Urzeitkrebse züchten

Die Sache mit den Haustieren aus der Tüte

Die Reise in dem überhitzten polnischen Nahverkehrszug hat ihnen nicht gut getan. Träge treiben sie im Wasser, als ich die Flasche im Hotelzimmer aus der Tasche packe. Sie sehen traurig aus. Zu Hause haben sie mit ihrer Vitalität angesteckt. Jetzt schäme ich mich. Dabei hatte alles so schön angefangen.

Meine drei Kinder, zwischen sechs und acht Jahren alt, wollten Urzeitkrebse züchten, jene ursprünglich in den nordamerikanischen Salzseen beheimateten Tierchen, deren Eier nur ein bisschen Salz und Wasser brauchen, um zu schlüpfen und zu gedeihen. Artemia Salina ist ihr wissenschaftlicher Name. Die sogenannten Sea Monkeys, die seit 1960 als "Instant-Haustier" vertrieben werden, sind eine besondere Zucht von Artemia. Gezüchtet hatte sie ein gewisser Harold von Braunhut. Der 2003 in Maryland verstorbene Braunhut stand unter dem dringenden Verdacht, ein Rassist zu sein, der mit seinem Geld auch den KuKluxKlan unterstützte. Als ich klein war, wusste ich das nicht. Da hatte ich mir einfach Sea Monkeys gewünscht. Damals glaubte ich an die Zeichnungen, mit denen in Comics für die Eier von Urzeitkrebsen geworben wurde. Winzige Fabelwesen waren da zu sehen, Frauen, Männer und Kinder, die ich zum Leben erwecken könnte. Ich müsste nur an eine bestimmte Adresse fünf Mark schicken, dann bekäme ich die Zutaten für meine eigene Unterwasser-Märchenwelt.

Ich durfte das nicht. Und als es Yps-Hefte mit Urzeitkrebs-Gimmicks gab, hatte ich einen kleinen Bruder und brauchte keine Haustiere mehr. Vergessen habe ich die Urzeitkrebse nie. Und als ich irgendwann anfing, mich mit ihnen näher zu beschäftigen, faszinierten sie mich immer mehr.

Älter als die Dinosaurier

Seit mehr als 100 Millionen Jahren leben sie auf der Erde. Sie waren schon vor den Dinosauriern da. Sie haben Meteoriteneinschläge überlebt und Eiszeiten. Sie sind Überlebenskünstler, etwas ganz Besonderes. Ich fand es gut, dass meine Kinder das auch erfahren. Sie wollten beobachten, wie neues Leben entsteht. Sie wollten sich um kleine Wesen kümmern.

Sie haben alles richtig gemacht, mit Zutaten aus einer Zoohandlung. Für rund 20 Euro gibt es dort Sets mit Eiern, Salz, Futter und Anleitung. Meine Kinder haben ein Gefäß gewählt, in dem die Tiere genug Platz hatten. Sie haben ein salziges Milieu geschaffen. Sie haben für optimale Licht- und Temperaturverhältnisse gesorgt, täglich das Wasser umgerührt, damit die Tiere genügend Sauerstoff bekommen. Bisweilen beglückten wir die Wesen mit einem Sauerstoffstein. Wir mussten nicht lange warten, bis sich etwa tat hinter dem Glas. Die Kinder waren so begeistert, als die ersten Tiere schlüpften, registrierten jeden Tag, wie sie größer wurden, betrachteten mit Lupen, wie sie sich ernährten, indem sie mit raschen Bewegungen Algen aus dem Wasser filterten - und konnten es nicht fassen, dass die Tiere sich bald paarten und Nachwuchs produzierten.

Während sich Kinder an der Lebendigkeit der Urzeitkrebse erfreuen, eröffnen die kleinen Lebewesen der Wissenschaft unerschlossene Forschungsgebiete. Die Urzeitkrebse geben den Menschen Rätsel auf. Die betreffen vor allem die Fähigkeit der Embryonen, Jahrzehnte in Trockenheit zu überleben und dann unversehrt aus den Eiern zu schlüpfen, sobald sie wieder im Salzwasser sind. Wir wissen, dass die besondere glasartige Eischale dabei eine entscheidende Rolle spielen muss. Wir wissen nicht genau, wie sie diese Schale hinbekommen.

Die Biologin Thorid Zierold vom Chemnitzer Museum für Naturkunde züchtet "Triops cancriformis" für einen ganz besonderen Überlebenstest. 3500 Eier aus ihrem Labor wurden vor einem halben Jahr auf die Internationale Raumstation ISS gebracht. Hier soll geprüft werden, ob sie Weltraumkälte und kosmische Strahlung verkraften. Thorid Zierold weiß, dass der Krebs Versteckmöglichkeiten braucht und empfiehlt für die Heimzucht, handtellergroße Steine ins Becken zu legen. Zur Eiablage sollte man einen Plastikbehälter von etwa acht Zentimeter Höhe ins Becken stellen. "Ich habe dazu eine Wasserflasche abgeschnitten", sagt sie. "Den Behälter habe ich mit Sand gefüllt und in das Becken gestellt, nahe der Frontscheibe, dann kann ich besser beobachten was geschieht. Triops schwimmt auf dieses Sandbecken zur Eiablage. Die Tiere graben im Sand eine Bucht, legen ihre Eier darin ab und anschließend graben sie die Bucht wieder zu." Sie weiß, wie man es richtig macht. Und auch wenn sich die Embryonen im Weltraum nicht unbedingt wohl fühlen werden - es ist für wissenschaftliche Zwecke.

Die Art, wie die kleinen Tiere in Kinderzimmern gehalten und vielfach vergessen werden, ist dagegen fragwürdig. Ich bremse nicht für Fliegen. Und wenn mich eine Mücke stechen will, dann schlage ich zu. Aber es tut mir leid, wenn ich versehentlich eine Spinne mit dem Staubsauger erwische. Wenn im Sommer eine Wespe in Cola zappelt, dann fische ich sie heraus und hoffe, dass sie sich wieder berappelt. Auch wenn ihr Schmerzempfinden vermutlich nicht vergleichbar ist mit unserem und auch wenn sie nicht quieken und kreischen - auch sie, da bin ich mir sicher, erleben Stress und haben Angst.

Urzeitkrebse als Lebendfutter

Dass es sich einfach nicht gehört, zwei "Sea Monkeys", wie in den USA geschehen, in speziellen Armbanduhren einzusperren, wo sie nach 24 Stunden sterben, versteht sich von selbst. Dass es wichtig ist, Urzeitkrebse, deren Eier in Experimentierkästen in Spielwarenabteilungen verkauft werden, mit besonderer Sorgfalt aufzuziehen, daran muss man manches Kind erst erinnern.

Unseren Urzeitkrebsen ging es offenbar zu gut. Sie liebten das Leben. In ständig neuen Paarformationen tanzten sie durchs Wasser und produzierten Nachwuchs. Es war entzückend. Es wurden immer mehr. Die ersten leisen Bedenken wurden einfach verdrängt. Wir besorgten ihnen ein größeres Gefäß, staunten und lächelten. "Guckt mal! Da sind wieder kleine!" Wie schön. Bis sie irgendwann einfach vor uns stand, die Frage: Was machen wir mit ihnen? Selbst wenn wir unsere Badewanne in ein Urzeitkrebsbecken verwandeln würden - irgendwann wäre auch die zu klein. Und wollen wir überhaupt bis zum Ende unserer Tage mit Urzeitkrebsen unser Haus teilen? Wir mussten eine Entscheidung treffen. Sollten wir sie einschläfern lassen? Ins Klo kippen? So wie es ein Bekannter versehentlich getan hat, als er nicht wusste, dass seine Tochter in dem kleinen Becken auf dem Fensterbrett eine Krebszucht aus einem Experimentierkasten angesetzt hatte. Oder sollten wir die Tiere etwa Raubfischen zum Fraß vorwerfen? Das alles kam nicht in Frage. Aber was sollten wir tun?

Mittlerweile weiß ich, dass es natürlichere Methoden gibt, die Zucht zu beenden. "Wer sie nicht als Lebendfutter in ein Aquarium schütten will", sagt der Biologe Ralph O. Schill von der Universität Stuttgart, "sollte warten, bis sie von alleine sterben." Urzeitkrebse haben eine natürliche Lebenserwartung von zwei bis drei Monaten. "In dieser Zeit legen sie zwei verschiedene Arten von Eiern: Eier, aus denen nach kurzer Zeit Jungtiere schlüpfen, und Eier, aus denen erst zu einem späteren Zeitpunkt, dann, wenn die Lebensbedingungen besser sind, Tiere schlüpfen. Gibt man den Krebsen weniger Futter, legen sie vor allem Dauereier." Wenn die erwachsenen Tiere gestorben sind, lassen sich die Dauereier austrocknen. Jahre später kann man mit ihnen wieder eine Zucht ansetzen.

Ich habe das damals nicht gewusst, als ich mit der Flasche voller trauriger Urzeitkrebse an der Ostsee stand. Ich wollte den Tieren die Freiheit geben, sie im Salzwasser aussetzen. Als ich sie ins kalte Wasser gekippt habe, hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen.