Sing-Projekt

Der Chor der viertausend Kinder

Das Projekt "Klasse! Wir singen" will im Mai Tausende Schüler im Berliner Velodrom zusammenbringen

Foto: Franka Bruns

Dienstag, 8.05 Uhr. Kinderstimmen dringen über den Hof der Elizabeth-Shaw-Grundschule in Pankow. Die Aula ist hell erleuchtet und gefüllt mit etwa 150 Schülern. Sie bilden den Chor der Schule. Die Chorleiterin Sabine Wehrmeister ist stolz darauf, so viele Kinder anzuleiten. Mehr als jeder dritte Schüler der Schule macht im Chor mit. "Wir haben den Termin extra so gelegt, dass jeder Zeit hat", sagt Schulleiterin Petra Herre, "und es gibt keine Aufnahmeprüfung". Wie zum Beweis setzen die Chorkinder gerade an und schmettern: "Jeder singt so gut er kann, der eine hoch, der andere tief."

Bei so viel Musikbegeisterung ist es naheliegend, dass sich die Schule an dem Projekt "Klasse! Wir singen" beteiligt. Mit 264 Kindern hat die Schule mit die meisten Kinder bei der vom Verein Singen initiierten und von der Senatsschulverwaltung mitgetragenen Aktion angemeldet. Insgesamt sind bislang fast 7000 Berliner Grundschüler dabei, bis Ende des Monats können sich noch weitere anmelden. Ziel der Aktion ist es, Kinder, Eltern und Lehrer mehr zum Singen zu animieren. "Singen muss in den Alltag zurückkehren", sagt der künstlerische Leiter, Tobias Brommann, "wir leben in einer Zeit, in der so viel Musik wie nie zuvor gehört wird, aber so wenig wie nie zuvor gesungen wird".

Sechs Wochen Probezeit

Das Konzept sieht vor, dass sich Schulklassen geschlossen anmelden und sechs Wochen lang dazu verpflichten, mindestens ein Lied pro Tag während der Unterrichtszeit gemeinsam zu singen. Die Schüler bekommen für einen Beitrag von acht Euro pro Kind jeweils ein T-Shirt mit der Aufschrift "Klasse! Wir singen", ein Buch mit 16 Liedtexten und -noten sowie eine CD, auf der dieselben Lieder einmal gesungen und einmal in einer Karaoke-Version zu hören sind. Es ist eine bunte Mischung aus Volksliedern wie "Alle Vögel sind schon da", "Bruder Jakob" oder "Der Mond ist aufgegangen", neueren Kindergartenliedern und Dauerbrennern wie "Hey, Pippi Langstrumpf" oder "Morning has broken". Außerdem gibt es das eigens für das Projekt komponierte Mottolied. Nach den sechs Wochen Probezeit in den Klassen werden im Mai Liederfeste veranstaltet, zu denen jeweils mehrere Tausend Kinder im Velodrom zusammenkommen und die einstudierten Lieder unter Anleitung von Tobias Brommann singen.

"Klasse! Wir singen" startete erstmals 2007 in Braunschweig auf Initiative des dortigen Domkantors Gerd-Peter Münden. Damals beteiligten sich 28 000 Kinder aus der Stadt. 2011 wurde die Aktion dann auf ganz Niedersachsen mit insgesamt 135 000 Schülern und 81 Liederfesten ausgeweitet. Tobias Brommann, der eigentlich Kantor am Berliner Dom ist, hat das Projekt nun nach Berlin geholt, um hier zumindest temporär den größten Kinderchor der Stadt aufzubauen.

Die Lehrer der teilnehmenden Klassen bekommen zusammen mit den Materialien eine kurze pädagogische Anleitung und eine Demo-CD. Außerdem bietet Brommann Fortbildungen an, um auch fachfremden Lehrern die Scheu zu nehmen, mit ihren Schülern zu singen. Aber Brommann betont: "Es geht hier nicht um Perfektion, das Projekt ist kein Wettbewerb - wir sind hier nicht bei 'Deutschland sucht den Superstar'."

Verglichen mit den beiden vorangegangenen Aktionen ist die Beteiligung der Berliner Schulen bislang gering, Viele Lehrer scheuen den bürokratischen Aufwand, wenn Kinder die acht Euro Gebühr über das Bildungspaket zurückholen müssen. Diese Hemmschwelle ist allerdings inzwischen genommen, weil sich die Sponsoren des Projekts entschieden haben, die Kosten für die betroffenen Kinder zu tragen. Auch gibt es Kritik von musikpädagogischer Seite, weil viele Lehrer nichts von Massengesangsveranstaltungen halten. Doch Brommann hat gesehen, mit welcher Lust die Kinder in Niedersachsen bei den Liederfesten dabei waren. Für ihn ist die Gemeinschaft stiftende Wirkung wichtiger als ein schiefer Ton.

Ein Lied für die Konzentration

Auch die kleinen Chorsänger der Elizabeth-Shaw-Grundschule freuen sich schon auf das Liederfest. "Die Hälfte der Lieder kennen die Kinder, die im Chor sind, ohnehin", sagt Musiklehrerin Sabine Wehrmeister. Und sie findet es gut, wenn das Singen nicht nur während der Chorstunde stattfindet, sondern auch im sonstigen Unterricht. Ein Prinzip, das die meisten Lehrer an der Schule ohnehin praktizieren. Denn auch wenn die Pankower Grundschule nicht zu den 15 musikbetonten Grundschulen in Berlin gehört, ist Musik hier ein Schwerpunkt. "Wir haben gemerkt, dass die Schüler viel konzentrierter sind, wenn zwischendurch mal ein Lied gesungen wird", sagt auch Schulleiterin Petra Herre, sogar aus dem Naturwissenschaftsraum habe sie neulich einen Rap gehört.

Im Kleinen setzt die Schule damit um, was das Projekt "Klasse! Wir singen" im Großen anstrebt. Und doch ist die Aktion für die Pankower Schüler neu: Zusammen mit Tausenden anderen Kindern hat hier noch keiner gesungen. Und auch Tobias Brommann gibt zu: "Ein bisschen aufgeregt bin ich schon." Sein Chor im Berliner Dom umfasst 150 Mitglieder. Doch 4000 Kinder - das ist auch für den gestandenen Chorleiter eine Herausforderung.

Bis zum 31. Januar können sich Klassen noch anmelden. Mehr zum Projekt und den Anmeldebogen gibt es unter www.klasse-wir-singen.de