Interview

Das An und Aus in der Liebe

Die Paartherapeutin Vera ;att über Menschen, die nicht mit- und nicht ohne einander können

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Haben Paare, die sich ständig trennen und wieder versöhnen ein Problem mit dem Alleinsein? Und haben solche On-Off-Beziehungen überhaupt eine langfristige Chance? Darüber sprach Beatrix Fricke mit der Berliner Paartherapeutin Vera Matt. Berliner Morgenpost: Zusammen, getrennt, wieder zusammen, wieder getrennt: Wohl jeder kennt solche Paare, die offenbar nicht zusammen können, aber auch nicht ohne einander. Wie kommt es zu einer solchen Dynamik?

Vera Matt: Jede Beziehung pendelt zwischen den Polen Nähe und Distanz. Das heißt, die Partner bewegen sich aufeinander zu, dann wieder voneinander weg. In einer gesunden Beziehung passiert das in einem übersichtlichen Rahmen. In einer On-Off-Beziehung wird das normale Maß überschritten. Häufig geschieht das, wenn sich die Partner nicht auf Augenhöhe begegnen.

Berliner Morgenpost: Was meinen Sie damit?

Vera Matt: Das heißt, dass einer unterlegen, der andere überlegen ist. Der Unterlegene klammert. Der Überlegene sucht die Distanz. Der Unterlegene rückt nach. Der Überlegene rückt noch weiter ab. Dann wird es selbst ihm zu viel, er rückt zurück. So entsteht das, was ich die On-Off-Energie nenne.

Berliner Morgenpost: Woher kommt dieses Verhalten?

Vera Matt: Das fädelt sich oft schon in der Kennenlernphase ein. Dann nämlich, wenn sich die Frau oder der Mann maskieren. Ein Beispiel: Die Frau trinkt plötzlich Bier, nur weil der Mann es tut. Oder der Mann geht mit der Frau shoppen, obwohl er es hasst. Dann wird es schief. Auf diese Weise verbiegt oder verleugnet man sich, und das geht auf Dauer nie gut. Ich schaue immer danach, ob die Menschen in der Kennenlernphase authentisch waren oder sich in eine Projektion verliebt haben.

Berliner Morgenpost: Aber ist es nicht ganz normal, in einer Beziehung auf den anderen einzugehen, sich auch ein Stück weit anzupassen?

Vera Matt: Ja, gerade in der Kennenlernphase. Der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch hat etwas Spannendes herausgefunden. Wenn Menschen sich verlieben, sind die Hirnareale aktiv, die zuständig sind für symbiotische Beziehungen, also die Verschmelzung. Gleichzeitig sind diese Areale aber auch zuständig für die Selbstdifferenzierung, also die Frage: Wer bin ich eigentlich? Das finde ich völlig paradox. Und man kann sagen, dass hier schon der Keim liegt für das konfliktreiche Thema "Balance zwischen Nähe und Distanz".

Berliner Morgenpost: Welches sind denn die typischen Merkmale von Menschen, die in eine On-Off-Beziehung rutschen?

Vera Matt: Die Sehnsüchte dieser Menschen sind ganz verschieden. Manche wollen ihren Selbst- und Marktwert testen - so nach dem Motto: Bin ich so attraktiv, dass ich meinen Ex zurückbekomme? Auch verletzter Stolz kann eine Rolle spielen oder die Angst vor dem Alleinsein. Manche finden auch eine normale Beziehung schlichtweg zu langweilig. Oft mischt sich alles. Es hat aber nicht zwingend einen Krankheitswert.

Berliner Morgenpost: Kommen sich die Partner denn in jeder Neuauflage der Beziehung ein Stück näher?

Vera Matt: Das kommt drauf an. Wenn die Partner aus Angst vor Einsamkeit wieder zusammen kommen oder weil das Umfeld Druck macht, stehen die Chancen schlecht. Auch wenn man den Partner erziehen will und ihm immer wieder seine Fehler vorhält, klappt es natürlich kaum mit dem Neustart. Wenn die beiden gemeinsame Ziele für die Zukunft wiederentdecken oder neue entwickeln, sieht es dagegen gut aus. Eine stabile Basis können auch gemeinsame Hobbies oder Erinnerungen sein, die stärker sind als der aktuelle Konflikt. Über allem steht natürlich ein achtsamer Umgang miteinander.

Berliner Morgenpost: Welche Auswege gibt es für die Paare, die sich in einer On-Off-Spirale wiederfinden?

Vera Matt: Ganz wesentlich ist, raus aus der Schuldfrage zu kommen. Jeder sollte in Ruhe an sich arbeiten und beide gemeinsam an ihrer Beziehung. Ich erlebe übrigens eine zunehmende Bereitschaft dazu. Früher fragten mich meine Klienten nach Tricks, wie sie ihre oder ihren Ex zurückbekommen können, gingen in ihrer Verzweiflung vielleicht sogar zum Wahrsager. Aber das ist natürlich keine Lösung. Langfristig hilft nur: den Schmerz zulassen, sich selbst beruhigen und trösten, die Verantwortung für sich selbst erkennen und wahrnehmen, sich selbst hinterfragen. Ich finde übrigens, dass man im Schulunterricht ruhig auch über die Grundpfeiler von der Partnerschaft und Beziehungsarbeit sprechen sollte - nicht nur über Aufklärung.

Berliner Morgenpost: Gerade unter Promi-Paaren gibt es viele, die sich immer wieder trennen und dann doch wieder zusammen kommen. Wie lässt sich das erklären?

Vera Matt: Prominente dürfen oft nicht das sein, was sie sind, sondern spielen permanent eine Rolle. Hinzu kommt: Sie leben wie auf einer Insel. Da gibt es halt nicht so viele Möglichkeiten. Schlussendlich sind da auch die Medien, die ständig vermitteln: "Ihr seid das Traumpaar." Daraus entwickelt sich leicht eine große Angst, dass man als einzelner gar nicht existiert. Dass man nicht mehr weiß, wer man ist, wenn man übrig bleibt.

Berliner Morgenpost: Wie sollte sich eigentlich das Umfeld gegenüber einem On-Off-Pärchen verhalten?

Vera Matt: Das ist eine heikle Frage. Ich beantworte sie, indem ich an das Schema von Märchen erinnere. Da gibt es immer einen Täter, ein Opfer und einen Retter. Das Opfer ist gern die Prinzessin, der Täter ein Drache oder eine Hexe. Und der Retter ist natürlich der überlegene Königssohn. Er weiß vermeintlich alles, übernimmt Verantwortung, ist überlegen und rettet schließlich das ganze Königreich. In diese Rolle kommt man leicht, wenn man seine Freundin oder seinen Freund tröstet. Aber das ist gefährlich und kontraproduktiv. Man sollte dem Ratsuchenden Raum geben, aber ihn weder retten noch strafen wollen noch ins Mitleid gehen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Berliner Morgenpost: Wie erkennt man, dass es endgültig an der Zeit ist, sich vom Traum von einem Happy End zu verabschieden und einen Schlussstrich zu ziehen?

Vera Matt: Jeder Mensch hat das Bedürfnis, Kapitel zu schließen. Aber man weiß nie, ob man alles versucht hat. Außerdem erkennt man oft schlecht, dass eine Beziehung nur noch destruktiv ist, weil man viel ausblendet - aus Angst vor dem Alleinsein zum Beispiel oder der Trauer um liebgewonnene Rituale, etwa den Kaffee ans Bett. Wer zweifelt, dem rate ich dazu, einen Nachruf auf sich selbst zu schreiben. Darin sollte stehen, wer man ist, was man will, wofür man zu sterben bereit wäre. Darüber kann man sich klarmachen, dass man als Individuum allein ist - und dennoch viel bewirken kann. Erst wenn man mit beiden Beinen auf der Erde steht, hat man die Hände frei und kann ein guter Partner sein.