Serie "Schule"

Unterricht im eigenen Unternehmen

Jugendliche der Paul-Löbe-Schule können das Berufsleben in zwölf Schülerfirmen proben

Foto: David Heerde

Wenn die Schüler der Paul-Löbe-Schule ein neues Heft oder einen Block brauchen, müssen sie nicht erst in ein Schreibwarengeschäft laufen, sondern nur ins Erdgeschoss der Schule. Das ist nicht nur praktischer, sondern auch billiger. In der Firma "Paper & Co" bekommen sie das Material fast zum Einkaufspreis. Möglich ist das, weil sie in einem Unternehmen einkaufen, das die Schüler selbst gegründet haben und betreiben. "Paper & Co" ist nur eine von zwölf Schülerfirmen, in denen die knapp 400 Jugendlichen der Reinickendorfer Sekundarschule an der Lindauer Allee mit der Arbeitswelt in Berührung kommen. Die Firmen sind Bestandteil eines ganz besonderen Konzepts für das Duale Lernen - also den Unterricht, in dem schulisches und praktisches Lernen miteinander verbunden werden. Der Arbeitslehre-Unterricht für die Klassen 7 und 8, heute kurz WAT (Wirtschaft, Arbeit, Technik) genannt, findet in den Holz-, Metall- und Textilwerkstätten sowie in der Küche statt. In den Klassenstufen 9 und 10 sind sie soweit, dass sie praxisorientiert in den verschiedenen Schülerfirmen mitarbeiten können. So können sie zum Beispiel in "Pauls Bikestore" Fahrräder reparieren, in "Löbes Foto Factory" Bewerbungsfotos machen und in der Firma "Möbel & Design" Musikinstrumente, wie Trommeln, herstellen. Die Schüler der "Malerei Löbe Art" haben schon Hausfassaden, Kitawänden und Garagentoren einen bunten Anstrich verpasst.

Jeden Freitag in die Firma

Alles fing damit an, dass eigentlich nur das Fach Arbeitslehre umgestaltet werden sollte. "Doch dann hat es zufällig einen ,Tag der Schülerfirmen' an der IHK gegeben, den die Lehrer der Paul-Löbe-Schule besucht haben", erzählt Schulleiterin Karin Wecker. Die Idee sei so überzeugend gewesen, dass kurz darauf die ersten Arbeitsgemeinschaften, zum Beispiel die Foto-AG, in Firmen umgewandelt wurden. Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Heute sind die "Mitarbeiter" jeden Freitag drei Stunden am Stück in ihren Firmen tätig. Mittlerweile sind die Firmen sogar mit anderen Unternehmen oder Vereinen in der Umgebung vernetzt. Aufträge werden auch von außerhalb angenommen und genauso gibt es einen öffentlichen Kundenverkehr. So können nicht nur die Schüler, sondern jeder kann Bewerbungsfotos an der Schule machen lassen. Die Schülerfirmen arbeiten meist kostendeckend. "Entsteht doch mal ein kleines Plus, freut sich der Förderverein", sagt die Schulleiterin Karin Wecker.

Veronika und Polat aus der 10. Klasse sind seit mehr als zwei Jahren Mitarbeiter der Firma "Paper & Co". Sie machen die Buchhaltung, stellen Quittungen aus, bestellen Material und betreuen auch die Ausleihe der Sachbücher, die im Unterricht gebraucht werden. Aber auch Kreativität ist hier gefragt. "Wenn wir Ideen haben, dann können wir in unseren eigenen Werkstätten testen, ob sie sinnvoll sind", sagt Veronika. Als Beispiel nennt sie ein Klemmbrett aus recyceltem Material. Das hat den Praxistest bestanden und ist jetzt im Verkauf. Veronika will Bürokauffrau werden. Sie mache gern Papierkram - Sekretariatsarbeit und sogar eine Inventur könne sie nicht abschrecken, erzählt die 17-Jährige. Ähnlich geht es Polat. Auch er will einen Bürojob, weil "Zahlen und Buchhaltung etwas Konkretes sind".

Im Keller der Schule steht an fast jeder Tür ein anderer Firmenname. Dort ist unter anderen auch "Pauls Skikeller" zu finden. Michell, der sich für den Beruf des Industriemechanikers interessiert, ist der Experte im Reich des Wintersports. Fast 100 Paar Ski gilt es, in Schuss zuhalten, zu schleifen und zu wachsen. Jedes Jahr unternehmen etwa 30 Schüler kurz vor Weihnachten eine Skireise, da muss alles in Ordnung sein. Anpassen, Ausleihen, Verladen - das ist dann Aufgabe von Michell und seinen Kollegen. Vor Ort übernimmt die Skifirma auch den weiteren Service. Einmal war der Plastikgriff an Michells Skistock abgeplatzt. Es war ein Leichtes für ihn, sich aus dem Bestand ein paar neue Stöcke zu besorgen. Doch auch wenn keine Reise vorzubereiten ist, gibt es immer genug zu tun. Denn die Ausleihe der Ski ist öffentlich. Jeder, der in den Urlaub fährt, kann sich im Skikeller seine Ausrüstung holen. Vor allem ehemalige Schüler nutzen gern das Angebot.

Zwei Räume weiter bereitet Amira in der Cafeteria Brötchen mit Käse, Schinken, Pute oder Lachs für die Pausen vor. Amira steht alle 14 Tage freiwillig eine Stunde eher auf und ist bereits um kurz nach sieben in der Schule. Zweimal in der Woche muss sie sich mit den anderen Mitarbeitern um den Einkauf von Snickers und Getränken kümmern, außerdem die Buchführung machen. "Im Fach Arbeitslehre und in der Cafeteria habe ich auch Kochen gelernt", sagt das Mädchen arabischer Herkunft. Ihre Eltern sind aus dem Libanon. Mittlerweile kann sie selbst Gerichte für Veranstaltungen und Büfetts zubereiten. Das ist auch Aufgabe der Cafeteria-Mitarbeiter. Besondere Anerkennung hat Amira bereits für ihren orientalischen Einfluss auf die Speisen bekommen. Köchin will Amira allerdings nicht werden, sie interessiert sich mehr für den Beruf der Krankenschwester. "Helfen und pflegen" will sie. In Sachen Hygiene habe sie durch die Küche aber schon etwas für den Beruf mitbekommen, sagt sie.

Viele Kooperationen mit Betrieben

Wenn die vier Schüler erzählen, ist die Begeisterung herauszuhören. "Ich kann in der Firma Ideen entwickeln und verwirklichen", sagt Veronika. Die Abwechslung und "dass man nicht nur stur über Heften hängen muss" lobt Michell. Polat freut sich immer auf Freitag, "weil ich dann abschalten und Aufgaben erledigen kann, die in der Woche zuvor liegengeblieben sind". Doch das ist nicht der einzige Praxisbezug, den sie haben. Veronika hilft noch ehrenamtlich in einer Kita aus, Polat in einem Jugendzentrum - die Einrichtungen gehören zu den zahlreichen Kooperationspartnern der Schule, die den Einstieg ins Berufsleben fördern. Und neben diesen Kooperationen zu potenziellen Arbeitgebern gibt es auch eine Zusammenarbeit mit drei Oberstufenzentren. Dort können die Schüler - bei entsprechenden Noten - ihr Abitur machen oder einen Beruf ergreifen, darunter im Bereich Holz- und Maschinentechnik, Gesundheit und Versicherung.

Auch das ist für Michell, Veronika, Amira und Polat noch eine Option. Sie werden es von ihren Zeugnissen abhängig machen. An der Sekundarschule haben sie den Vorteil, dass sie ein Jahr mehr Zeit haben, um das Abitur abzulegen. Während die Gymnasiasten nach zwölf Schuljahren die Prüfungen machen, steht bei ihnen der Abschluss in der 13. Klasse an. Doch bis sie diese Entscheidung fällen, werden sie sich weiter in ihren Werkstätten, Küchen und Laboren auf das Leben nach der Schule vorbereiten.

Die Schulfirmen werden inzwischen auch im Internet gesucht und gefunden. Einmal kam ein Auftrag aus Dänemark. Eine Kopenhagener Schule brauchte zwei große Namensschilder für ihr Schulgebäude. Die Dänen fanden es viel spannender, diese von den Jugendlichen einer anderen Schule anfertigen zu lassen als von einem einheimischen Unternehmen. Der Auftrag ging an die Firma "Schilder & Design". Zur Übergabe der fertigen Schilder durften zwei Schüler nach Kopenhagen reisen. Noch heute besteht ein freundschaftlicher Kontakt mit der dänischen Hauptstadt.