Familienreisetag

Ein Tag Sommerferien - mitten im Winter

Unsere Autorin hat mit Tochter Charlotte den "Familienreisetag" in Hamburg getestet. Am Sonntag findet die Messe in Berlin statt

Foto: Thies Raetzke

Wir stecken in einem Dilemma. Wir wollen tolle Ferien, aber was die Ansprüche angeht, ist unsere Familie leider ziemlich speziell. Tochter Lotti zum Beispiel findet, dass ein guter Urlaub nur in Schottland möglich ist. Daran ist Papa schuld, der seit Lottis Geburt immer ein Ferienhäuschen auf den inneren Hebriden gebucht hat - garantiert ohne Handyempfang, dafür mit Meerblick und Dorfgolfplatz vor der Tür. Für Mama ist dort aber eigentlich alles wie zuhause, nur ohne Kita für die Kinder. Mama will Zeit zum Lesen, den ultimativen Urlaubsflirt mit Papa, grandiose Büffets mit gesundem Essen, Sandburgen mit den Kindern bauen und Wellenrauschen statt des ewigen Schleudergeräuschs der Waschmaschine. Eine Alternative muss her.

Nun wird ein "Familienreisetag" angeboten: Eine Informationsveranstaltung, auf der man sich laut Website "perfekt in Urlaubslaune versetzen lassen" kann. Der Internetauftritt und die Gespräche mit dem Veranstalter wecken Erwartungen: Ein Tag Sommerferien mitten im Winter, ein bisschen so, wie ich mir Ferien vorstelle. Und bestimmt besser als ein Besuch im Reisebüro. Denn dort räumen die Töchter, anderthalb und drei Jahre alt, doch nur sämtliche Kataloge aus den Fächern und machen ein Gespräch unmöglich. Tja, Papa, den nächsten Urlaub plane ich. Die perfekte Erholung für alle. Vielleicht wird es Urlaub auf einem Bauernhof? Oder eine Mischung aus Ferienwohnung und Hotelkomfort? Ein Hausboot? Ein kindgerechter Städtetrip? Aber auf jeden Fall eine Reise mit Kinderbetreuung.

Wo bist du, bunte Reisewelt?

Angekommen im Terminal Tango des Hamburger Flughafens, sind wir zunächst etwas geschockt. Draußen ist es sonnig bei annähernd minus zehn Grad. Drinnen fühlen wir die kühle Tristesse einer ausgemusterten Abflughalle statt der erwarteten herzwärmenden, bunten Reisewelt. Doch am Ende des Tages - das verrate ich schon einmal - wird Lotti es hier so toll finden, dass sie gar nicht mehr nach Hause möchte.

Jetzt ist es elf Uhr und noch nicht besonders viel los. Lotti drückt sich an mich, will weder laufen noch sprechen. Sie muss erst einmal auftauen. Und ich? Ich will Spaß haben. Ich will, dass vor allem Lotti Spaß hat. Also trage ich mein Kind zum ersten bunten Stand, den ich sehe. Hier werden lustige Tiere aus Luftballons gebastelt und Kinder geschminkt. Lotti liebt beides. Heute aber nicht. Der gut gelaunte und wie ein Löwe angemalte Mitarbeiter gibt alles. "Magst Du einen Hund haben?", fragt er. "Oh ja, einen Hund", flöte ich in Lottis Ohr. Lotti dreht das Gesicht weg. Der Löwe hält Lotti eine Luftballonblume hin. Sie greift blitzschnell zu und versteckt sich wieder hinter meinem Rücken. Später wird sie sich genau hier zum Schmetterling schminken lassen. Nur vom "Löwenmann". Nicht von der netten Blonden am Schminkstand an der anderen Seite der Halle.

Kinderprogramm rettet die gute Laune

Dann sieht Lotti die Hüpfburg. Hastenichtgesehen zieht sie die Schuhe aus und hüpft. Allerdings wird es nun mit dem Informieren schwierig, denn ich bekomme sie hier nicht mehr weg. Mit Mühe locke ich sie nach nebenan an den Stand des Puppentheaters, wo sie eine Handpuppenmaus bastelt. Erst mag sie nicht, dann entdeckt sie bei den Stoffkleidern für die Maus ein blaues Schottenmuster. Und die gute Laune ist gerettet.

Jetzt bin aber ich dran! Ich überrede das Kind zu einem Rundgang. Der fällt jedoch kurz aus, weil Lotti gleich wieder zur Hüpfburg will. Und zu den Riesenlegos und Sportgeräten, die es auf der Reisemesse gibt. Lottis neuer Freund, der "Hüpfburgmann", lacht: "Na, ihr seid ja schon wieder da!" Mittlerweile zum vierten Mal. Es ist nun schon fünfzehn Uhr und meine Reiseplanung ist null fortgeschritten. Lotti will nur spielen. Sonst eine Quasselstrippe, mag sie heute kaum sprechen. Selbst um die Mittagszeit hat mein sonst immer essbereites Kind den Hunger komplett ausgeblendet. Dabei gibt es hier ihr Lieblingsessen: Nudeln mit Bolognese- oder Tomatensoße. Weder Waffeln noch Crèpes können mein Schleckermaul locken. Für den Berliner Familienreisetag sind Snacks wie Würstchen, Frikadellen, Donuts und belegte Brötchen geplant.

Schade, dass es keinen Messekindergarten gibt

Ich sehe mich mittlerweile wieder in dem Häuschen auf den schottischen Hebriden. Schade, dass es keinen "Messekindergarten" gibt. Ich bitte den Mitarbeiter der Hüpfburg, kurz auf Lotti aufzupassen. Das Kind zu zähmen macht müde. Gern hätte ich mich mit einem alkoholfreien Cocktail in einen Liegestuhl gekuschelt oder es mir an einem Bistrotisch in einer Art Pariser Café mit einem Milchkaffee bequem gemacht. Leider gibt es nur lange Biertische, die schon besetzt sind von Eltern, die mit ihren Kindern dort sitzen und sich Reiseprospekte ansehen. Die Stimmung ist sehr unterschiedlich. Eine Mutter mag die Atmosphäre gar nicht. Ihre fünfjährige Tochter aber schon, sie sitzt bereits seit einer Stunde beim Kinderschminken. Eine andere Mutter schwärmt nach ihrem Rundgang, dass sie jetzt richtig Lust hat zu verreisen. Ihr Sohn ist acht Jahre alt und nicht zu sehen. Wahrscheinlich kickt er an der Torwand des Fußballvereins St.Pauli. In Berlin wird Hertha mit Maskottchen und Kickertisch dabei sein. Erst jetzt fällt mir auf: Für Kinder über fünf Jahre gibt es eigentlich wenig Vergnügungs-Angebote, wenn man von den riesigen Vier-gewinnt-Wänden und der Torwand absieht.

Zurück an der Hüpfburg erschrecke ich: Lotti ist weg. Ich kann sie nirgends entdecken und schlucke die aufkommende Panik herunter. Der Veranstaltungsort ist klein und überschaubar. Und da kommt sie mir auch schon entgegen - an der Hand ihres "Hüpfburgmanns". Beide haben mich gesucht, denn gleich beginnt der Zauberer mit seiner Show. Er hat einen etwas eigenartigen Zauberspruch: Die kleinen roten Bälle lassen sich nur wegzaubern, wenn alle "Schwuppdiewuppkartoffelsupp" sagen. Den Geschmack meiner Tochter hat er getroffen. Sie schaut wie hypnotisiert zu und erklärt am Abend: "Das war das Beste. Und Schminken."

Nach der Show muss Lotte aber mit Mama mit. Die Stände mit den Ferienhäuschen und Kreuzfahrten bieten uns nichts. Eine Hotelkette hat zwei sehr nette Mitarbeiterinnen hier. Während eine sofort liebevollst mein Kind ablenkt, komme ich meinem Traum etwas näher. Preislich ist es eher die Luxusvariante, dafür liegt die Ostsee quasi vor unserer Berliner Haustür.

Finanzierbarer Waffenstillstand

Wir ziehen weiter und ich verliere das Kind gleich an den nächsten Stand, wo Lotti unbedingt malen möchte. Die Betreuerin lacht: "Holen Sie sie doch einfach später wieder ab." Das Angebot nehme ich sofort an. Bei den großen Reiseanbietern mit den üblichen Cluburlauben halte ich mich nur kurz auf. Ein Reisebüro nimmt meine Wünsche auf und verspricht mir eine Email mit Angeboten. Die kommt auch eine knappe Woche später. Die Mitarbeiter haben das scheinbar einzige Hotel Schottlands mit Kinderbetreuung gefunden. Ich werde meinen Lieben einen halbwegs finanzierbaren Waffenstillstand anbieten: Wenn Schottland, dann eine Woche ins Hotel, eine ins Ferienhaus. Andererseits: Eine kleine deutsche Hotelkette bietet mein Ideal am Meer, für meinen Mann Golf und das auch noch klimaneutral mit Bio-Essen.

Als ich mit meiner Tochter vom "Familienreisetag" nach Hause komme, habe ich nicht die perfekte Urlaubsidee, aber ein paar gute Vorschläge. Nur den kindgerechten Städtetrip und den Urlaub auf dem Bauernhof muss ich wohl doch im Internet suchen. Und Lotti? Lotti hatte auf jeden Fall viel Spaß - und verteilt Mitbringsel an Papa und die kleine Schwester: Seifenblasen, Malbücher, Stifte und Schirmmützen. Unser Fazit: Der "Familienreisetag" ist einen Besuch wert.