Internet

Alte Liebe gesucht

Soziale Netzwerke machen die Suche nach Verflossenen leicht. Fünf Berichte von Kurzreisen in unvergessene Gefühlswelten.

Foto: picture-alliance / Denkou Images / picture-alliance / Denkou Images/Denkou Images

Hirnforschern zufolge erinnern wir uns am besten an das, was aufregend war. Vielleicht machen sich deshalb so viele Menschen auf die Suche nach ihren Jugendlieben. Im Zeitalter von Google und Facebook sind die einst so verehrten Mitmenschen oft nur einen Klick entfernt. Eine Umfrage in der Redaktion zeigt, wie frisch alte Gefühle sind. Und wie ernüchternd es sein kann, wenn aus einer alten Schwärmerei ernst wird.

Vom Drama zum Like

Als Emilia mir eine Freundschaftsanfrage schickte, war das ein bisschen so, als wäre der iranische Präsident mit einem Friedensangebot in Jerusalem aufgetaucht. Unsere Liebe war 25 Jahre zuvor auf ziemlich dramatische Weise in die Brüche gegangen. Nachdem sie mich trotz unserer offiziell noch nicht beendeten Beziehung damit überrascht hatte, dass sie zu ihrem Ex-Freund zurückgekehrt war, bin ich nachts mit einem Springmesser in der Hand in ihre Wohnung eingedrungen (den Schlüssel hatte ich ja noch) und wollte den Menschen erstechen. Weil man aber doch nicht so einfach sein Messer in jemanden hineinsticht, begnügte ich mich damit, ihn heftig zu verprügeln.

Danach herrschte lange Funkstille zwischen Emilia und mir. Zwar waren wir uns in den zehn Jahren vor der Freundschaftsanfrage in Berlin vier- oder fünfmal begegnet und hatten sogar miteinander geredet. Aber ich konnte nie herausfinden, ob ihre ruhige Freundlichkeit Ausdruck von Verachtung war oder einfach der Versuch des Kaninchens, die messerstechende Schlange zu hypnotisieren. Zwei Jahre FB-Freundschaft und zahllose Likes später bin ich zwar sogar schon auf ihrer Geburtstagsparty gewesen, aber über die Sache von damals haben wir noch nie geredet - ich habe allerdings Grund zu der Annahme, dass sie den betroffenen Typen wenig später selbst gerne erstochen hätte. Vielleicht sollte ich als Gesprächsangebot mal diesen Artikel bei Facebook posten.

Matthias Heine

Adonis, leider nicht zum Anfassen

Er war der heißeste Typ der Schule. Ein dunkel gelockter, denkerposengeübter Adonis. Schülersprecher, Sänger in der Schulband, Atomkraftgegner und Kandidat für ein 0,7-Abi. Erster auf jeder Demo, Letzter auf jeder Party. Einer, der den freiwilligen Griechischkurs in der nullten Stunde belegte und danach auf dem Schulhof kickte. Er trug die angesagtesten Turnschuhe und seine irre kreative, irre tolle Schwester batikte seine Hemden. Daniel Wegner war nicht von dieser Welt.

Ich habe die 80er-Jahre damit verbracht, die Ränder meines Matheheftes mit dem verschnörkelten Schriftzug "Katharina Wegner" zu verzieren. Natürlich hätte ich seinen Namen angenommen. Er würde ja später Menschenrechtsanwalt werden, und ich ginge mit ihm bis ans Ende der Welt, vermutlich würden unsere Kinder in Afrika geboren. Oder auch in unserem Haus am Strand in Kalifornien. Brangelina avant la lettre - das waren wir. Daniel Wegner war meine ultimative Fantasie. Seinetwegen habe ich meine beste Freundin verloren. Die wollte nämlich auch seinen Namen annehmen. Schlampe.

Ich traf ihn auf einer Party, zufällig. Es hatte uns beide aus diesem Kaff am Rande von Rheinland-Pfalz in die Hauptstadt verschlagen. Er war natürlich tatsächlich Anwalt geworden. Allerdings in einer dieser Marmorschild-Kanzleien am Kudamm. Das Fest war ein bisschen fad, irgendwann sagte er zu mir: "Kommst du mit zu mir? Ich koche dir einen Kamillentee." Hatte ich erwähnt, wie gnadenlos originell er war? Ich ging mit, konnte mein Glück kaum fassen. Bis, na ja, bis ich mit ihm im Bett lag.

Im Nachhinein kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand ein mieserer Liebhaber sein kann. Ich dachte kurz danach daran, meine ehemalige Schulfreundin anzurufen und Frieden zu schließen. Wir hatten zu der Zeit nur sporadisch Kontakt, waren über unsere Eifersüchteleien nie so recht hinweggekommen. Ein paar Monate später, da hatte ich schon gar nicht mehr an die Sache gedacht, rief sie an. "Weißt du was passiert ist?", fragte sie. "Ich habe mit Daniel Wegner geschlafen." - "Was?", brüllte ich ins Telefon. "Ja, und du glaubst nicht, wie schlecht der im Bett ist." Heute sind wir wieder beste Freundinnen. Schlechter Sex kann zu was Gutem führen.

Katharina Trapp

Kindergartenliebe reloaded

Und dann stand er vor der Tür. Chrissi, meine Kinderliebe. Eigentlich sah er aus wie früher, nur war er plötzlich so riesig, dass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, um sein Gesicht zu sehen.

Wir lernten uns Mitte der 70er-Jahre vor dem Zigarettenautomaten kennen. Damals durften fünfjährige Kinder noch Zigaretten holen, ohne dass das Jugendamt aufmerksam wurde. Eine Schachtel Stuyvesant kostete zwei Mark, vielleicht auch drei. Chrissi war auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Ich weiß nicht mehr, über was wir so ins Plaudern gerieten, wahrscheinlich über Bayern München oder Udo Lindenberg. Wir fanden beides einträchtig erste Klasse. Wir verbrachten bald fast jeden Tag zusammen und irgendwann auch beinah jede Nacht. Unsere Eltern fragten sich schon, ab welchem Alter sie das unterbinden müssten.

Die Pubertät löste das Problem, bevor es auftrat. Nachdem Chrissi und ich die Grundschule und zwei Gymnasialjahre innig vertraut nebeneinander abgesessen hatten, trennten sich unsere Wege. Ich wählte Französisch, er Latein. Ich weiß nicht mehr genau, warum wir uns fremd wurden. Ich erinnere, dass er sich von mir abwandte, vielleicht weil er Mädchen blöd fand, vielleicht weil ich vor ihm in die Pubertät stolperte und mit punkigen Outfits zu experimentieren begann. Jedenfalls war das Leben ohne Chrissi nicht mehr so schön. "Du warst damals sehr unglücklich", erinnert sich meine Mutter. Dann zogen wir auch noch weit weg in eine andere Kleinstadt.

Es lief nicht so gut mit den Jungs danach, mit den Männern später wurde es nicht viel besser. Ein Chrissi-Trauma? Vor ein paar Jahren bekam ich eine E-Mail: "Bist du die Brenda Strohmaier?", fragte mich ebenjener Chrissi, der sich nun Chris nannte. Wir tauschten aus, was wir so aus uns gemacht hatten, er war nun Mediziner in der Schweiz, ich Journalistin. Zwei Singles. Zufällig musste Chrissi kurz darauf beruflich nach Berlin. Und klingelte, ich schaute zu ihm auf. Wir gingen essen, wir redeten. Es war ein berührender Abend. Kein romantischer. Wir mochten uns. Mehr nicht. Oder doch. Ich habe bald nach dem Treffen einen ganz vertrauenswürdigen Mann kennengelernt. Und Chris ist jetzt mein Facebookfreund.

Brenda Strohmaier

Bitte nicht stupsen!

Meine Horrorvorstellung: dass die Vergangenheit in mein aktuelles Leben hineinreicht. Und was ich mit zahlreichen Wohnortverlagerungen und Telefonnummernwechseln nicht geschafft habe: Facebook macht es möglich. Mein erster Freund, mit dem ich vor mittlerweile 15 Jahren zusammen war, machte mich unlängst auf der Plattform ausfindig, "stupste" mich an - und disqualifizierte sich mit diesem infantilen Versuch der Kontaktaufnahme selbst. Kurze Zeit später schrieb mir einer eine FB-Nachricht und fragte, ob wir uns mal auf einer Klassenfahrt kennengelernt hätten. Hatten wir, ich aber verfiel umgehend in eine Schockstarre und antwortete nie. Ich müsste das wahrscheinlich dringend mal psychoanalytisch untersuchen lassen, aber ich kann nichts Reizvolles daran finden, alte Liebschaften wiederzutreffen. Dabei habe ich gar keinen klar benennbaren Grund, warum ich keinerlei Kontakt zu Ex-Flammen haben möchte. Ich kann es nur so sagen: Meine aktuellen Freunde sind die reizendsten Menschen auf der ganzen Welt, sie füllen mein soziales Leben auf die schillerndste und herzerwärmendste Art und Weise aus. Für altes Beziehungsgepäck ist da kein Platz. Auf Facebook habe ich mich mittlerweile unauffindbar gemacht.

Anne Waak