgenpost Online: Erwirbt man dieses Handwerkszeug beim Erwachsenwerden nicht automatisch?

Simone Pöhlmann: Nein, die meisten lernen das nicht. Das ist mir bewusst geworden, als ich angehenden Lehrern die Grundlagen der Konfliktbewältigung vermittelt haben. Was die Schülern teilweise um die Ohren hauen - das ist völlig daneben. Viele merken gar nicht, was sie Kindern damit antun. Soziale Ausgrenzung und Demütigung sind das Schlimmste, was Kindern passieren kann.

Morgenpost Online: Wie wirkt sich das auf die Konfliktfähigkeit der Kinder aus?

Simone Pöhlmann: Manche ziehen sich zurück. Das sind die, die hinterher alles unter den Teppich kehren. Und die anderen werden aggressiv. Es sind Verhaltensmuster, die sich auf unserer Festplatte einbrennen.

Morgenpost Online: Ab wann braucht man professionelle Hilfe?

Simone Pöhlmann: Unsere Klienten sind entweder zu schüchtern, sich zu wehren. Oder sie sind schon krank geworden, weil sie jahrelang geschluckt und geschluckt haben. Irgendwann geht das Immunsystem kaputt.

Morgenpost Online: Wann ist der Zug abgefahren?

Simone Pöhlmann: Schwer zu sagen. Es muss die Bereitschaft da sein, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu verändern. Sie glauben gar nicht, wie oft wir bei Rollenspielen erleben, dass sich die Akteure gar nicht vorstellen können, was sie mit ihrem Verhalten auslösen.

Morgenpost Online: Und wie halten Sie ihm den Spiegel vor?

Simone Pöhlmann: Wir fragen den Empfänger, was diese Äußerung in ihm ausgelöst hat. Und wir erleben, dass der Absender vollkommen fassungslos ist. So etwas bekommt man an einem Wochenende am besten in Rollenspielen heraus. Das ist ganz schön intensiv. Aber wir sorgen dafür, dass es auch fröhlich ist.

Morgenpost Online: Worauf lässt denn diese Fassungslosigkeit schließen? Auf einen Mangel an Empathie? Oder Züge von Autismus?

Simone Pöhlmann: Die Übergänge sind fließend. Uns erschreckt immer, wie unfähig viele Leute sind, sich in andere hineinzuversetzen. Oft drehen wir den Spieß um und sagen dem Betreffenden noch gemeinere Sachen, um ihn in seinem Gefühl zu erwischen.

Morgenpost Online: Streiten Frauen anders als Männer?

Simone Pöhlmann: Nein, aber Frauen nörgeln mehr. Männer haben dazu gar keine Lust. Die hauen lieber gründlich drauf oder sie entziehen sich und gehen...

Morgenpost Online: ... Zigaretten holen...

Simone Pöhlmann: ... oder zur Freundin. Nörgelnde Frauen sind einfach die Pest, weil sie sich überhaupt keinen Gefallen tun. Eine klare Botschaft hilft mehr als dem Mann zu sagen, Skifahren muss nicht sein, Du wolltest Dich doch der Steuererklärung widmen.

Morgenpost Online: Wie klar darf diese Botschaft sein?

Simone Pöhlmann: Ich würde sagen: Lass uns zusammensetzen. Da gibt es ein paar Punkte, die mir missfallen. Vielleicht hast Du auch was.

Morgenpost Online: Sie beschreiben die Streitkultur als Arsenal von Keulen. Welche Keulen sind gefährlich?

Simone Pöhlmann: Die Unterstellungskeule. Sätze wie: "Das tust du ja nur, weil ..." Vorwürfe finde ich auch ganz schlimm. Fragen wie: "Warum kommst du immer so spät?" Da steht in Klammern dahinter: Was fällt dir eigentlich ein? Das ist ganz nahe an der Analysekeule: "Dein Problem ist, dass ..." Ich sage Ihnen: Wehe, das macht einer mit mir.

Morgenpost Online: Typisch Mann?

Simone Pöhlmann: Nein, Frauen benutzen diese Keule genauso oft. Ich kann da keine Unterschiede feststellen. Unsere Botschaft ist: Wer die Keule schwingt, stößt auf Ablehnung.

Morgenpost Online: Klingt gut. In der Theorie. Aber praktisch passiert es eben doch.

Simone Pöhlmann: Ich weiß, ich bin auch keine Heilige. Aber ich merke es in dem Moment wenigstens selbst (lacht) und kann mich sehr leicht entschuldigen.

Morgenpost Online: In Ihrem Buch nennen Sie zehn Grundregeln für den Streit. Glauben Sie wirklich, dass man die im Ernstfall noch auf dem Schirm hat?

Simone Pöhlmann: Wenn alle Stricke reißen, empfehle ich den Teilnehmern ein Codewort. Das bedeutet: Sofortiger Abbruch der Diskussion - ohne böse zu sein. Man verabredet dann einfach nur noch einen neuen Termin und kann sich bis dahin neu sortieren.

Morgenpost Online: Cholerisch veranlagte Chefs wird das noch mehr provozieren.

Simone Pöhlmann: Das macht natürlich nur Sinn, wenn sie sich vorher damit einverstanden erklärt haben. Die Bereitschaft dazu ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Es gibt einen Satz, den man im Notfall auch seinem Chef sagen kann: "Okay, es ist jetzt sehr viel, was Sie mir gesagt haben. Ich muss darüber nachdenken. Lassen Sie uns morgen noch mal darüber reden." "Das ist ein Satz, der auch zwischen mir und meinem Mann klappt.

Morgenpost Online: Wann ist der Punkt erreicht, ab dem eine Versöhnung unmöglich ist?

Simone Pöhlmann: Wenn das Beziehungskonto so in die Miese rutscht, dass man mit dem anderen nichts mehr zu tun haben möchte. Das hat nichts mit Geld zu tun, aber mit Wertschätzung.