Online-Dating - Ein Selbstversuch

Mona hat die Wahl

Das erste Angebot kam nach exakt fünf Minuten. "Partyboy Carsten", 28, schickte nicht nur liebe Grüße an die unbekannte Frau, sondern auch gleich seine Mobilfunknummer. Dabei gab es von mir noch nicht mal ein Foto auf dem Portal, sondern nur die notwendigsten Daten: Nickname, Alter, Wohnort, Familienstand, Intention.

Alles war eindeutig definiert: "Ich suche nach: Beziehung" stand auf meinem Profil, dazu, dass ich Kinder habe - um eben solche Abenteurer wie den Partyboy aus Hamburg von vorneherein von einer Kontaktaufnahme abzuschrecken. Doch, wie ich in den nächsten Wochen erfuhr, spielen solche Angaben auf Flirtportalen im Netz nur eine nebensächliche Rolle. Dort herrschen eigene Regeln. Wer das Spiel mitspielt, kann die ganze Palette an großen Gefühlen erleben. Und das rein virtuell. Vorausgesetzt, er - beziehungsweise sie - lässt sich darauf ein.

Vier Wochen lang war ich als "Mona" auf verschiedenen Flirt- und Partnervermittlungsseiten unterwegs. So wie Millionen andere Menschen in Deutschland. Rund elf Millionen Singles zwischen 20 und 70 Jahren gibt es hierzulande, davon haben sieben Millionen bereits Online-Dating ausprobiert. Eingelassen habe ich mich voll. Männer: Solltet Ihr das lesen und sollte ich mit Euch gechattet haben, Ihr könnt sicher sein: Alles an mir war echt - nur der Name nicht. Ich habe aufrichtig gesucht, die Angaben zu meiner Person waren fehlerfrei (was bei Euch nicht immer der Fall war) und der Grund für mein Ausloggen auch. Und der heißt: Liebe gefunden. Doch der Reihe nach.

Post von Bussybaer

"Partyboy Carsten" also. Er blieb nicht lang allein. Auch "Virgin Thomas" morste Interesse. 35 Jahre alt, wollte er nicht auf Partys gehen, sondern war auf der Suche nach einer kleinen Familie. Per Mausklick. Ich musste lachen. Mittlerweile scheint Thomas den gewünschten Anschluss übrigens gefunden zu haben, zumindest hat er auf seinem Profil seinen Status auf "in einer festen Beziehung" geändert. Das muss aber kein Grund sein, das Flirt-Portal zu verlassen. Es kann auch ein Grund sein, es überhaupt erst zu betreten. So ist es zumindest bei "Adventure". Sein Nickname ist Programm: Er ist auf der Suche nach einem Seitensprung. Warum allerdings mit mir? Und was wollten Bussybaer, Pillepalle, Schnuffel739 und Diegowellblech von mir? Machte ich mit meinem Profil einen so schlechten Eindruck, dass diese Männer ernsthaft glaubten, mit solchen Nicks bei mir landen zu können? Immerhin wusste ich dank der Pseudonyme bei dieser Singlebörse schnell, woran ich war - anders als auf anderen Portalen, wo die Flirtwilligen statt mit einem selbst gewählten Nickname mit einem vom Betreiber zugeteilten Kürzel erscheinen.

Schnell wurde mir klar: Online-Dating ist nichts für zimperliche Gemüter. Wer glaubt, aus sicherer Entfernung seinen Marktwert testen und entspannt das Angebot checken zu können, wird schnell eines Besseren belehrt. Dafür sorgt schon die Rubrik "Neuzugänge". Ich nenne ihre Nutzung "die Frischfleisch-Taste drücken". Diese Funktion wird von Usern, die schon mehrere erfolglose Schleifen im Netz gedreht haben, gern in Anspruch genommen. Schließlich könnte eine der "Neuen" endlich die Passende sein, und wer sie zuerst anklickt, hat möglicherweise den entscheidenden Vorsprung.

Doch wie mit all diesen Anfragen umgehen? Ich begann, gewissenhaft die Profile derer zu lesen, die mir eine Nachricht hinterlassen oder mich - mittlerweile mit Foto im Netz - auch nur angeklickt hatten. Je nachdem, wie mir die Männer gefielen, signalisierte ich Interesse, stellte provokative Gegenfragen oder gab mir Mühe, möglichst charmante Absagen zu verfassen. Schließlich würde ich ja einem Menschen, der mich im Bus oder an der Bar grüßt, auch nicht ohne Umschweife ins Gesicht sagen, dass ich ihn daneben finde. Etwas Stil muss schon sein.

Diese Einstellung ist allerdings nicht verbreitet im Netz. Als ich selbst begann Kontakt aufzunehmen, wurde ich teilweise übel abserviert. "Und Tschüss!" war da schon die nette und ausführliche Version - einfacher und üblich ist es, den anderen schlichtweg zu ignorieren oder gleich per Klick zu blocken. Und ich gebe zu, dass ich nach drei Tagen Online-Flirt auch manchmal nahe dran war, kurzum den Stecker zu ziehen. Als besonders nervig empfand ich, von Männern "angestupst" zu werden. Das ist die Spar-Variante. Diese Männer zahlen nicht für eine Mitgliedschaft und machen sich auch nicht die Mühe, eine Botschaft zu verfassen. Das "Stupsen" ist quasi ein Schubs in die Rippen oder auch ein angeberisches "Hey, guck mal, hier bin ich! Bin ich nicht unwiderstehlich?" Diese Männer posieren auf ihren Fotos gern mit Motorrädern, Segelbooten oder nacktem, tätowiertem Oberkörper.

Eines Tages jedoch konnte ich einer solchen Offerte nicht widerstehen. "Hungry99" sah einfach zu lecker aus und seine offenherzige Pose passte so gar nicht zu den eher bodenständigen Eigenschaften, die er in seinem Profil beschrieb. Das machte mich neugierig. Es entwickelte sich ein Briefwechsel. In der Tat: Als Draufgänger entpuppte sich der Mann nicht, sondern als Vermeider. Allen Küssen und Andeutungen zum Trotz, die er mir sandte, kam es nie zu einem Date. "Hallo Mona", hieß es da. "Das sind ja schlüpfrige Bemerkungen von Dir." (???) "Ich dachte Du wärst mir zu bieder, grins! Ja ich freu mich auch schon auf unser Zusammentreffen." Auf konkrete Terminvorschläge gab es jedoch nie eine Antwort, und Fragen beantwortete der sexy Strandläufer (Echtes Foto?, fragte ich mich mittlerweile) grundsätzlich mit Gegenfragen. Da kam "Martialer" ganz anders zur Sache. Zwei Mails, und schon wähnte er sich mit mir bei Kerzenschein und Rotwein in der Badewanne. Ich gebe zu: eine verlockende Vorstellung. Zumal er auf seinem Foto einen kernigen Eindruck machte. Und schreiben konnte er... Vom scheuen Reh kamen wir zu den wilden Raubtieren und trieben es virtuell auf der nächstbesten Lichtung. Doch immer mit Niveau - wortgewandt, schlagfertig, doppeldeutig. Der Mann hatte eben nicht nur Triebe, sondern auch Köpfchen. Doch seine unterschwellige Selbstironie verflüchtigte sich von Tag zu Tag, er wurde launisch und aggressiv. Langsam verstand ich seinen Nickname. Schade. Aber wir schafften es, uns anständig zu verabschieden. Bye Bye.

Die Online-Flirterei ging auch im wahren Leben nicht spurlos an mir vorüber. Ich ertappte mich dabei, die Männer in der Fußgängerzone mit anderen Augen zu betrachten. Ob er vielleicht auch...? Kenne ich den nicht...? Wäre es nicht toll, den heute Abend auf dem Portal...? Mittlerweile war ich morgens und abends zwei Stunden online, checkte mehrfach zwischendurch mein Postfach. Doch so gern ich mich mit den flirrenden Mails von Johnny, Tommy und Harry beschäftigte - des Nachts kamen mir Bedenken. Unbewusst. Ich träumte davon, entführt zu werden. Nicht von einem Prinzen auf einem Schimmel, sondern von üblen, schwarz maskierten Typen. Von ungefähr kam das nicht. Immer wieder verschwanden einzelne meiner Kontakte vom Portal - "Profil gelöscht" heißt es dann. Das kann bedeuten, dass der Kerl einfach nur sein Abo gekündigt hat. Manchmal gab es aber auch einen Vermerk: "Gelöscht wegen Spam-Verdachts" oder "Gelöscht wegen Verstoßes gegen die Richtlinien." Mit wem hatte ich mich da eingelassen? Hatte ich etwas Verfängliches preisgegeben? Auch die Männer, die immer wieder auf mein Profil kamen, ohne Nachrichten zu hinterlassen, waren mir unangenehm. Genauso wie die, die rumjammerten oder pöbelten, wenn sie eine Abfuhr erhielten.

Wie ich schon sagte: Auch Online-Dates können zusetzen. Ganz abgesehen davon, dass das scheinbar endlose Angebot an potenziellen Partnern die eigenen Ansprüche ins Unermessliche steigen lässt. Albernes Foto, peinlicher Lieblingsort, falsches Sternzeichen: Weg mit ihm, zurück in den Orkus! Irgendwo muss doch Mr. Perfect sein! Stell' ich mal meine Suchmaske neu ein und organisier' mir eine neue Trefferliste... Zu viel Online-Flirterei, scheint mir, verdirbt den Charakter.

Es wurde Zeit, aus der virtuellen Welt aufzutauchen. Das passierte unverhofft. Der Mann nannte sich Little Feat. Er kam auf mein Profil. Wir mailten drei Mal hin und her. Dabei stellte sich heraus: Das World Wide Web haben wir gar nicht nötig. Wir arbeiten in demselben Haus. Hätten uns also schon längst im Aufzug treffen können. Was wir auch taten - zufällig, auf dem Weg zu unserer spontanen Verabredung im Coffee Shop. Was soll ich sagen? Der Blitz schlug ein. So bekam ich mein Happy End. Und Mona ist jetzt offline. Danke, Männer, für die aufregende Zeit.

*Name der Autorin ist der Redaktion bekannt