Interview

"Das Leben der anderen genauer ansehen"

| Lesedauer: 3 Minuten

Wie passen Eltern mit Kindern und Kinderlose im Alltag zusammen? Kann man trotz unterschiedlicher Lebensmodelle befreundet bleiben? Und was können beide Seiten tun, um sich nicht zu entfremden? Darüber sprach Anette von Nayhauß mit der psychologischen Psychotherapeutin Sabine Deitschun aus Berlin.

Berliner Morgenpost: Passen Eltern und Kinderlose überhaupt zusammen?

Sabine Deitschun: Bei den vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen in unserer Gesellschaft sollte es möglich sein, auch andere als die eigenen zu akzeptieren und sich sowohl beim eigenen Entwurf als auch bei dem der anderen die Vor- und die Nachteile einigermaßen ehrlich einzugestehen. Abstand halten wäre falsch, denn das fördert das Fremdeln. Sich stattdessen das Leben der anderen mal über längere Zeit genauer ansehen fördert das Verständnis füreinander oder entidealisiert das Leben der anderen auch.

Berliner Morgenpost: Was können beide Seiten dafür tun, dass sie Freunde bleiben?

Sabine Deitschun: Wichtig ist immer, sich zuzuhören, möglichst ohne Vorurteile, und sich besinnen auf - eventuell auch nur frühere - gemeinsame Interessen. Denn die verbinden auch in schwierigen Zeiten noch. Es kann über viele Jahre doch zu sehr unterschiedlichen Tagesrhythmen und unterschiedlichen Freuden, Sorgen und Interessen kommen, so dass die Verbindung zeitweise schwächer werden kann. Dabei gilt: Ratschläge geben nur dann, wenn Freunde danach fragen. Und konkrete Absprachen treffen wie: "Du meckerst nicht darüber, dass meine Kinder beim Telefonieren dauernd dazwischenquatschen, dafür rede ich nicht den ganzen Abend über Kinderthemen."

Berliner Morgenpost: Hilft das denn?

Sabine Deitschun: Eine solche Absprache hört sich natürlich erst mal rigide an. Vielleicht kann es darauf hinaus laufen, dass beide darauf achten, etwa gleichviel aus ihrem Leben zu erzählen, so dass die Situation einigermaßen ausgewogen ist. Gut sind auch immer sogenannte Ich-Botschaften. Sie können zum Beispiel sagen: "Wenn deine Kinder bei unseren Telefonaten immer dazwischen reden, fühle ich mich gar nicht mehr wichtig, kannst du da was machen oder sollen wir vielleicht einfach später noch mal telefonieren?"

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt Neid auf die Lebenssituation des anderen?

Sabine Deitschun: Das ist sicher unterschiedlich und individuell. bestimmt. Manche Menschen sind auf vieles neidisch, andere kümmert es nicht, was die anderen haben oder dürfen. Wenn man bei sich selbst Neidgefühle bemerkt, kann man versuchen, dem aktiv nachzugehen. So können Eltern beispielsweise versuchen, sich alle 14 Tage einen kinderfreien Abend zu organisieren, Kinderlose können wiederum babysitten oder eine Patenschaft übernehmen.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist es, Freunde aus dem "anderen Lager" zu haben?

Sabine Deitschun: Solche Freundschaften sind immer eine Bereicherung. Wir werden es niemals schaffen, alle Möglichkeiten des Lebens und der Lebensformen auszuschöpfen, aber wir können teilhaben und mitfühlen und dadurch mehr vom Leben und von den Alltagsproblemen der anderen verstehen.

Berliner Morgenpost: Was ist mit der Absicht, Freundschaften wieder aufleben zu lassen, sobald die Kinder größer sind? Kann das funktionieren?

Sabine Deitschun: Man bleibt ja trotzdem Mutter oder Vater oder eben nicht. In der Praxis ist es tatsächlich so, dass es Annäherungen zwischen Freunden gibt, die sich aus den Augen verloren haben, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Denn in dieser Lebensphase müssen Eltern neue Ziele und Lebensinhalte für sich finden. Dann nähern sich nicht selten Eltern und Kinderlose wieder etwas an, in ihrer Freizeitgestaltung und in ihren Interessen, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Alter usw.