Schwangerschaft

"Lassen Sie es langsam angehen"

Welche Sportarten sind für junge Mütter gesund? Und ab wann darf frau überhaupt wieder trainieren? Darüber sprach Anne Klesse mit dem Berliner Sportwissenschaftler Christian Lusch vom Zentrum für Sportmedizin.

Berliner Morgenpost: Ab wann dürfen Frauen nach der Geburt wieder Sport machen?

Christian Lusch: Das ist eine sehr individuelle Entscheidung und muss am besten vom behandelnden Arzt, also dem Gynäkologen, entschieden werden. Der Zeitpunkt hängt auch davon ab, ob die Frau vor der Schwangerschaft aktiv war oder nicht. Sportliche Frauen können meist schneller wieder einsteigen. Auch die Geburt selbst ist ein wichtiger Aspekt, der beachtet werden muss. Jemand, der gut trainiert war, aber eine schwere Geburt hinter sich hat, kann unter Umständen auch nicht sofort wieder mit Sport anfangen. Grundsätzlich gilt: In den ersten sechs Wochen nach der Geburt sollte kein Sport, sondern nur leichte, gymnastische Übungen gemacht werden. Beschwerdefreiheit ist dabei wichtig. Je nach Kondition und Umständen sollten Frauen mit Sport bis zu drei Monaten warten. Wichtig ist zunächst die Stärkung des Beckenbodens sowie die Rückbildung. Dafür gibt es spezielle Kurse, die jede Frau besuchen sollte.

Berliner Morgenpost: Was könnte passieren, wenn frau zu früh anfängt?

Christian Lusch: Nach der Geburt muss sich bei der Frau erst das Gewebe an Uterus, Bauch undsoweiter zurückbilden, insbesondere der Beckenboden ist dabei wichtig. Wenn zuviel Druck entsteht, beispielsweise durch Sprünge oder Belastung, können Blutungen auftreten oder Narben reißen. Alles, was auch in der Zeit direkt vor der Entbindung unterlassen werden sollte, also etwa Stöße und Springen, ist auch direkt nach der Geburt nicht gut für den Körper. Bauchübungen sollten Frauen erst einmal lassen. Gymnastik würde ich nur ohne weite Schritte oder Erschütterung empfehlen. Kurse mit Stepper, auf den man hoch- und runterspringt, ebenfalls lieber nicht.

Berliner Morgenpost: Zu welchen Sportarten würden Sie Frauen raten, die schnell ihre alte Figur wieder haben möchten?

Christian Lusch: Grundsätzlich hilft gegen Schwangerschaftspfunde das Stillen. Es belastet den Körper und ist energetisch gesehen ganz gut. Mindestens den Zeitraum der Schwangerschaft muss man auch nach der Geburt aber rechnen, um das Ausgangsgewicht wieder zu erlangen. Wassereinlagerungen aus der Schwangerschaft verschwinden nicht von heute auf morgen. Tendenziell haben Frauen mit Babys ohnehin eine beeinträchtigte Regeneration, weil sie beispielsweise kürzer und schlechter schlafen. Dabei ist gerade die Regenerationsphase wichtig, um kräftiger und schlanker zu werden. Wunderbar für junge Mütter ist spazieren gehen, aber auch Walking, Schwimmen oder Rad fahren. Joggen zunächst lieber nicht wegen der damit verbundenen Erschütterungen.

Berliner Morgenpost: Klingt eher nach klassischen Rentnersportarten ...

Christian Lusch: Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Trotzdem bringt sie ganz klar eine Veränderung des Organismus mit sich. Es dauert eine Zeit, bis sich der Körper regeneriert. Es sind ja nicht nur der Hormonhaushalt und das Gewicht, die sich ändern, während einer Schwangerschaft verändert sich gerade im letzten Drittel die gesamte Körperhaltung. Und wenn das Kind da ist, passt die Mutter ihren Tagesablauf an den des Babys an. Das alles ist eine Belastung für den Körper. Ich rate deshalb Frauen immer: Haben Sie nicht zu viel Ehrgeiz. Lassen Sie es langsam angehen!

Berliner Morgenpost: In Hochglanzmagazinen bekommt man den Eindruck, dass Frauen in Hollywood es schaffen, schon nach wenigen Wochen wieder fit zu sein...

Christian Lusch: Naja, wenn Heidi Klum sechs Wochen nach der Geburt wieder über den Laufsteg spaziert, müssen Sie bedenken, dass sie vermutlich mehrere Nannys und Hausangestellte hat, die sich um Kinder und Haus kümmern. Das heißt, sie kann sich mit ihrem Personal Trainer ganz ihrem Körper widmen und hat Regenerationszeiten. Welche langfristigen gesundheitlichen Folgeschäden damit einhergehen können, dazu gibt es meines Wissens noch keine Studien. Das ist vergleichbar mit einem Bundesligaspieler, der eine Verletzung hat: Der lässt sich "gesund" spritzen, während Freizeit- und Breitensportler wochenlang Reha machen. Es ist ja so, dass Models und Profisportler nur ein relativ kurzes Zeitfenster haben, um ihren Beruf auszuüben. Da neigt man/frau wohl dazu, Risiken in Kauf zu nehmen. Man sollte sich nicht an solchen Beispielen orientieren.

Berliner Morgenpost: Tatsächlich haben "normale" Mütter von Säuglingen meist wenig Zeit für sich selbst. Welche Übungen können sie leicht in ihren Alltag einbauen?

Christian Lusch: Da bieten sich einfache, so genannte isometrische Kraftübungen an, die man letztendlich überall machen kann. Ein Beispiel: Heben Sie im Sitzen den Unterschenkel und spannen Sie bei gestrecktem Knie den Oberschenkel maximal an. Halten Sie die Spannung für fünf bis zehn Sekunden und lösen sie sie dann wieder langsam. Man kann auch einfach im Stehen die Pobacken anpannen. Mit ausreichendem Abstand zur Geburt bzw. nach Freigabe Ihres Arztes: Drücken Sie die Handflächen gegeneinander, die Ellenbogen stehen dabei auf Schulterhöhe nach außen. Das ist eine gute Übung für den Brustmuskel. Für den Bauch schieben Sie die Hüfte im Sitzen ein wenig nach vorn und spannen dann die Bauchmuskeln an, während Sie - wichtig - ruhig weiteratmen. Das geht auch gut während Sie fernsehen!