Kanga-Training

Trainieren wie ein Känguru

Bent steht der Sache zunächst ablehnend gegenüber, dieser Gymnastik. Er brüllt, als er gut festgehalten auf dem Unterschenkel seiner Mutter liegt (Beinübungen). Er brüllt, als sie ihn über ihren Kopf stemmt (Armübungen). Er brüllt eigentlich die ganze Zeit. Und dabei sind sie erst bei den Aufwärmübungen. Bent ist acht Wochen alt, aber über Gymnastik hat er offenbar schon sehr entschiedene Ansichten. Doch die, so viel sei verraten, wird er in Kürze ändern.

Es ist die erste Stunde Kanga-Training für die Mütter und Babys im Schöneberger Kindertreff "Meerchenhaft". Bent ist der Jüngste im Kurs, Julian, 14 Monate, der Älteste. Er kann schon laufen und klaut gerade der Trainerin eine der Dinkelstangen, die sie für die Pause mitgebracht hat, während sich die anderen auf die bevorstehende Sportstunde vorbereiten.

Dr. Simone Koch, Medizinerin, hat die Kanga-Kurse für Berlin aufgebaut. Die 32-Jährige, bald Fachärztin für Frauenheilkunde, bringt sonst Sohn Tristan (zehn Monate, 10,5 Kilo schwer) als Trainingspartner mit. Heute hat Tristan aber Bronchitis und ist zu Hause geblieben, sie führt die Übungen also mit einer nur 3,5 Kilo schweren Babypuppe vor.

Beim Kanga-Training machen die Mütter ihre Übungen, während sie die Babys in einer Trage vor dem Bauch oder auf dem Rücken tragen. Babys, erzählt Simone Koch, werden schon nach wenigen Minuten unruhig, wenn sie von der Mutter getrennt sind. Ihnen wird kalt, sie vermissen den Herzschlag. Sie weinen. Beim Kanga-Training aber bleibt der Kontakt, weil das Baby die Mutter spürt.

Aufwärmübungen mit kleinen Zuschauern

Die Babys liegen nun auf dem Boden und glucksen. Zum Aufwärmen machen die Mütter leichte Liegestütze, das Gesicht den Babys zugewandt. Das gefällt den meisten. Alissa-Catharina, fünf Monate alt, zieht ihre Mutter an der Nase. Sarah auf der Babydecke nebenan, vier Monate alt und knapp sechs Kilo schwer, zerrt an den Haaren von Susann, 37.

Alissa-Catharina trägt einen Strampelanzug, auf dem "I love Mum" steht, Sarah Söckchen mit der Aufschrift "I love Dad". Levin, mit acht Monaten der zweitälteste Mann im Raum, rappelt gelangweilt mit der Spielzeugkiste. Der Lärm ist recht befriedigend. Seine Mutter Valeria, 23, Modedesignerin, hat schon Yoga-Kurse belegt, "aber das reichte irgendwie noch nicht". Sie gibt ihrem Sohn einen Ball, damit der Lärm aufhört.

Trainerin Simone Koch fragt inzwischen besorgt in die Runde, ob eine der Frauen Rückenschmerzen habe. "Nö, aber Oberschenkelschmerzen", sagt Sarahs Mutter. Susann, 37, ist Flugbegleiterin. Sie hat in der Schwangerschaft 17 Kilo zugenommen, die wieder weg sollen - deswegen sind die beiden jetzt hier. "Schmerzen in den Oberschenkeln, das ist beabsichtigt", sagt die Trainerin. Simone Koch hatte dasselbe Problem wie Susann, deswegen meldete sie sich zum Training an, als ihr Sohn sechs Monate alt war: "Durch Kanga-Training bin ich meiner alten Form wieder näher gekommen", sagt sie - ohne für Tristan einen Babysitter für die Fitnessstunden suchen zu müssen. Sechs bis zehn Wochen nach der Geburt können die Mütter mit dem Training beginnen - wenn der Arzt es erlaubt.

Die Babys interessieren sich, anders als ihre Mütter, nicht für Schwangerschaftspfunde. Sie liegen auf dem Boden und gähnen. Sie scheinen sich wohl zu fühlen, auf ein Nickerchen vorzubereiten - während es für die Frauen nun richtig losgeht. Für das eigentliche Kanga-Training werden die Babys eingepackt, in stabile Tragen oder Tragetücher. Die Frauen kontrollieren gegenseitig, ob alle Schließen halten. "Die Enge, die schaukelnden Bewegungen, die Nähe zur Mutter ähneln sehr stark der Umgebung im Mutterleib und wirken auf das Baby extrem beruhigend", erklärt Simone Koch den Teilnehmerinnen. Das Gleichgewichtssystem und die sensorische Wahrnehmung der Babys würden dadurch auch stimuliert. Training also für Mutter und Kind.

Sidesteps zu Herbert Grönemeyer

Bent steckt jetzt bis über den Kopf in einer Trage. Nur seine Beinchen in himmelblauen Strumpfhosen hängen rechts und links aus dem gepolsterten Panzer heraus. Die Mütter machen nun Sidesteps zu lateinamerikanischer Musik, ziemlich schnell und sehr anstrengend. Sarah steckt heute zum ersten Mal in einer Babytrage und versucht still und beharrlich, die Riemen durchzukauen. Levin muss sich an die Sidesteps offenbar erst gewöhnen, er beginnt einen halblauten Dauerprotest. Sarah stimmt aus Solidarität ein. Dann läuft Grönemeyer im Hintergrund, und jetzt weint auch Alissa-Catharina. "Ähhhh", machen die Babys. Nur Bent bleibt still. Er ist Vorreiter bei der wundersamen Wandlung, die nach und nach alle Babys ergreifen wird. Es scheint, als habe er Gefallen gefunden an dem, was seine Mutter da mit ihm unternimmt - und ist beim Schaukeln eingeschlafen.

Es geht weiter mit Cha-cha-cha-Schritten für die Mütter, mit Tanzen (zu "You Never Gonna Get it", ein Hit von En Vogue aus dem Jahr 1992). Julian ist zufrieden, für ihn ist Engtanz angesagt und er hat die Arme fest um die Mutter gelegt. Das Gewicht der Babys ist bei den Übungen eingeplant. Während andere mit Ein-Kilo-Hanteln trainieren, trägt Anja, 36, mit Julian immerhin 9,5 Kilo bei jeder Übung mit sich. Anstrengend ist das auf jeden Fall, sagt die Sozialpädagogin. Sie schwitzt, Susann schwitzt, Marlen schwitzt auch. Die Sachbearbeiterin, 24 Jahre alt, trainiert mit Pia (sieben Monate, 6,5 Kilo). Bekannte hatten ihr von den Kanga-Stunden erzählt, bisher fand sie das Training gut. Pia auch, die ist vergnügt. Und auch Levin hat jetzt sein Glück gefunden. Keine Frage: Er steht auf die "Uptown Girls" (Billy Joel, 1983), die Trainerin Simone Koch jetzt laufen lässt. Die Mutter tanzt, er hüpft in der Trage und strampelt. Er ist der einzige, der jetzt noch wach ist. Die anderen Babys sind beim Tanzen eingeschlafen.

Das Kanga-Training ist vorbei. Die Knuddelzeit beginnt. Die Babys chillen. Levin liegt an der Brust seiner Mutter. Alissa-Catharina tauscht sich über die Stunde mit Sarah nebenan aus. Bent wird wieder wach, nachdem er drei Viertel des Kurses verschlafen hat. Er wird aus seiner Plastiktrage befreit und reibt sich die blauen Augen. Erstaunt schaut er sich um. Irgendetwas war da doch, das er über das Training hinweg vergessen hat. Er brüllt.

"Die Enge und die schaukelnden Bewegungen ähneln sehr stark der Umgebung im Mutterleib und wirken auf das Baby beruhigend"

Simone Koch, Trainerin