Städtetrip

Berlin mit Kinderaugen sehen

Städtetrips sind bei Familien besonders beliebt. Deshalb gibt es Reiseführer speziell für Eltern und Kinder

Foto: Marion Hunger

Wenn Christine Berger durch Berlin spaziert, dann sieht sie die Stadt, in der sie schon seit 26 Jahren lebt, mit Kinderaugen. Sie kennt die allerbesten Eisdielen. Sie weiß, wo man Boot fahren, Sterne gucken, Tunnelwandern, Papier schöpfen und Vollmondangeln kann. Und am Kottbusser Tor zählt sie fast schon automatisch die Döner-Buden. Berufskrankheit. Die 45-jährige Autorin erklärt nämlich nicht nur Erwachsenen die Hauptstadt, sondern hat auch schon Reiseführer für Berlin-Urlauber mit Kindern verfasst. "Meine Stärke ist, dass ich mir mein Kindsein ein Stück weit bewahrt habe. Wenn man das finden will, was Kindern Spaß macht, muss man kreativ sein. Und mir fällt eine ganze Menge ein."

Der erste Stadtführer, den die Journalistin Anfang der 90er-Jahre verfasst hat, war ein ganz anderer, nämlich ein Kneipenführer. Ein Berlin-Buch für Kinder ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Mittlerweile ist die Mutter dreier Töchter Expertin und hat eine eigene Reihe mit Stadtteilführern veröffentlicht. Für den Hamburger Companions-Verlag hat sie unter anderem den "Familien-Reiseführer Berlin" verfasst - die Reihe wurde gerade erst mit dem ITB Buch Award 2012 ausgezeichnet. "Dadurch, dass ich so viel mit Kindern in der Stadt unterwegs bin, wusste ich bereits, welche Orte ich für die genauere Recherche besuchen muss", sagt sie. Nach Unkonventionellem habe sie gesucht, reine "Geldausgebemaschinen" seien nicht ihr Ding. Sie weiß: "Interessante Ziele müssen nicht immer viel kosten."

Alles kann spannend sein

"Beliebt ist zum Beispiel der Besuch in der Schauküche der Bonbonmacherei in Mitte", erzählt Christine Berger. Für etwas ältere Kinder sei das Prime Time Theater mit seiner Soap "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" ein echter Dauerbrenner. Auch wenn sie selbst mit ihren Kindern am liebsten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg unterwegs ist, weiß sie, dass selbst große Städte für den Nachwuchs äußerst spannend sind. "Ich glaube, es gibt kaum ein Kind, das unbedingt lieber durch den Wald geschoben werden möchte", sagt die 45-Jährige.

Man müsse eben ein Stück weit flexibler sein beim Reisen mit kleiner Begleitung. Gewaltmärsche von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit sind mit Kind an der Hand kaum durchzusetzen. "Sich einfach treiben lassen und den Alltag kennenlernen macht doch auch Spaß", sagt die Autorin. "Sogar ein Supermarkt im Ausland kann spannend sein."

Nur weil man Kinder hat, werden Reiselust und Fernweh nicht kleiner. Eltern fahren mit ihren Töchtern und Söhnen nicht nur an die Ostsee oder in die Berge, sondern planen Trips in Metropolen, gehen im Sommerurlaub auf Entdeckungstour oder buchen gleich eine Fernreise. Das schlägt sich auch in der Reiseliteratur nieder. Familien haben einfach andere Bedürfnisse, und einige Verlage haben diese Nische für sich entdeckt. "Eltern möchten nicht in Fünf-Sterne-Hotels übernachten, in denen sie komische Blicke zugeworfen bekommen, weil das Kind einmal laut ist", erzählt Marta Braun vom Companions-Verlag, der auch die Reihe "Kind in ..." herausgibt. "Aufgabe unserer Autoren ist es, kinderfreundliche Restaurants zu entdecken, genauso wie zum Beispiel Strände, die in puncto Sicherheit besonders für Kinder geeignet sind." Abgesehen von New York liegen die vorgestellten Ziele bisher alle in Europa, der "Rest der Welt" soll jedoch nach und nach in Angriff genommen werden.

Einen anderen Ansatz verfolgt der Peter Meyer Verlag mit seinen Freizeitführern. "Aus ökologischen Gründen haben wir uns den Nahreisezielen zugewandt", erzählt Verlegerin Annette Sievers. Die Reisezeiten würden immer kürzer, und viele Eltern würden den Urlaub im eigenen Land nach wie vor einer Flugreise vorziehen. Zum Programm gehört neben Destinationen wie "Märchenland Nordhessen" oder "Hollands Küste" natürlich auch hier "Berlin und Umgebung mit Kindern" - ein Band voller Service, der kleine Entdecker immer wieder direkt anspricht und oft auch praktische Tipps wie "Festes Schuhwerk einpacken" oder "Ball mitnehmen" bereithält.

Bücher für kleine Weltenbummler

So eine Fülle an Informationen macht den Autoren auch viel Arbeit. "Für die erste Recherche kann man sicher anderthalb Jahre veranschlagen", sagt Annette Sievers. Danach würden die Bücher alle zwei Jahre auf den neuesten Stand gebracht.

Vollkommen neu ist die Reihe "Für Eltern verboten!", die von National Geographic in Kooperation mit Lonely Planet herausgegeben wird. Angesprochen werden kleine Weltenbummler - London, Paris, Rom, New York sowie "Eine cool verrückte Weltreise" kommen im Februar auf den Markt, die neue Reihe soll zügig ausgebaut werden. Vorlesebücher sind diese Reiseführer in der Tat nicht, sie sind ausdrücklich für kleine Hände gedacht - obwohl man auch als Erwachsener schnell hängen bleibt. Die handlichen Bände sind bunt, mixen wie bei einer Collage Fotos mit Illustrationen und Comicelementen und widmen sich allem, was Kinder eben so bewegt. In "Rom" ist der Vatikan genauso Thema wie die Frage, warum der Cappuccino Cappuccino heißt, wieso der Verkehr in Italiens Hauptstadt oft verrückt spielt, welche Bedeutung Fußball für die Römer hat und wie die örtliche Pizza aussieht. Sollte ein Gebiet besonderes Interesse finden: Internet-Links gibt es zu fast jedem Kapitel dazu.

Ebenfalls für Kinder gemacht, jedoch weniger flippig, ist die Reihe "Pollino und Pollina entdecken die Welt". Das Geschwisterpaar erklärt Touristen ab acht Jahren Sehenswürdigkeiten und gibt Ausflugstipps. "Die Bücher sind sicher etwas für Kinder, die gern lesen", sagt Kappa-Geschäftsführer Bernd Schmidt. Klassische Urlaubsregionen wie die Toskana oder Mallorca gehören zum Programm, aber auch Städte wie Paris und München. Auch Bernd Schmidt beobachtet: "Immer mehr Eltern fahren mit Kindern in die Stadt, das hat sich extrem verschoben." Für Kinder ab vier Jahren gibt es die Reihe "Bambini unterwegs", in der die Kleinsten unter anderem spielerisch mit Bildergeschichten und Rätseln ans Entdecken herangeführt werden sollen.

Sollten Eltern befürchten, dass allzu viele Informationen die Kleinen überfordern könnten, dann gibt es Reiseliteratur auch in Bilderbuchform. "Wir denken, dass Kinder ab fünf Jahren sicher gern mit dem eigenen Reiseführer in der Hand die Stadt erkunden wollen", sagt Ahlam Gandura von Bohem Press. Ihr Verlag gibt kleinformatige, liebevoll illustrierte Bücher mit Aufklappbildern heraus. Bei Bändchen wie "Berlin für Kinder" steht jedoch weniger die Faktenfülle als die künstlerische Gestaltung im Vordergrund. Da rudert der Berliner Bär auf einem Gewässer im Tiergarten oder fährt Roller am Potsdamer Platz. Die bunten Büchlein sind auch wunderbar geeignet, um sich später in Ruhe an eine gemeinsame Reise zu erinnern, zum Beispiel beim abendlichen Vorlesen.

Die Töchter von Christine Berger sind 13 und 20 Jahre alt, vor zehn Monaten ist noch ein Nesthäkchen dazugekommen. Ein Reise- oder Ausflugsziel zu finden, das alle Geschmäcker trifft, ist da nicht ganz einfach. Die Autorin selbst ist bei der Vorbereitung von Familienreisen eigen. "Reiseführer für Kinder habe ich seltsamerweise gar nicht im Regal", sagt die 45-Jährige. "Ich entdecke jeden Ort gern auf eigene Faust. Schließlich weiß ich ja, worauf ich achten muss."