Andrea Fisser

Ein Hund für alle Fälle

Die Kostüm- und Bühnenbildnerin Andrea Fisser schreibt Kinderbücher - der Titelheld ist der neunjährige Mischling Paco Pecorino Popolino

Minus neun Grad, irgendwo im Tiergarten. Eisblauer Himmel, die Luft ist milchig und lichtdurchflutet zugleich. Als würde feiner Staub in einem sonnigen Zimmer tanzen. Der Wind, wie Nadelstiche. Ihn stört das nicht: Paco Pecorino Popolino. Der weiße Rüde, eine Mischung aus einem Labrador-Pointer und einer Dalmatiner-Hirtenhündin, wälzt sich im gefrorenen Gras, hält die Schnauze in die Sonne und jagt glücklich einem Was-auch-immer nach. Nur er kann es sehen. Dann dreht er sich um und irgendwie sieht es so aus, als würde er voller Begeisterung rufen: "Ist das nicht ein Traum hier?" Seine zwei Begleiterinnen nicken versonnen und inzwischen ziemlich verkühlt und denken zeitgleich so etwas wie: "Ja, aber zarte fünfzehn Grad wärmer wären auch nicht schlecht."

Neun Jahre alt ist Paco. Sein Vater Pecorino - eine kleine Berühmtheit. Pecorino ist der Hund des bekannten österreichischen Fotografen Toni Anzenberger. Er spielt in zahlreichen Fotobüchern die Hauptrolle, hat die ganze Welt gesehen. Ein Naturtalent vor der Kamera. Auch Paco ist inzwischen der Titelheld so manches Buches geworden. In gezeichneter Form allerdings. Zusammen mit seinem Frauchen Andrea Fisser, einer Kostüm- und Bühnenbildnerin, hat er es sich zur Aufgabe gemacht den Kleinen - und natürlich auch allen interessierten Grossen - die spannende und fantasievolle Welt der Oper und des Theaters näher zu bringen.

Antworten auf Kinderfragen

"Die Idee hinter diesen Büchern war es eigentlich, dass Eltern, die abends in die Oper oder ins Theater gehen, die neugierigen Fragen ihrer Kinder besser beantworten können: Wo wart ihr denn gestern? Was habt ihr gemacht", sagt Andrea Fisser (43). Und ein wenig seien ihre Bücher auch als vereinfachtes Programmheft für die Großen zu verstehen. "Schadet ja nichts, den Inhalt einer komplexen Oper auch mal kindgerecht heruntergebrochen in Händen zu halten", sagt die gebürtige Münchnerin, die schon seit dem Jahr 2000 in Berlin lebt. Durch die "Theaterstücke und Opern für Kinder" führt immer "Paco, der Theaterhund", der in diesem Moment aber von der Bühne gar nichts wissen will, sondern wie ein Edelmann über die knirschenden Grashalme stolziert. Sein eines schwarzes Auge sticht aus dem weißen Fell und der weißen Landschaft um ihn herum heraus. In den Kinderbüchern (unter anderem ist "Zar und Zimmermann" erschienen) ist er "Opernsänger von Beruf." Er zeigt die Arbeit hinter den Kulissen, erklärt, was eine Requisite ist und natürlich, wie das Bühnenbild entsteht und wer die prachtvollen Kostüme entwirft.

Leben hinter den Kulissen

In seinem Fall stammen die natürlich immer von Frauchen Andrea. Er begleitet sie zu all ihren Produktionen. Gerade hat sie am Stadttheater Ingolstadt "Eisenstein" ausgestattet, ihre inzwischen 60. Produktion. "Die Inszenierung war wie ein Geschenk, das war so toll", sagt die Kostüm- und Bühnenbildnerin, die ursprünglich mal Modedesign in Spanien studiert hat. "In meinem Beruf sind aber viele Quereinsteiger", sagt Andrea Fisser, die mit sieben Regisseuren regelmäßig zusammen arbeitet, immer wieder aber auch Aufträge von "Neuen" dazu bekommt.

Andrea Fisser, die im Übrigen auch malt und ihre Bilder unter anderem bereits in Paris ausgestellt hat, wird vor allem dann gebucht, wenn ein Theaterstück oder eine Operninszenierung pracht- und fantasievoll werden soll. "Ich liebe die Fantasie, die Märchenwelt. Rokoko und Barock sind für mich das Schönste - gern auch gemischt mit Comic oder Zirkustreiben. Deshalb bin ich damals auch in Berlin geblieben - Berlin ist wie eine große Bühne: prachtvoll, bunt, gemischt", sagt Andrea Fisser. Paco kommt angelaufen, Kopfbewegung und Schnauzenspiel lassen ein: "Hey, hey, hey - das ist super hier draußen mit Euch" vermuten. Ein Stubser ans Bein, kurze Kontaktaufnahme mit Frauchen, schon rennt er wieder los.

Damals, das war vor zwölf Jahren, stand Andrea Fisser auf der Oranienburger Straße. Eigentlich hatte sie nur einem Freund beim Umzug geholfen. Ihr Auto stand schon gepackt bereit, denn eigentlich wollte sie Berlin den Rücken kehren, es sollte weitergehen ins spanische San Sebastián. Doch wie sie da so stand, blickte sie sich noch einmal um: Dort unterhielt sich eine Gruppe türkischer Frauen, halbstarke Jungs versuchten möglichst unverkrampft lässig in der Gegend herum zu stehen, vor einem Hauseingang spielten Kinder lauthals Fangen und direkt vor ihr stand plötzlich eine "unfassbar große, tannenbaumgleich aufgetakelte Prostituierte mit riesigen Brüsten, zwischen denen meine Nase quasi steckte - und anstatt mich anzuranzen, dass ich nicht aufgepasst hatte, strahlte sie mich an und war unglaublich nett." Sie fühlte sich wie mitten in einer Opernszene, hätte jemand angefangen, eine Arie zu schmettern - es hätte Andrea Fisser nicht überrascht. Sie blieb.

2003 kam dann Paco in ihr Leben. Sein Start ins Diesseits war glamourös: "Der Toni Anzenberger hat lange nach der passenden Dame für seinen berühmten Pecorino gesucht. Da war er natürlich sehr, sehr wählerisch", erzählt Andrea Fisser. Irgendeine dahergelaufene Hundedame kam da natürlich nicht in Frage. So suchte er und suchte er. Und als sie, die Richtige, eins süße Dalmatiner-Hirtenhündin, dann endlich gefunden war, wurde für das Hundepaar eine Suite im teuersten Münchner Hotel gebucht. "Sie haben ewig gewartet, bis die beiden endlich auch wussten, was zu tun war", erzählt Andrea Fisser lachend. Sie wussten es dann irgendwann ganz offensichtlich, denn heute ist ja Paco da, einer von neun Geschwistern. Als Andrea Fisser, die immer Hunde hatte in ihrem Leben, das erste Foto von Paco sah, war es um sie geschehen. "Seitdem bin ich verliebt." Und Paco offensichtlich auch in sie. Treue Hundeaugen, die viel beschworenen, so also sehen sie aus.

Mit dem Hund durch die Stadt

Dieser Tage erscheint wieder ein Paco-Buch - aber diesmal hat der Mischling Theaterferien und zeigt seinen Lesern die Lieblingsorte in der Stadt, die er ebenso liebt, wie sein Frauchen. Paco spaziert zum Beispiel durch den Tiergarten, wo es im Sommer überall so herrlich nach Grillwüstchen riecht. In "Clärchens Ballhaus" in Kreuzberg lernt er eine französische Pudeldame kennen - nennen wir sie Claire... Die zwei besuchen auch das Open Air Kino auf dem Potsdamer Platz und stöbern durch den Flohmarkt am Mauerpark. Alles ganz liebevoll gezeichnet von Frauchen Andrea.

Doch auch die schönsten Ferien sind einmal vorbei und dann geht es wieder auf die Bühne. Ein Muss, für so einen echten Theaterhund. Denn es gibt ja noch viel zu tun. Viele Theaterstücke und Opern muss Paco noch erklären. Natürlich ist das nächste Buch schon in Planung: "Romeo und Julia". Da könnte ja auch die feine französische Pudeldame wieder eine Rolle spielen. Und ob das alles dann vielleicht mit einer Suite in einem Berliner Luxushotel endet, wie bei Papa Pecorino? "Wer weiß", lacht Andrea Fisser. Und Paco bellt. Das war wohl ein Ja.

Bestellung und Information unter: www.paco-der-theaterhund.de