Staatssekretärin Sigrid Klebba:

"Nestwärme einer Familie geben"

Ein Mädchen stirbt in der Obhut seiner drogensüchtigen Pflegefamilie: Seit dem Tod der elfjährigen Chantal aus Hamburg werden die Anforderungen an Pflegeeltern und an die Jugendämter, die die Familien betreuen, in ganz Deutschland diskutiert. Anette von Nayhauß sprach mit Staatssekretärin Sigrid Klebba von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft über die Suche nach Pflegefamilien in Berlin.

Berliner Morgenpost: Wann ist eine Pflegefamilie die bessere Lösung für ein Kind?

Sigrid Klebba: Eine Pflegefamilie ist dann eine gute Unterbringungsform, wenn Kinder aufgrund einer Gefährdungssituation aus der Familie genommen werden müssen. Das bleibt im Grundsatz auch nach dem Tod der kleinen Chantal richtig. Jedoch versucht man zunächst in der Familie zu helfen. Wenn man merkt, dass es keine positive Entwicklung gibt, kann es besser sein, das Kind vorübergehend oder dauerhaft aus der Familie herauszunehmen. Dann kommen Pflegefamilien oder Einrichtungen in Betracht. Diese Entscheidung trifft nicht eine Person allein. Das bezirkliche Jugendamt, die Familienhelfer und die Familie kommen regelmäßig zusammen, um den Fall zu bewerten und zu entscheiden.

Berliner Morgenpost: Wie viele Pflegefamilien gibt es in Berlin?

Sigrid Klebba: In Berlin gibt es circa 1300 Pflegefamilien, die etwa 2680 Pflegekinder betreuen.

Berliner Morgenpost: Werden mehr Kinder in Pflegefamilien oder beispielsweise in Kinderheimen und anderen Einrichtungen betreut?

Sigrid Klebba: Insgesamt sind rund 8900 Kinder in Berlin außerhalb der Familie untergebracht, davon etwa 30 Prozent in Pflegefamilien.

Berliner Morgenpost: Wie wird entschieden, ob ein Kind in eine Pflegefamilie oder in ein Heim kommt?

Sigrid Klebba: Es geht immer darum, die beste Lösung für das Kind zu finden. Insbesondere für kleine Kinder sind Angebote, die die Geborgenheit, die Nestwärme einer Familie geben, die angestrebte Lösung.

Berliner Morgenpost: Ist das die bessere Lösung als ein Heim?

Sigrid Klebba: Nicht generell. Natürlich ist es schön, wenn Kinder im jungen Alter in eine Pflegefamilie kommen und sich alles gut entwickelt. Dann können sie gegebenenfalls in dieser Familie aufwachsen. Aber Pflegefamilien stehen vor größeren Herausforderungen, je älter die Kinder sind. Die Unterbringung eines zehn- oder zwölfjährigen Kindes in einer Pflegefamilie ist schwieriger. Die Familien, die die Kinder aufnehmen, ringen um die Liebe des Kindes. Wenn das nicht sofort erwidert werden kann, fühlen sie sich möglicherweise zurückgestoßen. Dazu kommt noch eine Herkunftsfamilie, die sich vielleicht schwer damit tut, dass ihr die Erziehung des Kindes nicht mehr zugetraut wird. Das ist ein starkes Spannungsfeld.

Berliner Morgenpost: Wer kann überhaupt Pflegefamilie werden?

Sigrid Klebba: Familie ist dort, wo Kinder sind. Und Pflegekinder können dort sein, wo die Situation in einer Familie stabil ist. Also auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren oder Alleinstehenden.

Berliner Morgenpost: Wie wird entschieden, ob eine Familie geeignet ist?

Sigrid Klebba: Die Familie muss eine ökonomisch verlässliche Situation bieten. Sie muss die Zeit für ein Kind haben. Das heißt nicht, dass ein Elternteil zu Hause bleiben muss, aber es muss sichergestellt sein, dass sich die Eltern ausreichend um das Kind kümmern können. Sie müssen gesund genug sein, um ein Kind zu betreuen, und natürlich müssen sie grundsätzlich geeignet sein, ein Kind zu erziehen.

Berliner Morgenpost: Wer prüft das?

Sigrid Klebba: Entweder die Jugendämter selbst oder sie beauftragen einen Träger, der das prüft - nach denselben festgelegten Standards, die dann bei den ersten Gesprächen mit Bewerbern abgefragt werden. Die Bewerber müssen einen ganzen Katalog von Unterlagen vorlegen, etwa ein ärztliches Attest, welches bescheinigt, dass keine ansteckenden Krankheiten, Suchtkrankheiten oder psychische Krankheiten vorliegen, Führungszeugnisse, und sie müssen einen Kurs absolvieren.

Berliner Morgenpost: Wie weit kann man denn von den Idealstandards für eine Pflegefamilie abweichen? Es gibt ja wahrscheinlich auch einen gewissen Druck, Pflegefamilien zu finden.

Sigrid Klebba: Auch wenn es nicht leicht ist, ausreichend Pflegefamilien zu finden, kann man von den Standards nicht abweichen. Ansonsten ist es wichtig, den Bewerbern die Frage zu stellen: Warum möchten Sie denn ein Pflegekind aufnehmen? Die Bewerber müssen sich darüber im Klaren sein, dass ein Pflegekind kein Ersatz für ein eigenes Kind sein kann. Denn es geht eben nicht um eine Adoption, sondern um eine Hilfe zur Erziehung. Und man muss vorher klären: Hält die Familie das wirklich aus, wenn es zu Konflikten kommt oder wenn sich das Kind zurückzieht? Wenn man bei den Gesprächen merkt, dass es übersteigerte Erwartungen gibt, die das Pflegekind gar nicht erfüllen kann, muss man vorsichtig sein. Denn nichts ist schlimmer als nach drei Monaten zu merken: Das passt nicht. Dann ist das Kind aus der Herkunftsfamilie genommen worden, vielleicht war noch eine Station in einer Einrichtung dazwischen - und dann kann es in der Pflegefamilie nicht bleiben: Das macht Kinder kaputt.

Berliner Morgenpost: Wie werden die Familien vorbereitet?

Sigrid Klebba: Pflegefamilien müssen einen halbjährigen Elternkurs besuchen. Ein Teil der Schulung findet vorher statt, ein Teil, wenn das Kind schon in der Familie ist. Dort können auch Situationen diskutiert werden, in denen die Pflegeeltern an ihre Grenzen gestoßen sind. Und es gibt regelmäßige Kontakte zwischen dem Jugendamt - oder dem Träger - und der Familie, um zu sehen, ob das alles in Ordnung ist.

Berliner Morgenpost: Wie oft kommt es denn vor, dass das Jugendamt Pflegefamilien die Berechtigung zur Pflege wieder entzieht?

Sigrid Klebba: Das kommt selten vor. Man merkt fast immer schon bei den ersten Gesprächen oder im weiteren Verfahren, ob die Familie geeignet ist oder eben nicht.

Berliner Morgenpost: "Die machen das doch nur des Geldes wegen" - was ist an dem Vorwurf dran? Wie viel Geld bekommt eine Pflegefamilie?

Sigrid Klebba: Das ist absolut falsch. Grundsätzlich wird der Unterhalt und die Erziehungsleistung finanziert, zwischen 800 Euro und 1700 Euro im Monat. 1700 Euro heißt schon: Kinder mit besonderem Förderbedarf. Das sind zum Beispiel Kinder mit Behinderung oder mit anderen Einschränkungen, für die die Familie so viel an Pflege leisten muss, dass meist nicht mehr beide Eltern arbeiten gehen können.

Berliner Morgenpost: Was kann man generell tun, um mehr Pflegefamilien zu finden?

Sigrid Klebba: Wir müssen die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Kinder manchmal Hilfe außerhalb der eigenen Familie brauchen. Wir müssen deutlich machen, dass Pflegeeltern zu sein eine sehr wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe ist. Und wir müssen die Familien dabei unterstützen, dass sie Informationen bekommen und die entscheidenden Fragen beantworten können: Wollen wir das? Können wir schaffen, was auf uns zukommt? Eine Pflegefamilie muss für Kinder da sein, die schon Brüche in ihrem Leben hinter sich haben. Sie müssen eine besondere Herausforderung meistern. Das Gefühl, ich will in meinem Leben etwas Gutes tun, reicht allein sicher nicht aus.