Interview mit Thomas Feibel

Vom Plastik-Ungetüm zur Wii

Kindersoftware hat sich seit den 90er-Jahren enorm entwickelt. In Berlin gibt es die größte Sammlun

Thomas Feibel ist Buchautor und Journalist und betreibt in Wilmersdorf das Büro für Kindermedien Berlin. Seit den frühen 90er-Jahren hat er die Entwicklung auf dem Kindersoftwaremarkt begleitet, Kindermedien gesammelt und getestet. Seine Sammlung ist nun Teil der historischen Sammlungen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) und steht dort für wissenschaftliche Zwecke und zum Ausprobieren zur Verfügung. Gerlinde Schulte sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost: Herr Feibel, Sie haben der Landesbibliothek Berlin mit ihrer Kindersoftware-Sammlung 15 000 Medien zur Verfügung gestellt. Sind das ausschließlich Spiele?

Thomas Feibel: Der Schwerpunkt der Sammlung liegt bei Kindersoftware, das heißt, sie besteht neben Lernsoftware aus Computer- und Konsolenspielen.

Berliner Morgenpost: Seit wann gibt es denn überhaupt Kindersoftware?

Thomas Feibel: Bis zu den 90er-Jahren gab es nur Lernsoftware auf Disketten. Damals wollten Eltern ihre Kinder nur an den Computer lassen, wenn sie etwas "Sinnvolles" machen. Mitte der 90er kamen dann die ersten multimedialen und interaktiven Kindersoftwaretitel auf CD-ROM heraus, die Spielen und Lernen miteinander verknüpften. Nach einer wahren Flut von Titeln begann das Angebot nach einer Weile immer stärker zu schrumpfen, bis Nintendo mit DS und Wii die Familie zur neuen Zielgruppe erklärte. Seitdem verlaufen die Grenzen zwischen Kindersoftware und Computerspielen fließend.

Berliner Morgenpost: Was sind die ersten Stücke in Ihrer Sammlung?

Thomas Feibel: 1992 erschien in den USA "Just Grandma And Me", einer der ersten Kindersoftwaretitel, der dann bald auf Deutsch herauskam. 1995 gab es die deutsche Produktion "Max und die Geheimformel". Beide waren hübsche, illustrierte und animierte Bilderbuchgeschichten mit Spiel- und Suchelementen. In der Sammlung gibt es aber auch recht viel Kurioses.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Thomas Feibel: Ein Backspiel von Fisher Price: Am Computer lief eine CD-ROM, und über die Tastatur wurde ein Plastikungetüm gestülpt, das eine Minibäckerei darstellte. So wurden die Tasten etwa über die Backrolle oder die Knethaken bewegt. Diese Kombination von Spielzeug und PC hat sich nicht durchgesetzt. Ebenso wenig wie das DS-Spiel "Malen nach Zahlen mit Panzern".

Berliner Morgenpost: Haben Sie bewusst Spiele ausgelassen?

Thomas Feibel: Nein, die Sammlung zeigt die ganze Bandbreite und damit sowohl die Positiv- als auch die die Negativ-Highlights der Kindersoftware. Die Sammlung spiegelt meine Arbeit und hat als Grundidee einen wissenschaftlichen Ansatz. Sie soll als die größte Kindersoftware-Sammlung Deutschlands eine Entwicklung abbilden und auch Medienwissenschaftlern für ihre Forschung dienen. Wir aktualisieren die Sammlung für die ZLB jedes Jahr.

Berliner Morgenpost: Können Eltern ihre Kinder allein in die Gamelounge schicken?

Thomas Feibel: Kleinen Kindern empfiehlt die Bibliothek das nicht. Wer allein hingeht, sollte schon zwölf bis 14 Jahre alt sein. Die Bibliothekare achten darauf, dass die Altersbeschränkungen respektiert und die Kinder eingewiesen werden. Davon abgesehen sind natürlich auch Eltern, die gemeinsam mit kleineren Kindern hingehen wollen, um Spiele kennenzulernen und sich zu informieren, willkommen. Für unbegleitete Grundschulkinder ist die Kinder- und Jugendbibliothek ein besserer Ort.

Berliner Morgenpost: Wie haben sich Kindercomputerspiele bis heute entwickelt?

Thomas Feibel: Am PC ist es mit CD- oder DVD-ROMs ruhiger geworden, was aber auch mit den sozialen Angeboten des Internets zu tun hat. Wii und Kinect haben das Konsolenspiel revolutioniert, nur die Apps sind oft leider lieblos und ideenfrei. Die mangelnde Qualität liegt aber auch am Preis, im Vergleich zu Konsolenspielen sind Apps natürlich extrem billig.

Berliner Morgenpost: Haben Smartphones wie das iPhone nicht schon die Rolle des Gameboys übernommen?

Thomas Feibel: Wenn Sie ein iPhone haben und Kinder, dann hatten Sie ein iPhone. Die Spiele darauf sind intuitiv erfassbar und haben oft kurze Runden. Sicherlich haben es Konsolenspiele durch Gratis-Apps und Angebote unter einem Euro schwerer. Apps lösen die anderen Spiele, in die man sich länger vertiefen kann, aber nicht ab. Der App-Markt ist heute so unübersichtlich wie vor ein paar Jahren der Kindersoftwaremarkt. Ich versuche nun gerade, das Dickicht auch für Apps zu lichten.

Berliner Morgenpost: Gibt es richtig gute Kinder-Apps?

Thomas Feibel: Für Kinder ab sieben Jahren ist "SpyMouse" ein tolles Denkspiel. Es gibt "Meine 1. App" für Kinder ab drei Jahren, und erstaunlich gut gemacht. Sie nutzt die technischen Möglichkeiten des iPhones aus, indem Kugeln balanciert oder Puzzleteile verdreht werden müssen. Generell finde ich es jedoch nicht gut, wenn Dreijährige Computerspiele oder mit Apps spielen. Wer aber ganz kleine Kinder ranlässt, sollte auf Qualität achten.

Berliner Morgenpost: Welches Alter würden Sie denn empfehlen?

Thomas Feibel: Meiner Meinung nach reicht es aus, wenn Kinder erst ab fünf oder sechs Jahren an den Computer, die Konsole oder Apps gelassen werden. Sie sollten zuerst die Chance haben, sich selbst kennenzulernen und ihre körperlichen Fähigkeiten einzuschätzen.

Berliner Morgenpost: Sollten Eltern die Computerzeit begrenzen wie früher beim Fernsehen?

Thomas Feibel: Reine Computer- oder Fernsehzeiten bringen heute wenig. Die Medien vermischen sich: Auf dem PC kann man fernsehen, auf dem Handy mailen und spielen et cetera. Man sollte mit den Kindern deshalb Medienzeiten vereinbaren. Sie sollten dann selbst bestimmen dürfen, ob sie sich für ein PC-Spiel oder eine Lieblingsfernsehsendung entscheiden. So lernen sie, aus dem Überangebot auszuwählen. Ab zwölf Jahren halte ich 60 bis 90 Minuten für sinnvoll, bei Sechs- bis Achtjährigen eher eine halbe oder dreiviertel Stunde. Weil einige Spiele aber länger dauern, sollten auch Eltern hinschauen und flexibel bleiben.

Berliner Morgenpost: Verlernen Kinder durch Computerspiele das freie Spielen?

Thomas Feibel: Kinder werden durch die Medien heute schneller erwachsen. Im Amerikanischen nennt man das "age compression". Sie schauen früher durch die "Erwachsenenbrille". Der Spielzeugmarkt hört auch ziemlich früh auf, schon Zehnjährige wünschen sich digitale Spiele. Daher verlernen viele früher, ins freie Spiel abzutauchen - das sollten wir unseren Kindern jedoch so lange es geht ermöglichen.

Berliner Morgenpost: Können sie beim Computerspielen nicht auch viel lernen oder trainieren?

Thomas Feibel: Sicher, man hört häufig von feinmotorische Fähigkeiten, Schnelligkeit und Geschicklichkeit, die mit Computerspielen gefördert werden, aber dieses blinde Loben von Spielen finde ich genauso verwerflich wie das Verteufeln.

Berliner Morgenpost: Machen Spiele einsam oder fördern sie die Kommunikation?

Thomas Feibel: Kinder spielen am liebsten in Gesellschaft. Auch wenn die meisten Spiele für Einzelspieler konzipiert sind, sitzen sie oft zu zweit oder zu dritt vor dem Computer. Anders als beim Erwachsenenmarkt hatten die Kindersoftwarehersteller lange nicht verstanden, dass sie eine Multiplayerfunktion einbauen sollten. Spielen in der Gemeinschaft ist wichtig und macht Kindern mehr Spaß. Deshalb sind auch Angebote wie "New Super Mario Galaxy Bros" für die Wii, das man zu dritt oder viert spielen kann, so beliebt bei Kindern. Auch bei Kinect und den digitalen Lego-Spielen kann ganz einfach ein zweiter Spieler einsteigen. Das kommt an.

Berliner Morgenpost: Sie bewerten seit Jahren Kindercomputerspiele. Nach welchen Kriterien?

Thomas Feibel: Spiele sollten handwerklich gut gemacht sein und Kinder an die Hand nehmen: altersgerecht erklären, sie fordern, ohne zu überfordern, und einen Wiederspielwert besitzen. Vor allem aber sollten sie Spaß machen und zum Staunen bringen. So wie ich das auch vom Kino kenne.

Berliner Morgenpost: Was sollten Eltern über Computerspiele wissen oder beachten?

Thomas Feibel: Eltern können sich im Internet informieren und ein eigenes Urteil bilden. Man muss nicht alles kaufen. Schließlich gibt es Bibliotheken, in denen sie alles ausprobieren oder ausleihen können. Auf jeden Fall sollten sie die Altersangabe USK beachten. Vorsicht: Die USK-Zahlen sind Unbedenklichkeitserklärungen im Sinne des Jugendschutzes, keine Altersempfehlungen.