Interview

"Erkenntnisse über Urzeitkrebse könnten der Biomedizin nützen"

Ralph O. Schill vom Biologischen Institut der Universität Stuttgart erforscht seit Jahren Organismen, die trotz extremer Trockenheit überleben können. Mit ihm sprach Claudia Becker.

Berliner Morgenpost: Wann hatten Sie Ihre erste Begegnung mit Urzeitkrebsen?

Ralph O. Schill: Da war ich noch ein Kind und ein größerer Junge hatte mir von den sogenannten Sea-Monkey-Eiern als Gimmick im Yps-Heft erzählt. Das wären kleine Äffchen, die springen von Lampe zu Lampe und abends kann man die mit ins Bett nehmen. Ich wollte die unbedingt haben. Als meine Eltern schließlich nachgegeben haben und mir die Zucht erlaubten, entwickelten sich in dem Wasser keine Äffchen, sondern hüpfende Punkte. Das war meine erste und größte naturwissenschaftliche Enttäuschung...

Berliner Morgenpost: Jetzt beschäftigen Sie sich als Biologe mit Urzeitkrebsen. Was ist denn für einen Forscher das Faszinierende an den Tieren?

Ralph O. Schill: An ihnen erkennt man ein Naturphänomen, das der Wissenschaft noch viele Rätsel aufgibt. Die Eier der Urzeitkrebse können selbst in Wasser ohne Sauerstoff zwölf Jahre überleben. Im ausgetrockneten Zustand überleben sie Jahrzehnte.

Berliner Morgenpost: Welche Mechanismen laufen da ab, dass eine Zelle eintrocknen und dabei Jahrzehnte so unbeschadet überleben kann, dass sie wieder lebendig wird?

Ralph O. Schill: Die Beantwortung dieser Frage kann für die Biomedizin von großer Bedeutung sein, insbesondere für die Organtransplantation. Wissenschaftler arbeiten seit Jahren daran, Organe länger haltbar zu machen. Auch für die Lebensmittelindustrie wäre es von großem Nutzen, mehr über die Überlebensstrategien der Urzeitkrebse zu erfahren. Bier, Joghurt, Gebäck - überall werden gefriergetrocknete Mikroorganismen verwendet. Mit neuen Erkenntnissen über Urzeitkrebse könnten auch die Überlebensraten der Mikroorganismen deutlich verbessert werden.

Berliner Morgenpost: Sie forschen vor allem mit Urzeitkrebsen der Gattung Triops. Die werden ebenso wie die Salzwasserkrebse Artemia in vielen Familien zu Hause gezüchtet - sicher nicht immer artgerecht. Empfinden Urzeitkrebse Schmerz?

Ralph O. Schill: Darüber gibt es noch keine Untersuchungen. Aber sie haben natürlich Nerven. Sie haben auch Augen und Temperatursensoren. Vermutlich empfinden sie auch Schmerz. Das ist aber sicher nicht vergleichbar mit unserem Schmerzempfinden. Dabei muss man auch bedenken, dass die Pfützen, in denen die Krebse in freier Natur vorkommen, sehr extreme Lebensräume sind. Dort leben sie zu Millionen auf engstem Raum. Die Krebse haben sich sehr gut angepasst und können auch Temperaturschwankungen bis über 30 Grad Celsius vertragen.

Berliner Morgenpost: Aber wenn Kinder zu Hause die Tiere in Glasgefäßen züchten, wird das Wasser an einem sonnigen Platz auch mal wärmer...

Ralph O. Schill: Dann kann es umkippen und die Tiere sterben. Das geschieht auch dann, wenn sie zu viel Futter bekommen.

Berliner Morgenpost: Sollten Kinder überhaupt Urzeitkrebse züchten? Ist das nicht Tierquälerei?

Ralph O. Schill: Wenn Eltern oder auch Lehrer die Zucht begleiten und dafür sorgen, dass die Tiere gut gehalten werden, dann ist das eine Möglichkeit, faszinierende Organismen zu beobachten, von denen man sehr viel über das Thema Leben lernen kann.