Interview mit Renate Landt

"Fremdsprache lebendig vermitteln"

Auf der Schulbank allein lernen Kinder keine Sprache. Wichtiger sind Erfahrungen, Freundschaften, Erfolgserlebnisse

Vokabeln pauken, Grammatik büffeln, stupide Texte übersetzen - für viele Kinder hat der Sprachunterricht in der Schule einfach keinen Bezug zu ihrem Leben.Anders sieht es aus, wenn sie selbst einmal in dem Land waren, die Sprache gehört haben, nach dem Weg gefragt haben oder Freunde gefunden haben. "Richtig lernen Kinder eine Sprache nur im Land", sagt Renate Landt, Lehrerin für Französisch und Philosophie am Albert-Einstein-Gymnasium in Neukölln. Mit ihr sprach Nicole Dolif.

Berliner Morgenpost: Freuen Sie sich, wenn Ihre Schüler die Ferien in Frankreich verbringen?

Renate Landt: Natürlich, sehr sogar. So ein Aufenthalt im Land kann zwar zunächst frustrierend sein, weil die Schüler in den ersten Tagen viel weniger verstehen als sie denken. Aber es geht dann ganz schnell besser. Und das ist sehr motivierend.

Berliner Morgenpost: Ist es denn egal, ob die Kinder allein oder mit ihren Eltern fahren? Ist ein Aufenthalt allein effektiver?

Renate Landt: Wenn es um den reinen Spracherwerb geht, ist ein Sprachkurs im Land, bei dem der Schüler bei einer Familie wohnt, natürlich am besten. Aber es bringt auch schon etwas, das Land einfach als Tourist mit der Familie zu bereisen. Die Sprache zu hören, das Leben mitzubekommen, kleine Erfolgserlebnisse beim Bestellen oder im Bus zu haben. Das alles sorgt dafür, dass man einen Bezug zu dem Land aufbaut. Und dann ist der Unterricht in der Schule auch plötzlich nicht mehr so abstrakt.

Berliner Morgenpost: Merken Sie das im Unterricht, wenn ein Kind schon mal in Frankreich war?

Renate Landt: Ja, auf jeden Fall. Kinder, die schon mal in Frankreich waren, trauen sich viel mehr zu. Sie haben die Sprache im Ohr und wissen, wie die Franzosen etwas sagen würden. Das erleichtert ihnen den Unterricht.

Berliner Morgenpost: Inwiefern hat sich der Sprachunterricht in der Schule in den vergangenen 20 Jahren gewandelt?

Renate Landt: Er ist offener geworden, nicht mehr so dogmatisch. Noch vor ein paar Jahren hieß es, der Unterricht müsse auf jeden Fall streng einsprachig sein. Heute ist es absolut in Ordnung, die Grammatik auch mal auf Deutsch zu erklären. Dann hat sich natürlich auch beim Vokabular einiges getan. All die Wörter rund um Computer und Internet gehören ganz selbstverständlich dazu. Und es wird versucht, die Fremdsprache lebendig zu vermitteln. Zum Beispiel auch durch einen Schüleraustausch.

Berliner Morgenpost: Wird das von den Schülern denn gern gemacht?

Renate Landt: Ja, sehr. Allerdings ist das nicht immer ganz leicht. Wir haben zum Beispiel in der neunten Klasse einen Austausch mit Paris. Aber ich hätte gern auch einen Austausch für die achten Klassen. Doch das gestaltet sich schwierig, weil die französischen Eltern sehr zögerlich sind, ihre Kinder nach Berlin zu schicken. Die Stadt erscheint ihnen gefährlich. Sie bevorzugen für ihre jüngeren Kinder Schulen in kleineren Orten. Bei den älteren Schülern ist Berlin dann dafür sehr begehrt.

Berliner Morgenpost: Wie können Eltern ihre Kinder in Französisch fördern, ohne ins Land zu fahren?

Renate Landt: Da gibt es in Berlin viele Möglichkeiten. Immer wieder werden französische Theaterstücke angeboten. Und das Deutsch-Französische Jugendwerk hat auch viele tolle Angebote. Es hilft Schülern zum Beispiel, einen Tauschpartner in Frankreich zu finden und dann fast ganz ohne Kosten für einige Zeit nach Frankreich gehen zu können. Außerdem gibt es noch das Institut Francais. Hier können sich Schüler auch französische Bücher und Filme ausleihen. Das bringt auch schon ganz viel, weil sie die Sprache richtig hören.