Auslandsschuljahr

"Zurück komme ich als Erwachsene"

Irgendwann während der 36 Stunden Flug ist die Vorfreude der Müdigkeit gewichen. 18 157 Kilometer liegen zwischen Berlin und dem Örtchen Upper Hutt bei Wellington, der neuseeländischen Hauptstadt, wo Marlene ein Schuljahr an einer Highschool verbringt. Aber als Hildegard Niemann und Christian Maschke ihre Tochter am Flughafen in die Arme schließen, ist sie schlagartig wieder da: die Vorfreude auf drei gemeinsame Urlaubswochen.

Nach einem Aufenthalt bei der Gastfamilie wollen die Eltern mit Marlene und ihrem Gastbruder Steven per Mietwagen Neuseelands Südinsel erkunden.

Ursprünglich wollte die Siebzehnjährige keinen Besuch, Neuseeland sollte "ihr Ding" werden. Doch kann es auf längere Sicht nützlich sein, wenn Eltern ihre Kinder während eines Auslandsaufenthalts besuchen. "Für die Familie kann es belastend sein, wenn das Kind wiederkommt und Heimweh hat. Sie kann sogar eifersüchtig reagieren", erklärt Birgit Neumann, Geschäftsführerin der Austauschorganisation Study Nelson. "Wenn die Familie selbst im Austauschland war, kann sie vieles besser nachempfinden." Daher hat Birgit Neumann Hildegard Niemann und Christian Maschke bei der Planung ihres Besuchs unterstützt. Marlene hat für den gemeinsamen Urlaub schließlich lediglich eine Bedingung gestellt: "Wir sprechen nur Englisch!" Weil sie selbst nicht aus der Übung kommen will - und weil Steven sonst nichts versteht.

Für die Eltern ist das gar nicht so einfach. So wundert sich Hildegard Niemann am Morgen nach der Ankunft, dass eine 'gute Idee' von ihr gelobt wird - obwohl sie gar nichts gesagt hat. "Dabei hat die Gastmutter Kirsten nicht "good idea", sondern "good day, dear" gesagt, erzählt sie lachend. Das ist Neuseeland-Englisch für: Guten Tag, meine Liebe. Marlene übersetzt, wenn nötig - und verblüfft ihre Eltern. "Wenn unserer Tochter etwas nicht passt, dann quatscht sie ihr Gegenüber nieder", sagt ihr Vater. "Das kann sie jetzt auch auf Englisch."

Auch ihr Gastbruder hat dieses Talent von Marlene schon kennengelernt - obwohl die beiden sich eigentlich gut verstehen. "Steven hat sich während der Reise prima in unsere Familie eingefügt", sagt Christian Maschke. "Er will uns auch auf jeden Fall in Deutschland besuchen kommen." Die Berliner genießen ihre Reise mit den beiden Teenagern durch das unbekannte Land. Im Abel Tasman National Park begegnen ihnen beim Kajakfahren im glasklaren, wegen seines leuchtenden Türkis karibisch anmutenden Meer Pinguine und Robben. Und an der Westküste wandern sie am selben Tag erst auf einen Gletscher und dann im Regenwald. "Ich kam mir vor wie jenseits der Zivilisation", schwärmt Christian Maschke von dem wunderschönen Naturerlebnis.

"Auf der Fähre zurück nach Wellington wurden wir schon ein bisschen traurig. Aber wir haben versucht, nicht an den Abschied zu denken", erzählt Hildegard Niemann. Einen letzten Tag verbringen sie bei der Gastfamilie. Ein letztes Mal spielen sie, wie an jedem Abend ihrer Reise, zu viert Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Wie so oft gewinnt Marlene. Und dann kullern doch noch Tränen, als die Eltern abfahren. "Marlene meinte, das sei der Grund gewesen, warum sie erst gar nicht wollte, dass wir kommen", sagt Christian Maschke. "Hildegard hatte nach dem Abschied auch einige Tage Entzugserscheinungen."

Zum Glück folgt bald eine Mail von Marlene, es gehe ihr wieder gut, alle hätten sich lieb um sie gekümmert. "Marlene fühlt sich bei den Sterns sehr wohl", sagt ihre Mutter. "Ihre Gastmutter ist sehr liebevoll, aber sie hat die Familie fest im Griff. Vielleicht liegt das daran, dass sie Lehrerin in einer reinen Jungenschule ist." Und so durfte sie, die sich selbst als "die Strenge bei uns zuhause" bezeichnet, während der Reise von ihrer Tochter hören: "Mama, wie relaxt Du bist!"

Dass sie sich im Vorfeld Gedanken gemacht hatte, ob ihre Jüngste sich wohl sehr verändert habe, verrät Hildegard Niemann ihrem Mann erst, als sie wieder zuhause in Deutschland sind. Freunde hatten ihr erzählt, bei ihren Kindern sei das während des Austauschjahres so gewesen. "Ein wichtiger Bestandteil des Auslandsaufenthaltes ist es, dass die Jugendlichen lernen, Dinge für sich selbst zu klären, und erleben, dass sie selbst bestehen können", erklärt Austausch-Expertin Birgit Neumann. Gerade die ersten Wochen seien für viele Eltern schwierig, wenn sie mit feiner Antenne spürten, dass ihr Kind sich in der neuen Umgebung noch nicht wohl fühle. "Auch das Loslassen-Lernen gehört dazu." Marlenes Eltern bescheinigt sie eine "fast schon untypische" entspannte Haltung. Sie gingen mit dem Auslandsaufenthalt ihrer Tochter sehr souverän um und bestärkten sie in ihrer Selbstständigkeit, lobt sie.

Marlene bleibt Marlene

Nach der Rückkehr tauschen die Eltern viele Gedanken aus. "Marlene ist immer noch unsere Marlene", sagt Hildegard Niemann, ihr Mann findet: "Sie ist noch eigenverantwortlicher geworden und nimmt Dinge in die Hand." Das beobachtet auch Birgit Neumann: "Dass sie selbst eine neue Gastfamilie gefunden hat, als es in ihrer ersten Schwierigkeiten gab, war schon sehr ungewöhnlich." Zwar wird Marlene erst im Dezember 18. "Aber wenn ich im Mai aus Neuseeland zurück komme, bin ich erwachsen. Dann braucht ihr mich nicht mehr betüdeln", hat sie ihre Eltern schon mal vorgewarnt. Die nehmen's gelassen: "Wir freuen uns, wenn sie wieder da ist und unsere Zweisamkeit durcheinanderwirbelt."

In ihrer Kolumne für die Berliner Morgenpost schreibt Marlene Niemann in unregelmäßigen Abständen über ihr Auslandsjahr an einer neuseeländischen Highschool. Ihr letzter Beitrag erschien am 23. Dezember 2011.