Entwicklung

Die Informationsverschlinger

Es ist gelb und ziemlich groß, wenn man erst vier Jahre alt ist, und es bewegt sich. Es ist faszinierend. Und - es kommt direkt auf Marie zu. Es ist beängstigend. Sie versteckt sich hinter den Rücken der Mutter, sicherer ist das. Für zwei Minuten zumindest: Die Neugier ist stärker als die Scheu. Mia will das seltsame Geschöpf unbedingt anfassen.

Sie geht wieder auf den Roboter zu, der im Foyer des Museums für Kommunikation im Berliner Bezirk Mitte einem großen blauen Ball folgt - und die Kinder folgen ihm.

Paul, 9, von der 3b der Lietzensee-Grundschule würde den gelben Roboter am liebsten zerlegen, um zu wissen, wie es innen aussieht. Die Frage, wie die Geräte programmiert sind, interessiert ihn im Moment am meisten. Weiter zehn bis zwanzig dringende und wichtige Fragen wird er seinem Vater Christopher Hertel, 60, heute auch noch stellen. Das ist der tägliche Durchschnitt. Die meisten kann der Diplomingenieur für Nachrichtentechnik beantworten, andere im Internet nachrecherchieren, die Sache mit den Jungen und Mädchen hat er mit Paul auch schon längst geklärt. Und nur bei den wirklich komplizierten Fragen schickt er Paul zur Mutter - wenn Paul zum Beispiel wissen will: "Was machen wir denn am Sonntag?"

Neugierde, das ist die erste Eigenschaft des Menschen. Babys tasten schon wenige Stunde nach der Geburt ihr Gesicht ab, Kinder nehmen elektrische Geräte auseinander - manche, wie Paul, können die Taschenlampe danach sogar wieder zusammensetzen - und Erwachsene fragen sich, was der Kollege in der Mittagspause macht oder warum der Chef am Abend früher los muss. Und es macht Spaß, Antworten zu bekommen: Wissenschaftler um den Neuropsychologen Michael X. Cohen wiesen 2008 nach, dass bei neugierigen Menschen die Verbindung zwischen den Hirnarealen für Belohnung (Striatum) und Gedächtnis (Hippocampus) stärker ist - jede Antwort ist eine Belohnung, Wissen ein gutes Gefühl.

Zoe ist fünf Jahre alt und besucht das Museum mit ihrer Kindergartengruppe. Der gelbe Roboter ist sofort ihr neuer bester Freund. Das letzte große Rätsel, das ihre Mutter für Zoe klären musste, war: "Was ist ein Werwolf?" ("Ich weiß es", ruft ihr Kumpel Theo, der dazugekommen ist: "Das ist ein Wolf, der sich wehrt!" "Gar nicht!", schreit Zoe: "Das tut jeder Wolf.") Für "das Thema mit den drei Buchstaben", wie Zoe sich damenhaft ausdrückt, interessiert sie sich auch. Für diese Fragen wendet sie sich aber lieber an ihre große Schwester, Lisa. Die ist schon neun ("neun wie neugierig", merkt Theo an). Zehn Grundsatz-Fragen am Tag und einige "Warums", das ist für Zoe normal. Alles andere findet sie selber heraus, zum Beispiel, wie der gelbe Roboter funktioniert.

Von der Empore lässt eine andere Kindergartengruppe bunte Papierflieger aus der ersten Etage zu Boden segeln - lautes Jubelgeschrei. Eine Schulklasse testet die Rohrpost, ein Brief kommt an - mehr Jubelgeschrei. Paul steht unter den Einzelteilen einer Postkutsche von 1880, die unter der Decke des Museums arrangiert sind, und freut sich still. Jetzt weiß er endlich, wie die einzelnen Teile einer Kutsche zusammengehören. Neugier, und dann eine Antwort zu finden, das ist wie ein Geschenk auszupacken, findet er.

"Infovoren", Informationsverschlinger, nennt der amerikanische Neurowissenschaftler Irving Biederman die Menschen. Schon Babys reagieren interessiert, wenn man ihnen Bilder von neuen Gesichtern zeigt. Zweimal. Ab dem dritten Mal wenden sie sich eher gelangweilt ab - bis ihnen ein neues Gesicht geboten wird. Sein Forschungsfeld nennt Biederman "Kognitives Vergnügen", weil beim Verstehen neuer Dinge im Gehirn Endorphine freigesetzt werden, wie Biederman in Versuchen nachwies. "Wissen macht high", sagt er. Deswegen, so schreibt er auf seiner Homepage, lesen Menschen neue Bücher, verreisen und wünschen sich ein Hotelzimmer mit Ausblick, gehen ins Kino. Oder stellen Kinderfragen. Seine Neugier hat Biederman unter anderem dazu gebracht, die faszinierenden "Gedankenprozesse von Ufo-Jägern" zu erforschen.

Sebastian, 9, interessiert sich im Moment am meisten für Löwen und technische Geräte: Die Sammlung historischer Telefone im ersten Stock, die Roboter, die Rohrpost. Auch, wenn ihn schon seit längerer Zeit, mindestens seit zwei Stunden, eine andere Frage quält: "Ich will unbedingt wissen, wie viel die ganze Welt wiegt. Wenn man alles darauf zusammenzählt." Mit den Antworten, die er von seinen Eltern bekommt, ist er im Großen und Ganzen zufrieden: "Ich bin immer neugierig. Und wenn ich was frage, was ich nicht weiß, sagen sie auch oft: Ich wusste, dass das jetzt kommen würde."

So etwa 13 Mal am Tag, schätzt Sebastian, muss er unbedingt etwas von seinen Eltern wissen. Sich selbst fragt er noch häufiger. Seine Mutter Christiane Stahl, 47, hält Sebastians Schätzung für eher niedrig: "Seit dem Vorschulalter fragt er ständig, nach allem. Manchmal sage ich, wenn ich wirklich keine Antwort weiß: Geh' zu Papa." Sein Vater, mit dem sie sich die Antwort-Arbeit fair geteilt hat, wohl auch: Er hat, erzählt Sebastian stolz, gerade einen Roboter mit seinem Sohn gebaut. Dessen Hauptfunktion: "Der kann Fragen beantworten!" Gerade erst hat sich Sebastian wieder an seinen Roboter gewandt. Er musste nämlich unbedingt wissen: "Was ist eine Kreuzspinne?"

Mia, sieben Jahre alt, möchte seit einigen Tagen am liebsten über Planeten reden. Das ist das Projekt der zweiten Klasse der Platanus-Schule in Köpenick. Ihren Eltern stellt sie nur sechs Fragen am Tag. Sagt sie. Die wichtigste im Moment: "Sind die Ringe des Saturn wirkliche Ringe, also geschlossen, oder sind das nur einzelne Steine?" Saturn ist Mias Lieblingsplanet, natürlich wegen der Ringe.

Paul wollte in letzter Zeit Paläontologe werden (nach einem Besuch im Naturkundemuseum) oder Lego-Designer (wegen der "Star Wars"-Figuren, die er sich zum Geburtstag und zu Weihnachten gewünscht hat). Heute will er später einmal, wenn er groß ist, zur Bundespolizei gehen - da kann man fremden Leuten viele Fragen stellen. Zoe will eigentlich erst einmal nur groß werden, konkretere Ziele hat sie sich noch nicht gesetzt. Das wird sich finden, wenn sie genug weiß. Sebastian sieht sein Ziel im Leben in einer Karriere als Skate-Profi, im Moment wenigstens.

Aber erst, wenn er alles andere weiß.

"Seit dem Vorschulalter fragt er ständig, nach allem. Manchmal sage ich, wenn ich wirklich keine Antwort weiß: Geh' zu Papa"

Christiane Stahl, Mutter von Sebastian (9)