Alkohol

"Und plötzlich ist es zu viel"

Bei einem Projekt in Zehlendorf lernen Jugendliche, die Gefahren von Alkohol besser einzuschätzen.

Foto: Christian Hahn

Lennart lässt den Motor an und gibt Gas. Das Auto setzt sich in Bewegung - zumindest auf dem Monitor des Fahrsimulators. Zuversichtlich schert der 17-Jährige in den Verkehr ein, der Simulator gibt ein sanftes Schnurren von sich. Doch nur einen Moment später hagelt es Verweise: "Kein Blinker!", "Zu schnell!", "Zu spät gebremst!", leuchtet es auf dem Monitor auf. Gerade mal ein paar Sekunden auf der Straße, und schon ist Lennart auf ein Hindernis aufgefahren. Er bekommt eine zweite Chance, jedoch unter erschwerten Bedingungen. Nun läuft auf dem Simulator das "Alkoholprogramm". Mit simulierten 0,8 Promille im Blut sieht Lennart alles nur noch verschwommen. Sein Auto gerät ins Schlingern, die Fahrt ist schnell beendet. Mit enttäuschtem Blick schnallt sich der Jugendliche ab. Was Lennart erlebt, ist beabsichtigt. Die Teilnahme am Straßenverkehr ist kein Kinderspiel und kann vor allem unter Alkoholeinfluss richtig gefährlich werden: Das ist die Botschaft der Aktion "Fit für die Straße - No drinks no drugs no problem".

Die dreitägige Veranstaltung, bei der sich verschiedene Präventions- und Suchtberatungsstellen sowie die Polizei und das Deutsche Rote Kreuz speziell an Zehntklässler kurz vor dem Führerscheinerwerb wenden, ist Teil der berlinweiten Kampagne zur Suchtprävention "Na klar". Sie fand bereits zum siebten Mal im Rathaus Zehlendorf statt. "850 Schüler waren in diesem Jahr dabei", sagt Mitinitiator Hermann Henke von der bezirklichen Fachstelle für Gesundheitsförderung und Prävention "Gesundheit 21" mit Stolz in der Stimme. "Wir beobachten, dass die Jugendlichen zwar immer besser über die Wirkung und die Gefahren von Alkohol informiert sind. Dennoch ist Alkohol nach wie vor die gefährlichste Droge für sie."

Erster Rausch mit 14 Jahren

Nach einer Studie der Berliner Fachstelle für Suchtprävention unter Jugendlichen zwischen 11 und 27 Jahren aus allen Bezirken trinken diese im Alter von zwölf bis 15 Jahren zum ersten Mal Alkohol, obwohl das laut Gesetz untersagt ist. Die Mehrheit der befragten 14-Jährigen war schon einmal betrunken. Eine bundesweite Studie zeigt, dass unter den 15-Jährigen jeder dritte Junge und jedes vierte Mädchen schon mindestens zweimal betrunken war. Jungen werden dann häufig aggressiv, Mädchen "lassen sich gehen", so die Einschätzung der Jugendlichen selbst.

"Dabei kann man mit relativ einfachen Mitteln vorbeugen", sagt Klaus Ruffing vom Verein "Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr". Er ist seit Jahren mit dem Fahrsimulator des Vereins auf Veranstaltungen und in Discotheken unterwegs. "Die meisten Jugendlichen erschrecken sich, wenn sie ihr fehlerhaftes Fahrverhalten vor Augen geführt bekommen." Das zeige positive Wirkung: "Nach unseren Aufklärungskampagnen gibt es regelmäßig messbar weniger Autounfälle mit Jugendlichen in der Region - zumindest einige Monate lang."

Lennart lehnt mittlerweile am Infostand von "Gesundheit 21" und versucht, mit einer "Rauschbrille" vor den Augen Mineralwasser in ein Sektglas zu schenken. Das verzerrende Glas beeinträchtigt seine Treffsicherheit erheblich. Ralf Hepprich, Experte für schulische Suchtprävention im Bezirk, reicht Lennart Tücher zum Aufwischen und verwickelt ihn gleichzeitig in ein Gespräch über die Auswirkungen von Alkohol auf die Organe des menschlichen Körpers. "Wenn ich in die Schulen gehe, rede ich mit den Schülern allerdings nicht nur direkt über Rauschmittel und ihre Wirkung, sondern auch viel über die Ursachen des Konsums, über Konflikte, Liebe, Freundschaft und so weiter", sagt Hepprich. "Wir haben festgestellt, dass die ursachenorientierte Prävention nachhaltiger ist als Abschreckung." Allerdings müsse die Aufklärung unbedingt kontinuierlich stattfinden. "Vier Wiederholungen im Jahr sind sinnvoll", sagt er.

Auch Eltern brauchen Aufklärung

Für genauso wichtig wie die Aufklärung der Jugendlichen hält Suchtexperte Hepprich allerdings die Information der Mütter und Väter. "Ich erlebe sie beim Thema Alkohol und Drogen oft sehr ängstlich, fast panisch. Das führt dazu, dass sie ihren Kindern häufig mit dem erhobenen Zeigefinger begegnen und gleich von Sucht reden", erzählt er von seinen Erfahrungen von Elternabenden. "Doch dann machen die Jugendlichen dicht." Besser sei eine "fragend-interessierte" Haltung, erläutert er und rät: "Wie ein Ethnologe eine fremde Kultur erforscht, sollten auch sie neugierig und vorurteilsfrei mit ihren Kindern reden." Schließlich handele es sich bei der Jugendkultur ja auch quasi um eine für sie fremde Kultur.

Lennart und seine Klassenkameradinnen und -kameraden haben unterschiedliche Erfahrungen mit Alkohol und mit ihren Eltern gemacht. "Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich es nicht übertreiben soll", sagt die 16-jährige Alena. "Aber mir schmeckt Alkohol sowieso nicht so gut." Lennart erzählt, dass das Sich-Betrinken in seiner Clique nie absichtlich geschehe. "Man merkt es nicht und plötzlich ist es zuviel", sagt er. Einmal sei er "so besoffen nach Hause" gekommen, dass die Eltern ihm als Konsequenz einen lange erwarteten Theaterbesuch untersagt hätten. "Das hat mich zum Nachdenken gebracht", sagt er. Doch auch seine Freunde selbst gäben Anreize, es nicht zu übertreiben. "Ich möchte ja mein Gesicht vor ihnen wahren", sagt Lennart. "Und ich bin froh, wenn sie mich während der Party darauf hinweisen, dass ich nun wohl genug habe."

Der Hinweis von Freunden bringt bei Jugendlichen meist mehr als lange Vorträge der Eltern. Und eigene Erfahrungen sind beim Kampf gegen Drogen immer besser als lange Vorträge. Das weiß auch Ronald Paetsch. Der Präventionsbeauftragte der Polizei lotst die Jugendlichen zum Abschluss ihres Besuchs bei "Fit für die Straße" durch einen Hindernisparcours - mit Rauschbrille auf der Nase. "Oh Hilfe", ruft Martyna (17) aus. "Mir ist schwindelig und ich weiß gar nicht mehr, wo ich bin!" Zwar sei sie schon mal angetrunken gewesen, erklärt sie nach dem Durchlauf. "Aber so betrunken war ich noch nie - und so will ich mich auch nie fühlen." Wenn es doch mal so weit komme, gibt Ronald Paetsch den Jugendlichen mit auf den Weg, "dann setzt euch nicht ans Steuer, sondern lasst euch abholen!"

Mit vielen Erkenntnissen und zufriedenem Blick verlassen nicht nur die Schüler das Rathaus, sondern auch ihre Lehrer. "Theoretisch wissen die Jugendlichen ja alle, dass Alkohol und Straßenverkehr nicht zusammen passen. Die Praxis sieht anders aus", sagt Cordula Fleich, Lehrerin an der Beethoven-Oberschule in Lankwitz. Aber sie ist überzeugt: "Eine solche spielerische Aufklärung wirkt. Das bleibt hängen."