Geburtshilfe

"Eltern sind so verzweifelt, dass sie Geld anbieten"

Die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes, Susanna Rinne-Wolf, über die Probleme ihres Berufsstandes

Foto: Christian Hahn

Immer mehr Geburtshelferinnen müssen ihren Beruf aufgeben. In Berlin finden Schwangere nur noch schwer eine Beleghebamme, also eine Hebamme, die sie ins Krankenhaus begleitet. Schuld ist die Berufshaftpflichtversicherung - und die Politik, die das Problem aussitzt. Mit der Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbandes, Susanna Rinne-Wolf, sprach Astrid Herbold.

Berliner Morgenpost: Vor knapp zwei Jahren sind Sie und Ihre Kolleginnen auf die Straße gegangen, um gegen die drastische Erhöhung Ihrer Berufshaftpflichtversicherung zu demonstrieren. Was ist seitdem passiert?

Susanna Rinne-Wolf : Die Haftpflichtversicherung ist gestiegen. Und sie wird dieses Jahr um weitere 15 Prozent steigen. Uns erwartet dann eine Prämie für die außerklinische Geburtshilfe und die Beleggeburtshilfe von 4242,35 Euro. Da das durchschnittliche Jahreseinkommen einer Hebamme bei nur 14 000 Euro liegt, können die meisten Kolleginnen diesen Versicherungsbeitrag nicht mehr stemmen.

Berliner Morgenpost: Warum ist die Einkommenssituation der freiberuflichen Hebammen denn so schlecht?

Susanna Rinne-Wolf Für die Hilfe bei einer Hausgeburt bekommt eine Hebamme zurzeit 548,80 Euro, in einem Geburtshaus sind wir bei 467,20 Euro. Und jetzt kommt der Knaller: Eine Beleghebamme in einer Klinik, die den gleichen Zeitaufwand hat, bekommt 237,87 Euro pro Geburt. Allein, um ihre Berufshaftpflicht zahlen zu können, muss eine Beleghebamme also rund 18 Geburten im Jahr betreuen. Unnötig zu erwähnen, dass ein Kaiserschnitt die Krankenkassen ein Vielfaches kostet.

Berliner Morgenpost: Sie verhandeln seit langem mit den Krankenkassen über höhere Honorare. Was ist dabei bislang heraus gekommen?

Susanna Rinne-Wolf Wir wollen 30 Prozent mehr Honorar. Die Krankenkassen haben uns jetzt zuletzt das großzügige Angebot von 1,98 Prozent mehr gemacht. Dass heißt, der Stundenlohn einer Hebamme würde von 7,50 auf 7,65 Euro steigen. Aber damit ist uns kein bisschen geholfen.

Berliner Morgenpost: Sie haben sich deshalb ans Gesundheitsministerium gewandt, haben die Politik aufgefordert, "die wohnortnahe Versorgung aller Frauen in Deutschland weiter zu gewährleisten". Etwa 300 000 Bürger haben eine entsprechende Petition unterschrieben. Wie hat die Politik reagiert?

Susanna Rinne-Wolf Eine unserer Forderungen war, dass aussagekräftige Zahlen erhoben werden. Damit wir wirklich Daten an der Hand haben, wie es mit der Versorgungssituation der Frauen aussieht und vor allem auch mit der Einkommenssituation der freiberuflichen Hebammen. Wir hatten zwar sehr realistische Hochschätzungen gemacht, aber die wurden seitens der Politik nicht anerkannt. Also haben wir die Bundesregierung aufgefordert, eine eigene Umfrage zu machen. Diese Studie ist dann auch beauftragt worden, allerdings mit großer Verzögerung, nämlich erst im Herbst 2011. Die Ergebnisse stehen immer noch aus, wir warten täglich darauf.

Berliner Morgenpost: Wenn die Studie endgültig beweist, dass eine Hebamme mit den aktuellen Honorarsätzen ihre Berufshaftpflicht nicht zahlen kann, was müsste seitens der Politik passieren, um die Situation zu entschärfen?

Susanna Rinne-Wolf Die Krankenkassen argumentieren zurzeit uns gegenüber, dass sie ans Beitragsstabilisierungsgesetz gebunden sind. Das Gesetz erlaubt nur kleinere Erhöhungen von Gebühren. Es gibt aber viele Beispiele in der Vergangenheit, bei denen dieses Beitragsstabilisierungsgesetz für einmalige große Anpassungen der Gebühren außer Kraft gesetzt wurde. Zuletzt war das bei den Ärzten der Fall. Aus unserer Sicht ist die Politik deshalb in der Pflicht, eine solche Ausnahme auch für Hebammen möglich zu machen.

Berliner Morgenpost: Haben die politischen Verzögerungen auch damit zu tun, dass zwischendurch der Gesundheitsminister gewechselt hat?

Susanna Rinne-Wolf Wir haben Herrn Bahr schon 2010 kennengelernt, als er noch Staatssekretär von Philipp Rösler war. Da haben wir ihm vor dem Reichstag im Rahmen einer großen Kundgebung einen riesigen Berg Unterschriften überreicht. Als er dann allerdings im Amt war und wir uns wieder bei ihm gemeldet haben, konnte er sich noch nicht einmal an uns erinnern. Was deprimierend, traurig und sehr bezeichnend ist.

Berliner Morgenpost: Selbst wenn die Politik 2012 endlich reagiert, kommt das für viele Hebammen zu spät: Tausende haben in den vergangenen Jahren ihren Beruf aufgegeben beziehungsweise betreuen keine Geburten mehr. Gibt es in Berlin bereits Versorgungsengpässe?

Susanna Rinne-Wolf Wir merken in der Tat einen dramatischen Rückgang. Nicht nur bei den Kolleginnen, die Hausgeburten betreuen, sondern auch bei denen, die als Beleghebammen arbeiten. Etliche Kolleginnen machen nur noch die Vor- und Nachsorge, viele andere sind ganz aus dem Beruf ausgestiegen. Wir kompensieren ja schon seit so vielen Jahren diese fürchterlich schlechten Arbeitsbedingungen durch Mehrarbeit, dass jetzt einfach nichts mehr möglich ist.

Berliner Morgenpost: Das Geburtshaus Pankow zum Beispiel bietet schon seit dem Jahr 2010 keine Geburtshilfe mehr an, nur Kurse zur Vor- und Nachsorge. Sind ab dem Sommer 2012 weitere Berliner Geburtshäuser von Schließung betroffen?

Susanna Rinne-Wolf Die anderen Geburtshäuser halten sich immer noch mit den Vor- und Nachsorgekursen über Wasser. Aber wenn Kolleginnen aufhören, dann finden sich nur noch selten Nachfolgerinnen, die auch die Geburtshilfe übernehmen.

Berliner Morgenpost: Was heißt das für die Familien? Sollte man dann jetzt am besten schon in den ersten Schwangerschaftswochen nach einer Hebamme suchen, die auch noch Geburten begleitet?

Susanna Rinne-Wolf Das ist in der Regel schon zu spät, da findet man niemanden mehr. Die Frauen sind zum Teil so verzweifelt, und wir müssen ihnen trotzdem absagen. Mittlerweile bieten uns manche Familien sogar schon Geld für die Haftpflichtversicherungsprämie an. Was natürlich nicht geht - auch weil es politisch ein völlig falsches Signal wäre! Wo soll das hinführen: Das würde die Geburtshilfe wahnsinnig elitär machen. Nur eine ganz bestimmte Bevölkerungsschicht könnte sich dann zukünftig noch die persönliche Betreuung durch eine Hebamme leisten. Wir fordern dagegen Hebammenhilfe für alle Frauen. Und einen würdevollen Start ins Leben für jedes Kind! Aber die Politik und die Krankenkassen wollen davon offenbar nichts hören. Die versuchen uns am langen Arm verhungern zu lassen.

Berliner Morgenpost: Wie geht es jetzt weiter? Werden Sie resignieren? Oder werden Sie weiter für Verbesserungen kämpfen?

Susanna Rinne-Wolf Die politischen Mittel sind sicher nicht ausgereizt - und wir sind auch weiterhin auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Es gibt zum Beispiel eine Faxaktion, da können Familien Briefe an ihre Krankenkassen oder an Politiker schicken. Der Druck ist bitter nötig: Am 30. November 2011 sind die Verhandlungen mit den Krankenkassen unterbrochen worden, seitdem haben die Kassen uns kein neues Angebot gemacht. Sie stellen sich einfach tot.

Infos zum Deutschen Hebammenverband unter hebammenverband.de

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