Musikschulen

Auf der Warteliste

Yvonne Acikel ist begeisterte Musikschulmama. In einem Raum der Georg-Herwegh-Oberschule in Hermsdorf hilft sie ihrer jüngeren Tochter Melin beim Auspacken vom Fagott. Am Ende steckt jedes der sieben Einzelteile dieses tiefsten Holzblasinstruments an der richtigen Stelle.

Nach einem Vierteljahr Unterricht ist das für Melin überhaupt kein kompliziertes Puzzle mehr. "Soll ich jetzt mal meinen Lieblingston spielen?" Schon röhrt ein tiefes "F"durch das kleine Zimmer. Das Kinderinstrument gehört der Musikschule Reinickendorf und ist eine besondere Entwicklung des Berliner Instrumentenbauers Ludwig Frank, der es mit einem Plexiglasteil versehen hat, um das Gewicht zu verringern. So können schon Siebenjährige wie Melin mit dem Unterricht beginnen. Der sonore dunkle Klang des Instruments hatte es ihr angetan, als sie letzten Sommer beim öffentlichen Konzert der Musikschule Reinickendorf das Ensemble von Fagottlehrer Andreas Zenke gehört hatte und danach gleich mal probieren durfte.

"Melin musste vor einigen Jahren mehrfach wegen Schallleitungstaubheit operiert werden. Sie hat alles wie unter Wasser gehört," erzählt Yvonne Acikel. Das sei vorbei, doch Melin ist immer noch sehr empfindlich gegenüber hohen Tönen, etwa wenn ihr älterer Bruder Mert Oboe übt. "Das Fagott war eine echte Entdeckung für sie." Die gelernte Bankkauffrau Yvonne Acikel spielt selbst kein Instrument, ebenso wenig ihr türkischstämmiger Ehemann. Es war aber dessen Enthusiasmus, der zuerst ein Klavier für die älteste Tochter in die Familie brachte. Bald kamen weitere Instrumente.

Instrumentenkarussel gegen Ängste

Melin unterbricht die munter plaudernde Mutter, indem sie mit dem langen Instrument schalkhaft gegen die Bommel an deren schwarzer Pudelmütze stupst. Sie möchte Andreas Zenke endlich ihre "Hausaufgaben" vorspielen. Weil aber der zehnjährige Tobias noch da ist, der vor ihr seine halbe Stunde hatte, leitet der Lehrer erst mal ein bisschen "Töne vergleichen" ein. "Kennt ihr das Lied 'Die Geige, sie singet'?" fragt der Fagottist die Kinder dann nach dem bekannten "Instrumentenkanon". Die beiden schütteln den Kopf. Zenke stellt ein Notenblatt auf die Pulte und erklärt, wie man auf dem Fagott sogar Horn, Geige und Klarinette spielen kann.

"Tobias bekam mit sieben Jahren Gitarrenunterricht, hat uns aber immer wieder daran erinnert, dass er doch mit Fagott anfangen möchte", erinnert sich dessen Vater Mark Zorzovilis. "Ich kannte das vom Instrumentenkarussell", ergänzt der Fünftklässler, der jeden Tag eine Viertelstunde übt. Er ist sozusagen musisch 'vorbelastet': sein griechischstämmiger Vater stellt als Kunstglasbläser Kirchenfenster her, ein Onkel ist Geiger.

Fagottist Andreas Zenke hat herausgefunden, dass eine ganze Reihe seiner Schüler aus zweisprachigen Familien stammt. Ausschließlich aus typischen Akademikerfamilien kommen sie aber keineswegs. Berührungsängste baut das weit verbreitete "Instrumentenkarussell" ab, durch das Kinder verschiedene Instrumente in Kleinstgruppen oder zu zweit jeweils einige Wochen im Unterricht ausprobieren können. Neu entwickelte Kinderinstrumente ermöglichen bei den Blasinstrumenten außerdem den Frühbeginn im Grundschulalter - wenn es denn einen Platz an der Musikschule gibt. Denn in vielen Bezirken sind die Wartelisten lang. Vor allem bei den beliebten Instrumenten wie Schlagzeug, Klavier oder auch Geige, müssen Kinder und Eltern manchmal Geduld haben.

Von einem "Boom" an den Musikschulen will zumindest Harald Fricke, Leiter der Musikschule des Bezirks Reinickendorf, trotzdem nicht sprechen. Er benutzt lieber den korrekten Fachausdruck vom "kontinuierlichen Aufwuchs um 500 Wochenstunden" während der letzten fünf Jahre. Öffentliche Musikschulen hätten die Vorgabe, zwei Prozent der Bevölkerung zu erreichen, man liege nun bei einem Prozent. Eine positive Entwicklung ist das allemal. An sämtlichen Reinickendorfer Unterrichtstandorten werden inzwischen 1900 Wochenstunden Musikschulunterricht erteilt. Auch die Mittel wüchsen, betont Fricke. Das Spektrum reicht vom Musikgarten für Kleinkinder über die Blockflötengruppe bis zum Jazz-Gesang für Erwachsene, von der Mandoline über die türkische Langhalslaute bis zur Tuba und umfasst alle klassische Orchester- und Bandinstrumente. Gitarre und Klavier sind am beliebtesten. Während es an der Musikschule "Béla Bartók" im Nachbarbezirk Pankow und einigen anderen der insgesamt elf öffentlichen Berliner Musikschulen durchaus Wartelisten gibt, ist Reinickendorf der gestiegenen Nachfrage gewachsen: "Nur Schlagzeug-Interessenten müssen sich ein bisschen gedulden, wir sind zur Zeit etwas knapp an geeigneten Räumlichkeiten," entschuldigt sich Fricke.

Der studierte Klarinettist glaubt nicht, dass die Formel "Musik macht schlau" im Vordergrund steht, wenn Eltern ihre Kinder in der Musikschule anmelden: Nach wie vor stehe der Spaß im Vordergrund. In den bürgerlichen Ecken Reinickendorfs wie Frohnau existiere auch durchaus noch eine Hausmusiktradition. Andere Eltern wollten ihren Kindern mit Musikunterricht gern etwas ermöglichen, was sie selbst nicht gelernt hätten. In seiner Kontinuität unterstützten Musikstunden bei Menschen aller Altersgruppen das "Bedürfnis nach Entschleunigung und persönlichem Kontakt", ist sich Fricke sicher. Dazu tragen auch Gemeinschaftserlebnisse wie Musicalaufführungen mit weit über hundert Schülern bei.

Öffentliche Musikschulen sind aber nicht die einzige Möglichkeit, in Berlin ein Instrument zu lernen. Oft finden Eltern dort leichter einen Platz als in den öffentlichen. Im Café "Ilse Hühnchen" in der Winsstraße sitzt Adrian Kross von der privaten Musikschule "Tomatenklang" beim Milchkaffee, nachdem er seine zwei kleinen Söhne nebenan in der Kita abgeliefert hat. Er grinst, als man ihm von einer befreundeten Mutter erzählt, die befürchtet, ihre drei Knirpse würden alle Schlagzeug lernen wollen: "Klar, mindestens dreißig Prozent unserer 'Karussellkinder' möchten mit Schlagzeug weitermachen, aber das liegt auch daran, dass wir einen phantastischen Lehrer haben. Mit Hilfe der Eltern lenken wir das Interesse bei vielen aber vorsichtig auf die Melodieinstrumente. Das normalisiert die Quote dann."

Die öffentlichen Tanker

Vor gut zehn Jahren begannen der 39-jährige Konzertgitarrist und einige befreundete Musiker mit ihrer Musikschule im Babyboombezirk Prenzlauer Berg. Seit 2006 trägt sie den schönen Namen "Tomatenklang" und verzeichnet heute über 70 Lehrkräfte. Auch bei Kross und Co gibt es das "Instrumentenkarussell" und "eigentlich alles außer Oboe, Horn und Fagott". Hierfür sei die Nachfrage nicht groß genug. "Aber wir kooperieren nach Bedarf mit freien Musiklehrern. Bei einer unserer Klavierlehrerinnen, die auch Cello studiert hat, gab es plötzlich so viele Anfragen dafür, dass wir es einfach neu in unser Programm aufgenommen haben." Private Musikschulen seien familiärer und flexibler als die öffentlichen "Tanker", meint Adrian Kross. Das betrifft auch Freiheiten in der Preisgestaltung, wenn Kinder aus finanziell nicht gut gestellten Familien mit Freude dabei sind. Allerdings muss das Team gut haushalten: "Wir müssen unsere Räume eigentlich immer ausgelastet halten, damit sich's rechnet." Nachwuchssorgen quälen die Tomatenklangkünstler nicht. Adrian Kross deutet auf die Tragetasche samt krähendem Inhalt am Nachbartisch: "Wir haben diesen Standort sehr bewusst ausgewählt!"

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