Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie"

"Kinderbetreuung statt Tankgutschein"

Was macht Firmen familienfreundlich? Wo gibt es Nachholbedarf ? Netzwerkerin Sofie Geisel Kennt alle Nöte und Wünsche

Foto: Â© JÖRG KRAUTHÖFER

Betriebskindergärten mit langen Öffnungszeiten oder Spielecken im Unternehmen, Ferienbetreuung für Schulkinder oder Wiedereinstiegsprogramme für Mütter nach der Geburt: So wollen Unternehmen für Väter und Mütter als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Das Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie", eine Initiative von Bundesfamilienministerium und Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK), unterstützt vor allem kleine und mittlere Unternehmen dabei, familienfreundliche Arbeitsmodelle zu entwickeln. Anette von Nayhauß sprach mit Projektleiterin Sofie Geisel, selbst dreifache Mutter, über die Frage, wie gut sich Familie und Beruf in Deutschland vereinbaren lassen.

Berliner Morgenpost: Wieso schmücken sich deutsche Unternehmen seit einiger Zeit so gern mit dem Etikett "familienfreundlich"?

Sofie Geisel: Familienfreundlichkeit ist sicher ein Trendthema. Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer mehr vor allem auch große Unternehmen wie beispielsweise die Telekom öffentlichkeitswirksam mit dem Thema beschäftigt haben, ist insgesamt ein gewisser Druck entstanden, beim Thema Beruf und Familie "etwas" zu machen. Doch gerade auch viele kleine und mittelständische Unternehmen wissen seit Jahren, dass familienfreundliche Arbeitsbedingungen wichtig für ein gutes Betriebsklima sind.

Berliner Morgenpost: Was hat den Bewusstseinswandel ausgelöst?

Sofie Geisel: Wir diskutieren seit Jahren über den Fachkräftemangel in bestimmten Branchen. Ein gut ausgebildeter Ingenieur, eine gut ausgebildete Pflegekraft können sich heute ihren Arbeitgeber aussuchen. Deshalb müssen gerade kleinere Unternehmen außerhalb der attraktiven Metropolregionen schon etwas bieten, vor allem, wenn sie gehaltsmäßig nicht an der Spitze sind. Da wird gerade für mittelständische Unternehmen das Thema Beruf und Familie zum Wettbewerbsvorteil: Dort kennt man sich, die Unternehmensleitung ist dicht an den Beschäftigten und weiß, wer gerade mehr Zeit für die Familie braucht.

Berliner Morgenpost: Was macht ein Unternehmen familienfreundlich?

Sofie Geisel: Am wichtigsten ist das Verständnis dafür, dass ein Mitarbeiter nicht nur ein Mitarbeiter ist, sondern auch noch ein anderes Leben und meist eine Familie hat. In Unternehmen muss klar sein, dass sich berufstätige Frauen und Männer neben ihrem Job auch um andere kümmern wollen und müssen. Das muss im Betrieb praktische Konsequenzen haben: bei der Arbeitszeitgestaltung, mit Vertretungsregelungen und mit Ideen, wie man Familien bei der Kinderbetreuung unterstützen kann. Ein Beispiel: Das Unternehmen kann, statt Tankgutscheine auszugeben, Eltern auch einen Zuschuss zur Kinderbetreuung zahlen. Unternehmen können im Dialog mit den Beschäftigten direkt klären, was das Unternehmen familienfreundlich macht.

Berliner Morgenpost: Was wünschen sich Mütter und Väter nach Ihrer Erfahrung besonders vom Arbeitgeber?

Sofie Geisel: Der Hauptwunsch lautet: flexible Arbeitszeiten. Danach kommt die Unterstützung bei der Betreuung, gerade in Notfällen: Was mache ich, wenn mein Kind krank wird? Kann ich dann von zu Hause aus arbeiten? Wer vertritt mich im Unternehmen?

Berliner Morgenpost: Beschäftigen sich Unternehmen wirklich mit diesen Fragen? Oder gibt es da noch Nachholbedarf?

Sofie Geisel: Ja, den gibt es. Interessanterweise ist er oft dann geringer, wenn eine schlechte Betreuungssituation und akuter Fachkräftemangel zusammenkommen. In Berlin gibt es eine hohe Betreuungsdichte und im Vergleich weniger Unternehmen, die existentiell vom Fachkräftemangel betroffen sind. Außerdem zieht Berlin Menschen an, hierher kommen die Mitarbeiter von ganz allein. Ein Maschinenbau-Betrieb in Ludwigshafen oder ein IT-Unternehmen in Erlangen muss qualifizierten Bewerbern von außerhalb dagegen manchmal zuerst erklären, wo genau es überhaupt liegt. Hinzu kommt, dass ein gut ausgebildeter Ingenieur oft auch eine gut ausgebildete Ehefrau hat, mit der er gemeinsam entscheidet, wo die Familie künftig leben und arbeiten will. Gerade bei solchen Familien können Unternehmen mit familienfreundlichen Bedingungen punkten, und deshalb haben sich die Unternehmen an weniger bekannten Standorten des Themas schon vor Jahren angenommen.

Berliner Morgenpost: Wie unterstützen Sie die Unternehmen dabei?

Sofie Geisel: Das Netzwerk "Erfolgsfaktor Familie" versteht sich als Ort, an dem sich Menschen treffen und austauschen können. Beispielsweise veranstalten wir viermal im Jahr Willkommenstage für neue Mitglieder, wir machen Veranstaltungen und Workshops für spezielle Branchen und Themen, zum Beispiel zum Thema "Flexible Arbeitszeitorganisation". Wir stellen Beispiele aus anderen Unternehmen vor und diskutieren, wie sich bestimmte Ideen übertragen lassen. Dabei kooperieren wir mit den 80 Industrie- und Handelskammern in Deutschland - die sind unser Arm in die Wirtschaft.

Berliner Morgenpost: Sind andere Länder hier wirklich weiter?

Sofie Geisel: In Skandinavien gibt es eine höhere Sensibilität für das Thema Beruf und Familie. Dort sind Frauen insgesamt stärker ins Erwerbsleben eingebunden als bei uns und das hat augenscheinlich auch Auswirkungen auf Familienmodelle, also darauf, wie Väter und Mütter Familien- und Erwerbsarbeit aufteilen. Damit einher geht, dass dort mehr Frauen als hierzulande in Führungspositionen sind und dass es eine bessere Kinderbetreuung gibt, quantitativ und qualitativ.

Berliner Morgenpost: Die Qualität der Kinderbetreuung ist oft ein Argument, mit dem Mütter in Deutschland begründen, warum sie gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten.

Sofie Geisel: Sicher wird in Deutschland zu Recht über die Qualität und übrigens auch über die Quantität von Kinderbetreuung diskutiert. Trotzdem würde ich mir auch ein bisschen mehr Wertschätzung gegenüber den Menschen wünschen, die diesen Job machen. Wer einmal eine Kitagruppe betreut hat oder vor einer Klasse stand, weiß, was das bedeutet. Eigentlich sollte man den Erzieherinnen und Lehrern jeden Morgen auf die Schulter klopfen und sagen: "Toll, wie Sie das machen!"

Berliner Morgenpost: Familienfreundlichkeit ist als Thema gut etabliert - wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber viele Berufstätige werden ja, kaum sind die Kinder groß, schon wieder zur Betreuung gebraucht - dann für die alten Eltern. Wie gehen die Unternehmen damit um?

Sofie Geisel: Das ist oft ein schwieriges Thema. Wir beschäftigen uns alle nicht gern mit dem Alter. Ein niedliches Kinderfoto auf dem Schreibtisch ist gerade "in", aber das Foto der dementen Mutter würde sich wohl kaum jemand hinstellen. Darüber redet man einfach nicht so - auch nicht in Unternehmen. Aber ich glaube, dass das eine Frage der Zeit ist- schon allein, weil es wohl nicht mehr lange dauern wird, dass es rein rechnerisch mehr Menschen gibt, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern als um kleine Kinder. Generell wird das Verständnis in den Unternehmen dafür, dass es Ausgaben außerhalb des Berufs gibt, zunehmen - unabhängig davon, ob diese Aufgaben nun mit Kindern oder mit pflegebedürftigen Eltern zu tun haben.