Kreuzberger Grundschule

Erst Mathe, dann Klavier

Ein Projekt an einer Kreuzberger Grundschule ermöglicht allen Kindern, ein Instrument zu lernen

Foto: Marion Hunger

Es gibt Fragen, da braucht Yasmine gar nicht lange über eine Antwort nachzudenken. An welchem Tag sie am liebsten zur Schule geht zum Beispiel. Wie aus der Pistole geschossen sagt die Neunjährige aus Kreuzberg dann: "Am Donnerstag!" Denn da steht gleich in der ersten Stunde "Klavier" auf ihrem Stundenplan.

"Da freue ich mich die ganze Woche drauf", sagt Yasmine. Ebenso wie ihre Klassenkameradinnen. Sie spielen Geige, andere Schlagzeug oder Gitarre.

Etwa jedes vierte Kind aus Yasmines Schule spielt mittlerweile ein Instrument. Dabei lassen die Eckdaten der Hunsrück-Grundschule zunächst anderes vermuten: Die Schule liegt in dem nicht unproblematischen Kiez zwischen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor, rund die Hälfte der Kinder an dieser Schule leben von staatlichen Transferleistungen. "Gerade deshalb ist ja Musik so wichtig", sagt Andrea Möllmann, Mitglied des Elternteams, das das Projekt "Musik macht uns gemeinsam stark" organisiert.

Hilfe für Hartz-IV-Empfänger

Angefangen hat das Projekt schon im Jahr 2004. Die Idee war, den Kindern der Ganztagsschule die Möglichkeit zu geben, während der Betreuungsstunden in der Schule ein Instrument zu lernen. "Denn es ist ja schon hart, nach einem langen Schultag auch noch in die Musikschule zu gehen", sagt Möllmann. Allerdings war schnell offensichtlich, dass ein großer Teil der Kinder von diesem Projekt nicht profitieren konnte, weil die Eltern nicht genug Geld hatten, um den Unterricht zu finanzieren. "Das wollten wir ändern", sagt Möllmann. Und so entstand 2007 das Förderprogramm. Mittlerweile werden von den 130 Schülern der Hunsrück-Grundschule, die ein Instrument lernen, 30 über das Förderprogramm finanziert. Im Moment können die Kinder wählen zwischen Klavier, Geige, Querflöte, Schlagzeug, Saxofon, Blockflöte und Gitarre. Vielleicht soll es bald auch noch die Möglichkeit geben, ein türkisches Saiteninstrument zu lernen. Unterrichtet wird ausschließlich von professionellen Musikerinnen und Musikern, die schon Erfahrung mit Kindern haben.

Jedes Jahr 20 000 Euro

Der organisatorische Aufwand für die Schule und den Förderverein ist groß. Für jedes Kind müsse einzeln geschaut werden, wann es eine Freistunde hat und welches Instrument zu diesem Zeitpunkt möglich ist, "aber es klappt eigentlich mittlerweile ganz gut", sagt Möllmann. Die Warteliste ist lang. Auch ihre eigene siebenjährige Tochter wartet auf einen Platz, um Klavier spielen zu lernen.

Rund 20 000 Euro sammeln die engagierten Eltern der Schule seit Beginn des Projekts jedes Jahr. Davon werden Instrumente angeschafft und die externen Musiklehrer bezahlt. "Einen Teil davon können wir durch Konzerte, CDs und Tombolas einnehmen", sagt Möllmann, "für den Rest sind wir auf Spenden angewiesen". Mal gibt es einen größeren Betrag von einer Stiftung, dann übernimmt eine Großmutter eine Patenschaft und finanziert für ein Kind den Musikunterreicht. "Irgendwie haben wir das Geld bisher zumindest immer zusammenbekommen", sagt Möllmann und lacht.

Eltern, Lehrer und Schüler stehen fest hinter dem Projekt. "Für die Kinder ist das eine wunderbare Möglichkeit zu zeigen, was sie können", sagt Andreas Probosch, Mitglied der erweiterten Schulleitung der Hunsrück-Grundschule. "Da hat dann ein Kind, das im Unterricht immer Schwierigkeiten hat mitzukommen, einen ganz großen Auftritt am Schlagzeug und wird von allen beklatscht und bejubelt. Das ist viel wert, weil die Kinder erfahren, dass sie Beifall für das bekommen, was sie leisten." Und auch im Fachunterricht, da sind sich die meisten Lehrer der Schule einig, gibt es messbare, positive Effekte. "Gerade die Kinder mit Schwierigkeiten lernen mit dem Instrument, sich besser zu konzentrieren. Der Unterricht läuft dann insgesamt einfach besser", sagt Probosch.

Yasmine hat zwar keine Schwierigkeiten in der Schule, aber trotzdem ist ihre Mutter Fadiha Guichard davon überzeugt, dass das Klavierspiel ihrer Tochter guttut. Yasmine ist die erste in der Familie, die ein Instrument lernt. Damit sie auch zu Hause üben kann, hat die Familie extra ein Klavier angeschafft. "Yasmine lernt dabei Geduld und auch, dass man bei der Sache bleiben muss", sagt ihre Mutter, "und wenn sie ihre Ruhe will, geht sie in ihr Zimmer und spielt ein bisschen", sagt Fadiha Guichard. Im Moment vor allem "99 Luftballons" von Nena. "Das macht mir so viel Spaß", sagt Yasmine. "Meistens übe ich auch freiwillig." Das ist ihrer Mutter wichtig. "Zwang", sagt Fadiha Guichard, "bringt doch nichts. Ich wünsche mir, dass sie Spaß an der Musik hat und freiwillig dabeibleibt."

Bereicherung auch für Lehrer

Bei den meisten seiner Schüler hat Lehrer Andreas Probosch da keine Bedenken. "Sie kommen immer so gut gelaunt vom Musikunterricht zurück, es macht ihnen offensichtlich viel Freude", sagt er. "Und die meisten denken auch von ganz allein an ihren Termin." Wenn es Zeit ist, nehmen sie sich ihr Instrument und gehen selbstständig zum Unterreicht. "Erfreulich, wie schnell sie dann auch plötzlich die Uhr lernen", sagt Probosch. Und lachend fügt er hinzu: "Das nennt man dann wohl lebensrelevantes Lernen." Und auch insgesamt tut die Musik dem Schulklima gut. Andreas Probosch zum Beispiel freut sich jedes Mal, wenn er im Sommer über den Schulhof geht und er aus dem einen geöffneten Fenster Geigenmusik hört und aus einem anderen Gitarre. "Dieses Projekt ist ein Geschenk", sagt er, "für die Kinder, aber auch für uns Lehrer".

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