Zoo

Nachts im Aquarium

Zwischen Haien und Piranhas, Vogelspinnen und Gottesanbeterinnen können Kinder und Eltern im Dunkeln Tiere gucken

Foto: Glanze

Nachts ist es leer im Aquarium. Und still. Nur wer gute Ohren hat, kann es hören. Das knackende Trippeln. Den Lauf der Kakerlaken. Die Insekten lösen die menschlichen Heerscharen ab, die tagsüber an den Glasscheiben des denkmalgeschützten Gebäudes vorbeiziehen. Nur haben diese Kakerlaken kein Ticket gelöst, selbst in der Inventurliste tauchen sie nicht auf. Sie bevölkern illegal den Bau an der Budapester Straße in Charlottenburg, der in diesem Jahr 99 Jahre alt wird.

Das alles weiß Ulrike Barnett ganz genau. Die Biologin lacht lautlos, so wie alle Eingeweihten. Denn sie verbindet mit dem Haus und seinen fast 15 000 Bewohnern ein dunkles Geheimnis: Barnett führt nachts Kinder und Erwachsene durchs Aquarium. Und die sollen wissen, dass sie im Dunkeln zwischen den Amphibien und Fischen nicht allein sind.

Die Zuhörer quittieren es mit Schaudern. Doch keiner springt ab von der Taschenlampentour. Vier Gruppen laufen parallel auf drei Stockwerken mit maximal je 17 Teilnehmern. Erwachsene dürfen mitkommen, sie sollen sich nur bei Barnetts Biologie-Fragen zurückhalten.

Ihre Tour beginnt im Erdgeschoss, zwischen den großen Seewasserbecken, in denen gefährliche Seespinnen krabbeln und der Gemeine Krake nicht so wirkt, als ob er im Augenblick all seine neun "Gehirne" in Betrieb hätte: in jedem Arm eine große Nervenzellenansammlung und dazu noch die im Kopf.

Lektion 1: Welse fühlen mit dem Bart

Dass eine Kreuzqualle Falten hat, Haie nie schlafen und alle Fische gut sehen können - Barnett greift jede Kinder-Antwort auf, egal ob falsch oder richtig, und korrigiert sie intelligent. Hochseehaie also schlafen im Wechsel mit der linken und mit der rechten Gehirnhälfte und lassen sich mit der Strömung treiben, um alle Aktivitäten runterfahren zu können. Und ein Wels sieht schlecht, fühlt aber mit seinen "Barthaaren", den Barteln. "Er gründelt", sagt Barnett. Außerdem spürt er - wie alle Fische - seine Umgebung durch Druckwellen in einem speziellen Seitenlinienorgan (SLO). Noch nie gehört? Sehen kann man sie "auf jeden Fall am Spiegelkarpfen, weil der kaum noch Schuppen hat. Bei anderen Fischen sieht man das SLO nicht so leicht", sagt Barnett. Es sind Streifen feinster Poren in der Rumpfmitte. Sie gehören zum Ferntastsinn, der die Druckwellen wahrnimmt, die etwa ein vorbeischwimmender Fisch durch Verdrängung von Wasser auslöst.

Abgesehen von Fragen und Erklärungen - eine Bitte hat die 26 Jahre alte Führerin Barnett schon: "Schaltet eure Taschenlampen nur dann an, wenn ich es erlaube. Wenn unerwartet Licht aufflackert, könnte mancher Fisch aus den Becken springen vor Angst." Das will keiner. Aber immer daran halten können sich die aufgeregten Knirpse nicht. Einem fällt sogar die Leuchte ins Krokodilsbecken. Flugs eilen zwei Mitarbeiter herbei und käschern das Gerät heraus, obwohl der Kaiman sich drohend über die Lampe schiebt, als wolle er sie fressen. Das wäre sein Tod. Schon in manchem Zootier-Magen haben Tierärzte Münzen und Plastikbälle gefunden. Doch das Reptil ist nicht interessiert, und die Leuchte sehr stabil: Sie brennt weiter.

Der Rundgang endet nicht vor den Vitrinen. Im ersten Stock, dem Reich der Terrarien-Bewohner, tritt Carlo Kantwerk aus den Kulissen. Er arbeitet wie Barnett für die Zoo-Schule und präsentiert eine Kornnatter - einen nachtaktiven Lauerjäger, der in Nordamerika beheimatet ist. Sie lebt, sie windet sich, als sie von kleinen Händen gestreichelt wird. "Du bist rutschig", sagt die siebenjährige Antonia in vertrautem Ton. An der etwa einen Meter langen Kornnatter kann es nicht liegen, "denn Reptilien sind immer trocken", wie Barnett sagt.

Die Streichelrunde sorgt unter Eltern und Großeltern für Bewegung: Sie greifen ihre Handys und Smartphones und lichten ihre Kinder im kargen Lichtstrahl ab, der aus der Tür zu den Hinterzimmern fällt. Sie müssen sich beeilen, denn Kantwerk will den Stress für das Tier gering halten; er bringt die Natter nach wenigen Minuten zurück ins Terrarium.

Lektion 2: Schlangenhaut knistert

Wer die Dschungelbuch-Schlange Kaa im Kopf hatte und Abstand hielt, kann sich immerhin an Schlangen-Haut vergreifen - meterlanges, transparentes Gewebe wird herumgereicht, Überbleibsel der letzten Häutung. Es ist leicht und knistert. Anders das raue Schmirgelpapier, mit dem Barnett zuvor demonstrierte, wie Haifischhaut sich anfühlt.

"Ich hätte gerne eine Schlange", sagt der elfjährige Vincent. Seine Eltern haben ihm die Tour zu Weihnachten geschenkt, denn Haustiere darf er keine halten. "Dafür gehe ich fünf bis sechs Mal im Jahr ins Aquarium. Ich bin ein Fan." Noch häufiger ist Laurenz (5) zu Gast: "Jede Woche - wir haben eine Jahreskarte."

Im dritten Stock, wo die Temperaturen rund um die Insektarien merklich ansteigen, krabbeln die Roten Weberameisen unermüdlich Baumstämme auf und ab. Finn (11) interessiert sich mehr für die Vogelspinne. "Ist da noch Gift drin?" - gute Frage, immerhin macht auch dieses Tier die Runde unter den Kindern. Zumindest ein Teil davon: die vertrocknete Haut einer Spinne, die sich gehäutet hat.

"Beeindruckende Erlebnisse" beschere die Führung - so lautet der Kommentar von Finns Mutter Daniela. Sogar der Kontakt mit "offiziellen" Kakerlaken kommt zustande. Barnett greift in eine Plastikdose und holt Fauchschaben hervor. Lilly streichelt dem Tier mutig über den Panzer. Es lässt Luft ab, es klingt wie ein Fauchen. "Hart und trocken fühlt die sich an", sagt Lilly. Sie lächelt. Wie eine Eingeweihte.

Termine Die nächsten Führungen: 10. und 24. Februar, 9. und 23. März.

Eintritt Der Eintritt kostet 14 Euro für Kinder und 20 Euro für Erwachsene. Karten sind im Vorverkauf an der Kasse des Zoo-Aquariums erhältlich.