Liebesbriefe

"Woln wir heiraten? Iech lib dech. Dein Max"

Seit Jahrhunderten schreiben Menschen Liebesbriefe. Schon Kinder drücken mit Worten auf Papier ihre Gefühle aus. Die Mrogenpost hat sich Briefe von Berliner Kindern ausgeliehen

Max (7) war sich ab der ersten Minute ganz sicher: Fine (7) ist seine absolute Traumfrau. Seit sich die beiden in der ersten Klasse kennen gelernt haben, weicht der blonde, energiegeladene Fußballfan der kleinen dunkeläugigen Schönheit kaum mehr von der Seite. Max und Fine spielen gern zusammen. Max schreibt Fine außerdem viele Liebesbriefe, er schreibt sie auf kleinen Zettelchen oder malt Bilder. "Du best net zu mie Fine" ("Du bist nett zu mir, Fine"), ist eine seiner Nachrichten, darunter hat er zwei Gesichter gemalt, die sich anschauen - mit einem Herzchen dazwischen. Ein anderes Mal schrieb er: "Ich mak dich Fine. Jetzt merke ich das du mech makst glaube ich Fine. Dein Max." Und um keine Zweifel zu lassen, wird er manchmal ziemlich deutlich: "Woln wie heiraten? Iech lib dech."

Fine hat alle Zettel sorgfältig aufbewahrt, manche hängen jetzt an ihrer Zimmertür. Max' Liebesbekundungen finden Fine und ihre Freundinnen lieb und interessant, aber auch ein bisschen peinlich. Einmal nur hat Fine Max zurückgeschrieben - eine Karte aus den Ferien, mit Musik. "Aber das war Mamas Idee."

Ob aus Fine und Max einmal ein Paar werden wird, steht in den Sternen. Gefühle auf Papier zu bannen, ist jedenfalls schon sehr lange ein Weg, jemandem seine Liebe zu gestehen. Bewunderung, Sehnsucht, Abschied - seit es die Schriftform gibt, bringen Menschen ihre Gedanken und Gefühle zu Papier. Schon im Römischen Reich wurden Liebesbriefe verschickt, in der Romantik verbreiteten sie sich mit der fortschreitenden Alphabetisierung und der Beschleunigung der Post weiter.

Heute sind SMS, Chats und E-Mails moderne Formen der Übermittlung von Botschaften. Experten stellen seither ein Wiederaufleben des Korrespondierens fest: Ähnlich den Brautbriefen im 18. und 19. Jahrhundert, die sich Bürgerliche während ihrer Verlobungszeit schrieben, nutzen Verliebte heutzutage eher die elektronische Schriftform zum Ausdruck ihrer Gefühle. Manch Jahrhunderte alter Herzerguss berührt bis heute. So schrieb Johann Wolfgang von Goethe an die sieben Jahre ältere und unglücklich verheiratete Charlotte von Stein 1778: "Liebste, ich habe gestern Abend bemerkt, dass ich nichts lieber sehe in der Welt als Ihre Augen und dass ich nicht lieber sein mag als bei Ihnen. Es ist schon was Altes, und doch fällt mir's immer einmal wieder auf." Oder 1783: "Liebe mich, das ist wahrlich fast das Einzige, was mich noch halten mag." (aus "Liebesbriefe großer Männer" von Sabine Anders und Katharina Maier, Marix Verlag) Zehn Jahre dauerte ihr Verhältnis, es endete, als Goethe für ein Jahr nach Italien ging.

In ihrer Verliebtheit wirken erwachsene Paare manchmal wie Kinder. Sie hinterlassen sich Zettel mit Liebesbotschaften am Kühlschrank, tippen die Zeichen <3 als Herz-Symbol in Handy-Kurzmitteilungen. Die Sprache der Liebe, so scheint's, kennt kein Alter.

Die siebenjährige Coralie weiß jedenfalls schon genau, wie man sagt, dass man jemanden liebhat. Seit sie einen Stift halten kann, überhäuft sie ihre Mutter regelmäßig mit ausdrucksstarker und vor allem bunter Post. Sie malt Herzchen, bastelt und malt Schafe, weil das die Lieblingstiere ihrer Mutter sind. Im Gegensatz zu Schwester Annina (5), die ihre Mutter gerne umarmt, küsst und ihr bei jeder Gelegenheit auf den Schoß krabbelt, ist Coralie viel zurückhaltender - und die Mutter umso mehr überwältigt, wenn sie wieder einen der kunstvollen Briefe bekommt.

Wer jedoch noch nicht schreiben kann, muss malen: Mina (4) zum Beispiel malt für ihre Großeltern. Auf dem Bild haben Oma und Opa Kronen auf und spazieren Hand in Hand. "Ich habe ihnen einen Liebesbrief gemalt, weil ich sie so gern hab", sagt sie und legt den Kopf ein bisschen verlegen zur Seite. "Es gibt bei ihnen immer mein Lieblingsessen, nämlich Nudeln, und außerdem spielen wir zusammen Karten, wenn ich sie besuche." Flora (4) hält lieber geheim, wem sie ihren Liebesbrief geschrieben hat und ob sie in jemanden verliebt ist. Es ist zu aufregend. Ihre Freundin Clara findet, Liebesbriefe kann auch schreiben, wer nicht verliebt ist. Sie sagt: "Man merkt, dass man verliebt ist, wenn man immer viel kuschelt."

Ein Brief an den Hasen

Im Kindergartenalter basiert Verliebtsein vor allem auf gleichen Spielinteressen, weiß Entwicklungspsychologin Elisabeth Sander von der Universität Koblenz. "Meistens ist das Interesse am anderen Geschlecht noch nicht so groß. Auch wenn es manchmal Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen gibt - mit Liebe hat das noch nichts zu tun." Trotzdem werden auch im Kindergarten schon kleine Liebesbriefe verfasst oder gemalt. "Viele Kinder wollen so erst einmal Kontakt aufnehmen, es ist ein Auf-sich-aufmerksam-machen." So ein Brief kann auch zum Spielen oder miteinander Zeit verbringen auffordern. "Wenn sie beispielsweise an Oma und Opa schreiben oder malen, dann um auszudrücken, dass sie sie gerne mögen und sich freuen, mit ihnen zu spielen."

Meistens geben sich Mädchen noch mehr Mühe als die Jungen, sie schreiben oft ausführlicher und mit mehr Hingabe. "Mädchen nehmen ihre Umwelt differenzierter wahr als Jungen und bringen auch differenzierter zum Ausdruck, was sie denken und fühlen", sagt Elisabeth Sander. "Mädchen sind eher an Gefühlen interessiert, Jungen eher an Realitäten. Sie bauen zum Beispiel lieber eine Polizeistation anstatt einen Liebesbrief zu schreiben."

Jungen schrieben zwar auch Liebesbriefe, solche Zuneigungsbekundungen fielen ihnen aber meistens schwerer als Mädchen, vor allem, je näher die Pubertät rückt - das könne sogar bis ins Erwachsenenalter so bleiben. "Wenn ein Mädchen schreibt 'Ich kann nicht schlafen und mir wird ganz warm, wenn ich dich sehe', schreibt ein Junge eher "Ich möchte gerne mit dir ins Kino gehen. Magst du auch?'."

Weil Mädchen in der Regel auch früher sprachlich besser entwickelt sind als Jungen, seien auch ihre Liebesbriefe ausführlicher. Das gilt natürlich für jede Art von Brief, auch für die an Freunde und Verwandte.

Trotzdem: 40 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie der Online-Partnervermittlung Elitepartner noch nie einen Liebesbrief verfasst. Dabei gibt es mittlerweile sogar im Internet Hilfsangebote dazu, wie ein perfekter Liebesbrief aussehen sollte. Rat kann man sich außerdem bei Kindern holen, sie scheinen Profis in Sachen Liebesbriefe zu sein.

Die zehnjährige Hermine aus Steglitz zum Beispiel braucht keine Hilfe. Sie schreibt seit Jahren Liebesbriefe. "Manchmal fällt Sprechen eben schwerer, als etwas aufzuschreiben", sagt sie. "Man kann dann etwas nicht so offen sagen." Gerade hat sie einen sehr ausführlichen Liebesbrief in Gedichtform verfasst - an ihren Hasen. Vor zwei Jahren hatte sie "Hörnchen" zum Geburtstag bekommen. "Eigentlich ist er eine Mischung aus Löwenkopf- und Teddykaninchen", sagt sie. "Aber wir reden meistens einfach nur vom 'Hasen'." Ihm ist ihr Gedicht gewidmet. Sie schreibt: "Du bist mein kleiner, mein ganz feiner. Ich liebe dich so sehr, aber deine Öhrchen noch viel mehr. Du hörst mir damit nämlich so brav zu, ganz lieb und in wunderbarer Ruh'. Ich drücke dich gern ganz doll, du findest das dann toll. Bist nicht grad' der schnellste, doch ganz bestimmt der hellste."

Hermine dichtet und malt gern. Sie bewahrt alles auf. Denn sie ist sicher: "Wenn ich später einmal lese, was ich geschrieben habe, freue ich mich und erinnere mich an seine kleine Nase und dass er ein treuer Freund war." Zärtlich streicht sie ihrem schwarzen Kaninchen über die Ohren. Ihr zweites Kaninchen, Springi, finde sie zwar genauso niedlich. "Aber Hörnchens Eigenschaften haben sich besser reimen lassen." An ihrem vierbeinigen Freund liebe sie, dass er immer da ist, wenn sie sich mal alleine fühlt, dass er ihr gut zuhört. "Das merke ich daran, dass er mit den Ohren wackelt."