Patenschaften

Berliner Wahlverwandtschaften

Dem Schachbrett ist egal, dass zwischen den beiden Spielern fast 27 Jahre Altersunterschied bestehen, die beiden nicht verwandt sind und trotzdem zusammengehören. Fast immer, wenn Dario zu Ralph in die Wohnung kommt, greift er irgendwann zum Regal und stellt die 32 Spielfiguren in Schwarz und Weiß auf.

Der Achtjährige ist hier auch irgendwie zu Hause. Heute nimmt der Junge Weiß und sein "Pate" Ralph Schwarz. Der Anfang ist immer gleich, doch schon nach zwei Zügen gibt es 72.084 Möglichkeiten, wie die Partie aussehen kann. Das Ende ist mehr als offen. Die Schachuhr läuft. Dario setzt seinen Bauern auf 4b, Ralph einen Bauern auf 5e. Schon nach dem dritten Zug sagt Dario: "Hey, das würde ich an deiner Stelle nicht machen!" Ralph lacht.

Ralph Schernberger spielt seit rund einem Jahr regelmäßig Schach mit Dario. Es ist ihr Ritual, wenn der Junge zu seinem Paten kommt. Kennen gelernt haben sich die beiden vor rund einem Jahr über die Organisation "Biffy", die bereits rund 160 Paten in Berlin an Kinder von meist alleinerziehenden Eltern vermittelt hat - oder umgekehrt. Dahinter steckt die Idee, dass der Erwachsene etwas weitergeben kann und das Kind einen Vertrauten hinzu bekommt. Und ganz nebenbei erweitern beide ihren Horizont. Bei Ralph und Dario beschränkt sich das nicht nur auf neue Schachzüge.

Ralph und Dario gehen zusammen ins Kino, in den Zoo, Schwimmen oder ins Museum. Das Fahrradfahren hat ihm auch Ralph beigebracht. "Da hatte ich am Anfang ganz schön Angst", sagt Ralph, "weil Dario da schon ganz schön schnell unterwegs war." Inzwischen fährt er sehr sicher. Für längere Fahrten bekam Ralph von Darios Mutter einen Kindersitz für das Auto gestellt. "Dario ist ein offener, kluger und lebhafter Junge", sagt er, "es macht Spaß, Sachen mit ihm zu erleben." Grundlage sei, dass er sich mit der Mutter von Dario gut verstehe. "Wir haben uns von Anfang an über Grenzen verständigt und telefonieren nicht nur über die Pläne für das Wochenende." Themen seien auch, wie es in der Schule oder beim Judotraining laufe.

Etwas seltsam ist es schon für Dario, seinen Freunden zu erklären, was ein Pate sei. "Sie fragen immer das gleiche", sagt er: "Ist das dein Papa, dein Onkel oder dein Bruder?" Aber mit der Zeit hat er den Begriff des "Paten" in seinem Bekanntenkreis eingeführt. Er bedeutet, dass jemand, der nicht mit dem Kind verwandt ist, sich um dessen Wohl kümmert. Vielleicht sogar ein Leben lang. "Wir sind jetzt in unserem elften Jahr", sagt Biffy-Sprecher Bernd Schüler. "Einige der Paten sind auch schon so lange mit den Schützlingen befreundet." Besonders alleinstehende Mütter suchen über Biffy öfter einen männlichen Paten für ihre Söhne, weil die Jungs schlicht jemanden zum Raufen und Fußballspielen wollen.

Genau für diese Dinge ist Ralph Schernberger zuständig. So kann es passieren, dass mitten im Schachspielenplötzlich eine Runde Raufen angesagt ist. Kabbeln, kitzeln, Kräfte messen. Aber irgendwann sagt Ralph, dass die Schachuhr weiterläuft und sie weiterspielen sollen. Er stellt seinen schwarzen Läufer auf 6b. Dario sagt: "Das hätte ich nicht gemacht an deiner Stelle" und schlägt ihn mit seiner weißen Dame. "Schach." Aber Dario hat nicht gesehen, dass Ralphs Dame dahinter steht. Sein Gesicht, als er seine Dame verliert, verändert sich nur kurz, denn er hat einen Plan: Wenn er den Bauern auf das Feld 8a bekommt, bekommt er die Dame zurück...

An diesem Nachmittag wird Dario auch noch Scrabble spielen und den Kaffeetisch decken mit drei verschiedenen Sorten Kuchen. Er wird beide Schokokuchenstücke essen und vielleicht noch eine Runde Schach spielen. Um 18 Uhr muss er zu Hause sein. Darauf achtet Ralph Schernberger, denn das Vertrauensverhältnis zur Mutter ist das Wichtigste in diesem Beziehungsgeflecht. Wie unsicher das Verhältnis sein kann, musste Dario am eigenen Leib erfahren. Seine Patin, die ihm zuerst zugewiesen war, kam nur zweimal und hat sich danach nicht mehr gemeldet. Die ersten Wochen fragte der Junge Ralph Schernberger immer zweifelnd: "Kommst du nächste Woche wieder?". Er kam, und so konnte das Verhältnis langsam enger werden. Bernd Schüler weiß, dass sich im ersten Monat herausstellt, ob es zwischen Pate und Kind funktioniert. Dafür gibt es keine Garantie, aber die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre machen Mut.

Berlin ist ein guter Ort für Paten

Für Ralph hat sich in dem Jahr viel verändert. "Ich erzählte auch an meinem Arbeitsplatz von Dario", sagt der Arzt, der als Orthopäde im Waldkrankenhaus Spandau arbeitet. "Wie meine Kollegen, die Kinder haben, werde ich deshalb am Sonnabend meistens nicht zum Dienst eingeteilt, damit meine Treffen mit Dario regelmäßig sein können." Über dieses Entgegenkommen ist er froh.

Selbstverständlich war für Ralph Schernberger zunächst gar nichts, schließlich hatten die Kollegen bei ihm nicht mit der Notwendigkeit einer Kinderbetreuung gerechnet. Er lebt seit 14 Jahren mit seinem Freund Peter zusammen. Die beiden hatten sich nach langem Überlegen gegen eine Adoption oder Pflegeelternschaft entschieden. Beide arbeiten viel, Ralph hat 24-Stunden-Dienste. Aber die Patenschaft beinhaltet mehr als nur ein Sonnabend-Treffen. Immer wieder holt Ralph Dario auch am Mittwoch vom Judotraining ab oder begleitet ihn am Sonntag zu einem Turnier. Als Dario und Peter sich zu Beginn der Patenschaft kennen lernten, war Dario schnell klar, dass da keine Frau die Fischstäbchen für das gemeinsame Essen vorbereitet. Für Dario kein Problem: "Es gibt auch Jungs, die Jungs küssen."

Am vergangenen Wochenende war wieder einmal Familienzusammenführung im Hause Schernberger: Darios Mutter und seine Geschwister besuchten Ralph und Peter. Sie haben es nicht weit, zu Fuß vielleicht zehn Minuten. Auch das wird bei der Organisation mitbedacht. Dario hat an diesem Nachmittag unter Anleitung von Ralph und Peter für alle gekocht, es gab Hühnerschnitzel mit Kartoffelbrei. Es wurde gespielt und gerauft und geredet. Dario hat ganz selbstverständlich nach dem Essen die Teller von allen zusammengeräumt und in die Küche getragen. Die Mutter hat dann erzählt, dass sie jetzt auch für die sechsjährige Tochter einen Paten sucht. Die guten Erfahrungen haben sie offenbar überzeugt.

Bernd Schüler von Biffy sagt, dass Berlin eine gute Stadt für Patenschaften sei. Berliner seien es gewohnt, experimentelle Lebensformen zuzulassen: "Es gibt dafür einen guten Nährboden hier, eine gewisse Aufgeschlossenheit." Zudem seien viele Familien Zugezogene, die sich über Anschluss in Berlin freuen - gute Voraussetzungen für Wahlverwandtschaften.

Zu Weihnachten hat Ralph Dario natürlich beschenkt, es gab Bücher und ein Videospiel. Von dem Jungen hat der Arzt einen handgeschriebenen Brief bekommen. Sein Name ist da in der ersten Zeile als "Lieber Ralpf" geschrieben, aber das, was darunter steht, lässt das sofort wieder vergessen: "Das beste im Jahr war, dass wir uns kennen gelernt haben." Darunter, neben zwei aufgeklebten Smileys und einem Fußball, steht noch einmal ein großes: "Danke. Dein Dario." Da ist es auch egal, wer zu wem am Ende eines Spiels "Schach Matt" sagt und jubelt. Wichtig ist, dass es eine nächste Partie gibt. Seitdem sie einander kennen, haben beide noch kein einziges Treffen abgesagt.