Generation der 2012 Geborenen

"Das Bewusstsein wird wachsen, dass Geld und Luxus nicht alles sind"

Wie sieht die Zukunft der 2012 geborenen Kinder aus? Werden sie glücklich sein? Oder müssen sie bis an ihr Lebensende schuften, um uns Alte versorgen zu können? Anne Klesse sprach mit dem Sozialwissenschaftler Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Berliner Morgenpost: Wovon wird die Kindheit eines 2012 geborenen Babys geprägt sein?

Steffen Kröhnert: Kinder, die jetzt zur Welt kommen, werden wohl sehr umsorgt sein. Die Deutschen bekommen verhältnismäßig wenige Kinder, statistisch gesehen gerade mal 1,4 Kinder je Frau. Dadurch ist jede Kindergeneration ein Drittel kleiner als die der Eltern. Es gibt also viele Eltern und Großeltern, die sich um die wenigen Kinder kümmern können. Gleichzeitig steigt der Wohlstand und immer mehr Geld, Zeit und Aufmerksamkeit kommen den wenigen Kindern zugute. Ein 2012 geborenes Baby hat also - im Durchschnitt gesehen - sehr gute Ausgangsbedingungen.

Berliner Morgenpost: Wird es später einen Unterschied machen, ob das Kind in Ost- oder in Westdeutschland aufwächst?

Steffen Kröhnert: Für die berufliche Entwicklung und für die Lebensqualität dürfte das keinen großen Unterschied machen. Aber die Umgebung, in der ein Kind aufwächst, prägt natürlich. Im Osten gibt es schon heute deutlich weniger Jugendliche als im Westen, weil die Geburtenzahlen nach 1990 stark gesunken sind. Ein Kind im Osten wächst eher unter alten Menschen auf - vor allem außerhalb der Großstädte. Im Westen werden Kinder noch von mehr jungen Menschen umgeben sein. Weil jedes Jahr mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als einsteigen, werden die beruflichen Chancen prinzipiell gut sein. Das Kind dürfte später von den Arbeitgebern umworben werden und wird, bei guter Schulbildung, aus einer großen Palette an Berufen wählen können. Gerade für Mädchen wird die Auswahl noch deutlich vielfältiger sein als heute.

Berliner Morgenpost: Inwiefern wird es einen Unterschied machen, ob das Kind auf dem Land oder in der Großstadt lebt?

Steffen Kröhnert: Die Musik dürfte vorwiegend in den Metropolregionen und in den Städten spielen - der ländliche Raum verliert Bevölkerung. Deshalb werden sich wohl viele, die auf dem Land aufwachsen, als Jugendliche auf den Weg in die Städte machen - das Angebot an Arbeitsplätzen und Kultur ist dort einfach größer. Außerdem wird ein Land-Kind eher nur mit Deutschen aufwachsen. Ein Kind, das in einer Metropolregion in Westdeutschland oder in Berlin aufwächst, wird dagegen mit vielen unterschiedlichen Ethnien in Kontakt kommen. In den Großstädten wird mindestens die Hälfte der Kinder keinen deutschen Hintergrund haben.

Berliner Morgenpost: Bei den sogenannten Gastarbeiterfamilien ist mittlerweile die dritte Generation in dem Alter, selbst Kinder zu bekommen. Sie selbst wurden in Deutschland geboren, haben einen deutschen Pass, kennen das Herkunftsland ihrer Großeltern nur aus dem Urlaub. Über wie viele Generationen wird man noch von "ausländischer Herkunft" sprechen?

Steffen Kröhnert: Viele werden sich ganz normal integriert haben. Doch bei Migranten aus Ländern, deren Kultur sich stark von der deutschen unterscheidet, und bei denen mit niedrigem Bildungsstand können sich Gruppen auch in der vierten Generation noch deutlich von den Einheimischen unterscheiden - und etwa häufiger die Schule ohne Abschluss verlassen und arbeitslos sein. Die Schulen müssen es schaffen, allen Kindern die gleiche Bildung mitzugeben. Dann wird der Migrationshintergrund vielleicht in 30 Jahren keine Rolle mehr spielen.

Berliner Morgenpost: Mit welchen Herausforderungen werden es die 2012 Geborenen sonst zu tun haben?

Steffen Kröhnert: Wenn das heute geborene Kind 50 Jahre alt ist, wird Deutschland nur noch 70 Millionen Einwohner haben. Bei aller Umsorgtheit muss jeder einzelne dann viel leisten: Die steigende Zahl älterer Menschen muss finanziert und sie müssen gepflegt werden. Im Moment müssen statistisch gesehen 100 Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren für 34 Rentner sorgen - im Jahr 2060 wird die Zahl der Rentner doppelt so hoch sein. Dann müssen 100 Erwerbstätige für 68 alte Menschen sorgen.

Berliner Morgenpost: Das klingt nach einer großen Verantwortung...

Steffen Kröhnert: Ja, das ist es. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt werden gut sein und die Arbeitslosigkeit dürfte sinken. Aber solch ein Wohlstandswachstum, wie die Deutschen in der Vergangenheit hatten, wird dieses Kind wohl nicht erleben. Einen guten Teil dessen, was es als Erwachsener erarbeiten wird, braucht die Gesellschaft für die Versorgung der älteren Generation. Der individuelle Wohlstand wird also stagnieren oder gar sinken.

Berliner Morgenpost: Was für Erwachsene werden die 2012 Geborenen sein? Werden sie nur noch arbeiten, um die vielen Alten überhaupt durchfüttern zu können?

Steffen Kröhnert: Ich denke, sie werden trotzdem ihr Leben genießen. Sie werden viel arbeiten, doch andererseits wird das Bewusstsein dafür wachsen, dass Geld und Luxus nicht alles sind. Die heute Geborenen werden erkennen, dass noch mehr technische Geräte, bessere Autos, größere Häuser usw. nicht glücklicher machen. Der Wert von Zeit für die Familie, für Freunde und für Kultur wird steigen. Die Menschen werden in Zukunft vielleicht sogar auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, um sich solche Freizeit-Güter leisten zu können. Und sie werden ihr Leben lange genießen. Immerhin könnten 2012 geborene Mädchen eine Lebenserwartung von bis zu 100 Jahren haben, Jungen ein paar Jahre weniger.

Berliner Morgenpost: Wird die Generation der 2012 Geborenen das demografische Problem in Deutschland lösen können, wird sie mehr Kinder bekommen?

Steffen Kröhnert: Sie können es natürlich nicht lösen, das Thema wird sie begleiten. Sie werden dazu beitragen müssen, die gesellschaftlichen Lasten zu lindern, indem sie zu einem größeren Anteil erwerbstätig sind. Nach 2060 wird die große sogenannte Babyboomer-Generation, die von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre geboren wurde, verstorben sein. Wenn die heute Geborenen wieder mehr Kinder bekommen, etwa zwei pro Frau, dann könnte die Bevölkerungsstruktur im Jahr 2080 einigermaßen ausgewogen sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass weiter zu wenige Kinder geboren werden. In dem Fall brauchen wir mehr Zuwanderung. Deutschland wird in Zukunft ein sehr multikulturelles Land sein.

Berliner Morgenpost: Werden sich die Landflucht und die soziale Segregation, also die Trennung der sozialen Bevölkerungsschichten, verstärken? Werden die Babys von heute später alle in Ghettos leben?

Steffen Kröhnert: Ich vermute, dass es zu einer Konzentration von Bevölkerung in den Städten und Metropolregionen kommen wird. Ob und in welcher Weise es zu sozialer Segregation kommt, ist schwer prognostizierbar. Aber weil dann Arbeitskräfte knapp werden, stehen die Chancen für alle besser als heute. Auch für die Kinder derjenigen, die heute aufgrund finanzieller Not aus bestimmten Stadtvierteln nicht heraus kommen. Deshalb werden Städte in drei, vier, fünf Jahrzehnten vielleicht weniger segregiert sein als heute.